ZEIT ONLINE: Frau Graff, was können Führungskräfte von Kampfkunst lernen?

Sunny Graff: Respekt, Selbstkontrolle und Harmonie von Körper, Geist und Emotionen – und das wirkt nicht nur auf sich selbst, sondern auch auf andere. Es geht gar nicht ums Gewinnen. Sondern es geht darum, mit Leichtigkeit ans Ziel zu kommen – und dabei im Einklang mit sich und anderen zu sein.

ZEIT ONLINE: Was ist der Unterschied zwischen Kampfsport und Kampfkunst?

Graff: Kampfkunst und Kampfsport haben unterschiedliche Ziele. Beim Kampfsport geht es darum, zu siegen. In der Kampfkunst wollen wir den Kampf stoppen. Dort haben wir keine Gegner, sondern kämpfen gewissermaßen mit uns selbst, also mit unserem Geist, unserem Körper und unserer Emotion. In der Kampfkunst dauert es, Fortschritte zu machen. Man lernt, geduldig zu sein – mit sich selbst, seinen Fortschritten und auch den Partnern. Daher sind Disziplin, Ausdauer und Entschlossenheit sehr wichtig.

Ich trainiere überwiegend Frauen. Und wenn eine Teilnehmerin in meinen Gruppen zu schnell aufgibt, bringe ich immer das Beispiel von Babys, die laufen lernen: Die fallen hin, stehen wieder auf, fallen hin, stehen wieder auf – und zwar so lange, bis sie gehen können. Und wenn eine Frau in meinem Dojang sagt: "Ich kann das nicht", hält die Gruppe inne und sagt gemeinsam zehnmal gemeinsam: "Ich kann das!" Das hilft der Schülerin – denn die Energie der Gruppe geht in die Verwirklichung. Und dann schafft die Schülerin ihre Übung.

ZEIT ONLINE: Sie sagen: Falsche oder schlechte Energie in gute umwandeln, ist richtig verstandene Kampfkunst. Was haben die Kunst des Kampfes und die Kunst der Führung gemeinsam?

Graff: Wer führen will, muss sich selbst unter Kontrolle, sowie Respekt für sich selbst und andere haben. Er oder sie muss klar in seinen oder ihren Gedanken sein und die Fähigkeit besitzen, intuitiv handeln zu können. Schließlich treffen Führungskräfte für andere wichtige Entscheidungen und brauchen dafür einen klaren Kopf. Oft sind Führungskräfte aber mit ganz anderen Dingen beschäftigt, immerhin haben sie vielfältige Aufgaben. Dann muss die Entscheidung aus dem Bauch getroffen werden. Eine Leichtigkeit für diejenigen, die Kontakt zu ihrem Mittelpunkt haben und sowohl mit ihrem Körper als auch ihrem Geist im Einklang sind.

Daher beginnt und endet die Kampfkunst auch immer mit einer Meditation: Wer abschaltet, kommt auf die richtigen Gedanken. Und durch die Atmung und durch körperliche Techniken lehrt uns die Kampfkunst, uns zu zentrieren und Kontakt zu unserem Mittelpunkt aufzunehmen. Mich erstaunt es daher nicht, dass viele herausragende Führungskräfte regelmäßig meditieren.

ZEIT ONLINE: Sie unterrichten vor allem Frauen. Was können sie von Kampfkunst lernen?

Graff: Auch wenn die Gleichberechtigung schon viel erreicht hat, so gelten Frauen immer noch als das schwache Geschlecht. Sie sind es, die sexueller Gewalt ausgesetzt sind, die weniger Geld verdienen, die in Führungs- und Entscheidungspositionen unterrepräsentiert sind. Frauen können durch Kampfkunst Stärke lernen – und vermeintliche Grenzen zu überwinden. Und das fühlt sich fantastisch an. Die Kampfkunst lehrt Frauen, ihre Rechte einzufordern, indem sie Augenkontakt halten, über eine laute Stimme und starke Körperhaltung verfügen, Ziele formulieren und die eigenen Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen.