ZEIT ONLINE: Die Banken in Deutschland geraten durch die Digitalisierung stark unter Druck. Die österreichischen Sparkassen hingegen stehen ganz gut da. Warum?

Peter Bosek: Weil wir schon früh einen anderen Weg gegangen sind. Das ausschlaggebende Ereignis war die Finanzkrise 2008. Da ist uns bewusst geworden: Entweder wir werden als Bank zu einem reinen Infrastrukturanbieter für Bankdienstleistungen oder wir setzen voll auf individuelle Bankprodukte für unsere Kunden. Die Digitalisierung ermöglicht uns genau das. Als Sparkasse in einem kleinen Land wie Österreich darf man dabei aber das analoge Geschäft nicht vergessen. Wir versuchen seither, die digitalen Möglichkeiten – etwa unsere Online-Plattform George – mit der analogen Welt gewissermaßen zu verheiraten und entwickeln Produkte, die individuell auf die Bedürfnisse unserer Kunden zugeschnitten sind.

ZEIT ONLINE: Kann man denn mit einer Fokussierung auf Privatkunden die notwendigen Renditen erzielen? Die Postbank führte jüngst Kontoführungsgebühren für fast alle ihrer 5,3 Millionen Girokonten ein.

Bosek: Die österreichischen Sparkassen sind Traditionsunternehmen, unser Geschäft war schon immer vor allem das mit den Privatkunden. Allerdings herrschte lange Zeit das Dogma: "Kunden sind für die Bank da", manche Banker haben das immer noch so verinnerlicht. Heute haben wir gelernt: "Die Bank ist für den Kunden da". Das treibt uns und unsere Entwicklung an. Die Fokussierung auf die Kunden bedeutet aber, bei den Dienstleistungen noch viel stärker zu werden. Bisher funktioniert das gut, das Geschäft ist zufriedenstellend – so konnte die Erste Group im ersten Halbjahr einen Nettogewinn von mehr als 840 Millionen Euro erzielen. 

ZEIT ONLINE: Nachrichten wie die der Commerzbank in Deutschland, über 9.000 Stellen zu streichen, wird es bei Ihnen also nicht geben? Wie ist die Stimmung bei Ihnen im Unternehmen?

Bosek: Aktuell herrscht bei uns eine zuversichtliche Stimmung und von einer Krise kann bei uns keine Rede sein. Das liegt vor allem auch daran, dass unsere Mitarbeiter Spaß an der Sache haben und an Innovationen interessiert sind. Und das ist nicht unbedingt üblich im Bankensektor. Gefühlt kommen diese Meldungen von Stellenstreichungen in europäischen Bankenszenen immer häufiger vor. Aber bei Erste Group und dem österreichischen Sparkassensektor schlagen sie keine großen Wellen, wie es noch vor ein paar Jahren der Fall gewesen wäre.

ZEIT ONLINE: Dann verraten Sie uns das Erfolgsgeheimnis der österreichischen Sparkassen. Warum geht es Ihrem Institut besser als vielen anderen in der Branche?

Bosek: Wir setzen darauf, selbst Innovationen zu schaffen und konzentrieren uns dabei auf die Bedürfnisse unserer Kunden. Innerhalb der Erste Group und dem Sparkassensektor haben wir recht früh angefangen, nicht nur Banker, sondern auch IT-Spezialisten, Designer, Entwickler und Markenspezialisten zu beschäftigen. Seit Ende 2012 gibt es das Erste Hub, unser eigenes Innovation Hub, wo viele Nicht-Banker arbeiten. Dieser frische Blick ist wichtig. Die Einbindung des Hub's war zu Beginn schon eine kulturelle Herausforderung für uns als traditionelle Bank. Aber es hat sich mehr als gelohnt – war es doch auch die Geburtstätte von George und die Plattform hat uns einen erheblichen Wettbewerbsvorteil verschafft. 

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Bosek: Im sLab können unsere Kunden außerdem eigene Ideen einbringen und auch Kritik an Produkten äußern. So haben wir in der Beta-Phase von unserem Online-Banking die Kunden nach ihrer Meinung gefragt und festgestellt, dass wir ihnen viel mehr zuhören müssen. Die Ideen und auch die Kritik haben das Produkt noch einmal stark verändert. In anderen Branchen ist es ganz normal, Kunden vorab testen zu lassen und nach Feedback zu fragen. Wir Banken sind da erst etwas später drauf gekommen. Außerdem ist es gut für unsere Unternehmenskultur. So merken unsere Mitarbeiter, dass das, was sie hier tun, auch wirklich unsere Kunden interessiert.

ZEIT ONLINE: Das heißt, Sie lagern Innovationen nicht wie andere einfach aus, indem sie Fintechs kaufen?

Bosek: Einerseits kooperieren wir mit Fintechs, besonders beim Zahlungsverkehr. Beispielsweise haben wir eine Kooperation mit dem Start-up predictR angefangen. predictR macht Cash-Flow-Analysen, welche die Zahlungsströme auf den Kundenkontos beobachten und dem Kunden so vorhersagen können, wann er sich eine große Investition leisten kann, wie zum Beispiel den Kauf eines Autos. Das gibt dem Kunden Planungssicherheit. Das ist, vor allem in diesen wirtschaftlich herausfordernden Zeiten, extrem wichtig.

Andererseits sind wir als große Bank für Fintechs interessant, da wir über einen großen Stamm von mehr als 15 Millionen Kunden verfügen. Ich persönlich denke aber, dass aktuell eine Überbewertung vieler Fintechs stattfindet. Nicht alle werden die zweite oder dritte Finanzierungsrunde überstehen.