"Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will!" So heißt es im Bundeslied für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein, aus dem später die SPD werden sollte. 1863 wurde der Text geschrieben, inmitten der industriellen Revolution. Es war die Zeit, als die Arbeiterinnen und Arbeiter anfingen, sich zu organisieren und gemeinsam ihre Interessen für humanere Arbeitsbedingungen zu vertreten. Den Menschen wurde damals klar, dass sie als Individuum wenig, aber als Gruppe viel erreichen konnten – die Gewerkschaftsbewegung war geboren. Die Wirtschaft war damals angewiesen auf den Faktor Mensch und wenn dieser drohte, die Arbeit niederzulegen, wenn sich die Bedingungen seiner Arbeit nicht verbesserten, war das ein starker Hebel.

In der Arbeitswelt 4.0 spielt der starke Arm nur noch eine untergeordnete Rolle. Das Internet der Dinge tritt an die Stelle der bisher der Denkleistung von Menschen vorbehaltenen Teile der Arbeitswelt. Die Digitalisierung bedeutet einen revolutionären Umbruch – zurück zu einer Individualisierung und Vereinzelung der Arbeitnehmerschaft. Die Arbeiter von heute, das sind immer mehr Soloselbstständige, Click- und Crowdworker, oft ohne jede Rechte.

Mit diesen Umwälzungen in der Arbeitswelt verändert sich auch die Rolle der Gewerkschaften. Gerade ihnen kommt eine Schlüsselfunktion bei der Gestaltung der Arbeitswelt von morgen zu. Und nachdem die Beschäftigten im Dienstleistungsbereich mittlerweile einen Anteil von rund 75 Prozent an der Gesamtwirtschaft ausmachen, haben wir als Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) eine besondere Verantwortung. Wir nehmen diese Herausforderung an, haben aber auch Respekt vor der Größe unserer Aufgabe.

Die Arbeitswelt braucht eine soziale Klammer

Die Arbeitswelt wird immer differenzierter. Um klassische Dienstleistungsbereiche entstehen neue, netzbasierte Angebote, die untereinander, aber auch mit den traditionellen Unternehmen im Wettbewerb stehen. Man denke etwa an das Taxiunternehmen Uber oder das Übernachtungsportal Airbnb. Mit dazu gehören vor allem unzählige kleine Dienstleister, die zunehmend Arbeiten für die traditionellen Unternehmen übernehmen. Oft entledigen sich Unternehmen dabei ihrer Risiken. Sie schreiben etwa Entwicklungsaufträge aus und vergeben diese komplett an Softwaredienstleister die zum Zeitpunkt x das fertige Produkt zu liefern haben, zu einem möglichst günstigen Preis. Wer hier als Freelancer den Auftrag haben möchte, muss oft knapp kalkulieren – und genießt dabei nicht den Schutz, der für Arbeitnehmer in einem sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis gilt.

In der Clickworker- und Crowdwelt herrscht ein ungerechter Wettbewerb, bei dem die Beschäftigten auf sich gestellt sind. Allein ihre Möglichkeiten und ihr Verhandlungsgeschick entscheiden, zu welchen Bedingungen sie arbeiten (müssen). Das ist die eine Seite der Medaille.

Die andere ist, dass viele Menschen gerne in dieser relativen Freiheit arbeiten, sich ihre Arbeitsbedingungen ihren individuellen Bedürfnissen entsprechend schaffen wollen. Diese Freiheit zu erhalten und zu vergrößern, ist eine der größten Herausforderungen einer Gewerkschaft. Ich bin der festen Überzeugung, dass die allermeisten Menschen bereit sind, für ihre Interessen einzutreten und politische und soziale Entwicklungen in ihrem Sinne herbeizuführen. Es bleibt auch in Zukunft wichtig, dass sich die Einzelnen zusammenschließen. Schon heute sind über 30.000 Selbstständige und Freiberufler bei ver.di organisiert. Viele andere sind es noch nicht – der digitale Wandel wird es aber nötig machen, dass sich Gewerkschaften noch stärker auf das Individuum einstellen und die zukünftigen Mitglieder auf neuen Wegen erreichen, mit persönlicher Ansprache, in der wir sie fragen, was sie von ihrer Gewerkschaft erwarten.

Einer dieser Wege sind Plattformen – die der Gewerkschaften und die der Crowdworker. Will man die Interessen von Beschäftigten vertreten, muss man sie an ihren Arbeitsplätzen abholen und ihnen Angebote machen, wie sie mit uns als Gewerkschaft ihre Arbeitsbedingungen und die sozialen Rahmenbedingungen verbessern können. Das funktionierte in der analogen Welt und es funktioniert auch in der digitalen Welt.

Unverzichtbar ist dabei dabei neben der persönliche Ansprache das Eingehen auf die individuelle Arbeitssituation. Unverzichtbar ist auch die Möglichkeit, sich auf Zeit und in einem bestimmten Projekt in der Gewerkschaft zu organisieren. Derzeit befragen wir beispielsweise Crowdworker in einer Umfrage nach ihrer Arbeitssituation, zum einen, um in Erfahrung zu bringen, was gut läuft, da, wo Menschen sich die Freiheit nehmen, weltweit vernetzt ihre Arbeitskraft anzubieten, aber auch, um herauszufinden, was ihre Freiheit einschränkt und wo sich für uns als Gewerkschaft neue Handlungsfelder herauskristallisieren.

Allerdings: Gewerkschaften können diese Themen nur mit den Mitgliedern gemeinsam, aber nicht stellvertretend für sie bearbeiten. Und so wählen wir den Ansatz, ganz konkret da, wo es Missstände gibt, diese zu benennen und dafür zu werben, sich bei uns zu engagieren und Missstände mit der Gewerkschaft und als aktiver Teil der Gewerkschaft zu beheben. Ein aktuelles Beispiel dafür sind die Arbeitsbedingungen der Freien im ZDF, so sich schon über 300 Journalistinnen und Journalisten organisiert haben, um eine Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen zu erreichen.