Viele Deutsche zeigen in der Öffentlichkeit eher ihr Adam- und Eva-Kostüm als ihre Kontoauszüge. Die ansonsten als spießig verschrienen Deutschen lassen beim FKK alle Hüllen fallen, aber vor dem konkreten Gehalt prangt ein großes Feigenblatt. Das Thema Lohn ist ein Tabu. Selbst bei anonymen Telefonbefragungen ziehen es die meisten vor, keine Angaben zu machen.

Wir brauchen transparente Gehälter! Das beginnt schon bei den Stellenanzeigen: "Wir bieten eine faire Bezahlung" oder "attraktive Vergütung" steht da oft. Und dann stellt sich im Bewerbungsgespräch heraus, dass bloß der Mindestlohn von 8,50 Euro gezahlt wird. Na, vielen Dank auch. In Österreich ist es gesetzlich vorgeschrieben, dass in den Stellenanzeigen ein konkretes Mindestgehalt steht. Ein Inserat für Floristen in Graz liest sich dann so: "Das Mindestentgelt beträgt 1.780 Euro brutto im Monat auf Basis einer Vollzeitbeschäftigung von 38,5 Stunden." Endlich mal Fakten. Manche österreichische Firmen machen jedoch keine Angabe und nehmen lieber ein Bußgeld in Kauf; und auch das Mindestgehalt wird oft mit dem Zusatz versehen, dass Luft nach oben bestünde. Besser wäre da sicherlich eine konkrete Gehaltsspanne, wie sie etwa britische Unternehmen nennen müssen.

Familienministerin Manuela Schwesig will Mindestentgelte in Stellenanzeigen gesetzlich vorschreiben. Außerdem möchte die Ministerin ein Auskunftsrecht einführen: Jeder Lohnarbeiter könnte dann erfahren, was die Kollegen auf vergleichbaren Positionen verdienen. Dabei geht es nicht um Personen – die Daten sind anonymisiert –, sondern um Jobs und deren Entlohnung. Im Öffentlichen Dienst kann man ohnehin schon in den Tabellen nachschauen, wer was verdient – warum also nicht auch in der freien Wirtschaft? Volkswirte fantasieren gerne von einem Markt, auf dem die sogenannte "vollständige Information" herrscht: Alle Akteure sind perfekt über die transparenten Angebote und Preise der anderen Akteure informiert, alle Fakten liegen auf dem Tisch. Wenn ich ein Stück Butter im Supermarkt kaufen oder mein Fahrrad auf dem Flohmarkt verkaufen will, dann müssen die Preise doch auch bekannt sein. Aber die Gehälter fallen offenbar nicht unter die gepriesenen Axiome der Marktwirtschaft – sie werden gehütet wie BND-Akten.

Der Gesetzesentwurf, über den die GroKo gerade debattiert, soll auch die Gender Pay Gap eindämmen, also die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen: "Die Arbeitgeber sollen sich nicht weiter auf diese Blackbox verlassen können. Wie soll ich als Frau gut verhandeln, wenn ich nicht weiß, was rechts und links von mir bezahlt wird?", fragt Manuela Schwesig völlig zu recht. Laut Statistischem Bundesamt verdienen Frauen hierzulande 21 Prozent weniger als Männer – das ist der viertschlechteste Wert in der EU. Bereinigt man den Wert und vergleicht Frauen und Männer mit derselben Qualifikation und Erwerbsbiografie, dann verdienen Frauen noch immer sieben Prozent weniger. Fakt ist auch, dass die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern überall dort geringer ist, wo Tarifverträge gelten und Betriebsräte mitbestimmen. Aber mittlerweile hat hierzulande nur noch knapp die Hälfte aller Erwerbstätigen einen Tarifvertrag. Wer genau weiß, was die Kollegen verdienen, ist deutlich besser für Gehaltsverhandlungen gewappnet. Das geplante Gesetz kommt natürlich genauso Männern zugute, die bei gleicher Arbeit keinen gleichen Lohn erhalten.

Im Jahr 2012 erschien eine Studie, die sich mit den Folgen der Gehaltstransparenz befasste: Zufällig ausgewählte Bedienstete einiger Universitäten im US-Bundesstaat Kalifornien durften auf einer Internetseite nachgucken, was die anderen Bediensteten verdienen. Ergebnis: Rund 80 Prozent der Studienteilnehmer wollten zuerst wissen, was ihre Kollegen in der gleichen Berufsgruppe erhalten. Dabei kam es zu einer "deutlich verminderten Zufriedenheit unter denjenigen Beschäftigten, deren Gehalt unterhalb des Durchschnitts lag – je größer der Abstand zum Durchschnitt, desto größer ist die Unzufriedenheit", so die Forscher.

Deshalb warnen der Bundesverband der Deutschen Industrie und andere neoliberale Lobbyverbände vor "Unfrieden und starken Tumulten", sollten die neuen Gesetze zur Lohntransparenz eingeführt werden. Aber hey, das ist ja gerade der Witz an der Sache! Natürlich sollen alle, die zu wenig verdienen, unzufrieden sein, ja, sie sollen auf die Barrikaden steigen und mehr Lohn einfordern!

Schließlich bieten sie ihre Arbeitskraft auf dem "freien Markt" feil und verscherbeln wertvolle Lebenszeit. Lohnarbeit ist kein Zuckerschlecken, sondern Broterwerb – da zählt jeder Cent. Über 60 Prozent der deutschen Erwerbstätigen befürworten eine Lohntransparenz, zumal nur 35 Prozent der Männer und 20 Prozent der Frauen sagen, dass ihr Arbeitgeber nachvollziehbare Informationen zur internen Gehaltsstruktur rausrückt.