Weit über den Gesetzesentwurf hinaus geht eine öffentliche Lohntransparenz: Im bereits erwähnten Kalifornien kann mittlerweile jeder online nachlesen, was die rund 300.000 Staatsangestellten verdienen – namentlich wohlgemerkt. Das junge Internetunternehmen WP Media veröffentlicht ebenfalls die Gehälter seiner Beschäftigten im Internet mit einer genauen Aufschlüsslung nach Vornamen, Grundgehalt, Bonuszahlungen, Berufsgruppe, Anzahl der Kinder und Wohngebiet. Inzwischen haben viele andere Unternehmen nachgezogen.

Vorreiter dieser öffentlichen Lohntransparenz sind Schweden und Norwegen: In Schweden sind die Steuern, die alle Bürger zahlen, schon seit dem Jahr 1766 öffentlich einsehbar. Jeder weiß vom anderen, was er oder sie verdient. In Norwegen sind die Steuerdaten seit 1863 transparent – im Oktober 2001 wurden die Löhne aller Bürger sogar ins Internet gestellt, was laut den norwegischen Ökonominnen Mari Rege und Ingeborg Solli zu einem "einzigartigen Informationsschock" führte. Die beiden Forscherinnen untersuchten in einer Studie, welche Konsequenzen dieser Schock hatte: Viele norwegische Niedrigverdiener verglichen die Gehälter, kündigten und suchten sich dann einen neuen Job. Anschließend stiegen die Löhne der Niedrigverdiener landesweit um 4,8 Prozent. Transparenz kann also zu mehr Geld in der Lohntüte führen.

Warum nicht alle Gehälter öffentlich machen?

Öffentliche Gehälter sind sicherlich die extremste Form der Lohntransparenz, selbst viele Norweger stehen dieser Praxis skeptisch gegenüber. Doch zumindest namentlich anonymisiert sollten in Stellenanzeigen und innerhalb von Unternehmen die Löhne bekannt sein. Diesen Weg befürwortet die Mehrheit der deutschen Lohnarbeiter, kritische Stimmen kommen eher aus der konservativen Ecke und von Besserverdienern. Bei der Lohntransparenz geht es nicht um Futterneid, vielmehr soll ein Minimum an Gerechtigkeit hergestellt werden – zwischen den Geschlechtern und zwischen Niedrig- und Besserverdienern.

"Für die Kapitalisten sind Arbeiter und Angestellte, die sie heute mit einem euphemistischen und kostenlosen Schmeichelwort gern 'Mitarbeiter' zu titulieren pflegen, die natürlichen Feinde. Auf sie mit Gebrüll! Drücken, drücken: Die Löhne, die Sozialversicherung, das Selbstbewußtsein – drücken, drücken!", schrieb Kurt Tucholsky bereits 1931.

Um die immer größer werdende Lohnschere zu schließen, brauchen wir höhere und womöglich transparente Steuern für Besserverdiener (Stichwort Spitzensteuersatz und Vermögenssteuer). Doch um diese Schere überhaupt erst verstehen und anschließend schließen zu können, brauchen wir auch transparente Löhne. Die Taschen der Armen sind ohnehin leer, nur die Reichen haben etwas zu verbergen, sei es auf der Steuererklärung oder auf dem Kontoauszug. Also: Weg mit dem Feigenblatt! Und mehr FKK beim Gehalt wagen!