ZEIT ONLINE: In Ihrem Buch Sheconomy beschreiben Sie die Chancen der neuen Arbeitswelt für Frauen. Welche sind das, Frau Funken?

Christiane Funken: In Zukunft fallen viele gering qualifizierte und standardisierte Jobs weg. Gleichzeit werden neue, eher (hoch-)qualifizierte Tätigkeiten benötigt, die nah am Menschen, also nicht standardisierbar sind, um komplexe und kundenspezifische Innovationen zu entwickeln. Diese Wissensarbeit erfolgt üblicherweise im interdisziplinären Projektteam, häufig zusammen mit dem Kunden. Da treffen verschiedene Kulturen und Denkstile aufeinander – und das erfordert viel Einfühlungsvermögen, Offenheit und Integrationskraft, aber auch Konfliktfähigkeit und psychologische Gespür für die Empfindlichkeiten der Kunden – Anforderungen, für die Frauen besonders gut vorbereitet sind.

ZEIT ONLINE: Sind das nicht eher Geschlechterklischees?

Funken: Auf den ersten Blick durchaus, aber ich bin keine Biologistin und sage, Frauen sind so und Männer so. Soziale Kompetenzen sind Sozialisationseffekte und Resultate von Erziehung. Diese unterscheiden sich bei Jungen und Mädchen nach wie vor.

Mädchen wachsen in einer Welt auf, in der ihnen ständig erzählt wird, dass sie empathischer seien als Jungen. Und dass sie besser kommunizieren könnten. Und wer glaubt, in einer Fähigkeit besonders gut zu sein, ist es am Ende auch. Hinzu kommt, dass sich die traditionelle Rollenverteilung zwar stetig ändert. Aber immer noch sind es überwiegend Frauen, die maßgeblich die Doppelbelastung von Familie und Beruf meistern. Ist das Kind oder zum Beispiel die Großmutter krank, sind es doch in der Regel die Frauen, die flexibel und schnell eine Lösung finden müssen. Das erfordert eine effiziente Vernetzung, gute Selbstorganisation, Flexibilität und Kreativität. Diese Fähigkeit braucht die Arbeit.

ZEIT ONLINE: Wie unterstützt die neue Arbeitswelt arbeitende Mütter konkret?

Funken: Aktuell noch zu wenig. Aber die Entwicklung zwingt die Unternehmen dazu, ihre wichtigste Ressource im harten Wettkampf um den Kunden, das heißt die Kreativität und das Engagement ihrer MitarbeiterInnen, zu fördern und zu binden. Deswegen wird auch immer häufiger die Personalentwicklung in die Strategie des Unternehmen integriert. Das war früher nicht so. Was die Frauen betrifft, so sind unter anderem flexiblere Arbeitszeitmodelle, mehr Homeoffice und auch lebensphasenorientierte Personalpolitik vonnöten.

Insgesamt führen die Digitalisierung, ein anderes Verständnis von Arbeit – immerhin wollen immer mehr Menschen eine Tätigkeit, die ihnen auch ein Gefühl von Sinnhaftigkeit gibt – und die sich ändernden Geschlechterverhältnisse zu einer noch nie dagewesenen historischen und fundamentalen Veränderung unserer Arbeitswelt. Und die können und sollten Frauen aktiv mitgestalten.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Buch geben Sie Frauen verschiedene Karrieretipps. Was ist Ihrer Meinung nach denn der wichtigste Ratschlag?

Funken: Den einen Tipp gibt es nicht. Eine Kombination unterschiedlicher Strategien ist wichtig. Nur so viel: Frauen sollten sich im Unternehmen Verbündete suchen und gezielt netzwerken, um den Wandel der Arbeitswelt mitgestalten und auch selbst weiterzukommen. Sie sollten ihre Stärken als Marktwert erkennen.

Und: Moderne Frauen wollen Macht, um die Strukturen und Kulturen zu ändern, unter denen die Generationen vor ihnen gelitten haben. Um neue Ideen durchzusetzen, um Fürsprecher für Projekte zu finden und um Einfluss auf die Entwicklung der Arbeitswelt im Sinne der Frauen zu nehmen.