In einer beispiellosen Aktion haben sich zahlreiche Beschäftigte von TUIfly überraschend krankgemeldet – und den Betrieb der Fluggesellschaft damit nahezu lahmgelegt. Am Freitag sollten 108 Flüge ausfallen, 9.000 Kunden waren Medienberichten zufolge betroffen. Sogar die Politik mischt sich ein: Olaf Lies (SPD), der Wirtschaftsminister Niedersachsens, wo TUIfly seinen Sitz hat, hat Unternehmens- und Belegschaftsvertreter sowie Abgesandte der Gewerkschaften ver.di und Cockpit für Freitagabend zu einem runden Tisch eingeladen.

Der Schaden für TUIfly und nicht zuletzt für die gesamte TUI-Gruppe ist groß: Europas größter Touristikkonzern, zu dem die Airline gehört, steht wirtschaftlich eigentlich gut da. Nun ist sein bislang gutes Image stark beschädigt. Tausende Kunden sind stinkwütend. Sie können ihre Urlaubsreise nicht antreten oder sitzen irgendwo im Ausland fest.

Kommen sie nicht rechtzeitig zurück, haben die TUIfly-Kunden sogar mit Gehaltsabzügen zu rechnen, denn der Arbeitgeber darf Fehltage vom Lohn abziehen. Ein realer Schaden, den die Betroffenen dann sicherlich von TUI ersetzt bekommen wollen. Klar ist: Die Airline muss den Kunden den Reisepreis erstatten. Die wirtschaftlichen Einbußen für den Reiseanbieter dürften also hoch sein.

Zwar sind Erkrankungen der Beschäftigten normalerweise Umstände höherer Gewalt, also etwas, wofür der Arbeitgeber nichts kann. Der Verdacht liegt aber nahe, dass die Krankmeldungen der Piloten und Crewmitglieder eine Reaktion auf die geplanten Umstrukturierungen und die bisherige Kommunikation mit den Beschäftigten bei der Airline sind. "Sick-out" wird so eine Maßnahme genannt – und sie ist streng genommen illegal.

Der TUI-Gruppe geht's gut

Um zu verstehen, warum die Beschäftigten zu einer so drastischen Maßnahme greifen, muss man die Hintergründe kennen. Die Mitarbeiter machen sich große Sorgen um ihre Arbeitsplätze. Weil TUI Flüge bei Billigairlines ohne gute Tarifverträge für die Piloten und Crewmitglieder einkaufen und so seinen Gewinn steigern kann, möchte das Management die hauseigene Flotte loswerden.

Es steht ein tiefgreifender Umbau an. Das Management verhandelt mit der arabischen Fluggesellschaft Etihad über den Verkauf von TUIfly. Dann könnte die Airline zusammen mit der hoch verschuldeten Air Berlin, an der Etihad ebenfalls beteiligt ist, in eine neue Dachholding für Ferienflieger integriert werden. Hier würde TUIfly gegen billigere Airlines konkurrieren. Mittelfristig würde das Branchenkennern zufolge dazu führen, dass TUIfly nicht mehr konkurrenzfähig ist – und abgewickelt würde.

Hat TUI angesichts wirtschaftlich schwerer Zeiten keine andere Wahl? Die Arbeitnehmervertreter bestreiten das. Denn auch wenn Wettbewerb und Preiskampf unter den Airlines hart sind: Der TUI-Gruppe geht es gut. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete der Touristikkonzern ein Konzernergebnis von 379,6 Millionen Euro, über 40 Prozent mehr als im Vorjahr. Mit der Marke verbinden die Kunden Qualität – und das bedeutet eben auch, dass die Mitarbeiter anständig bezahlt werden.

Hinzu kommt, dass sich das Management über die Verhandlungen und die Zukunft der Airline verschlossen gibt – auch den eigenen Mitarbeitern gegenüber. Wie sollen sich Mitarbeiter also fühlen, wenn sie aus den Medien erfahren, dass ihre Jobs gefährdet sind? Untersuchungen wie etwa der Gesundheitsreport der DAK belegen, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen der Zufriedenheit und Sicherheit des Arbeitsplatzes und dem Krankenstand im Unternehmen gibt. Konkrete, akute Jobangst oder Sorgen um die Zukunft des Unternehmens sind psychische Belastungen und können eine ganze Belegschaft aus der Bahn werfen. Wenn die Piloten und Crewmitglieder nachts nicht schlafen können, weil sie Existenzangst haben, ist es für alle besser, wenn sich diese Mitarbeiter am nächsten Tag kurzfristig krank melden.