"Der Mensch ist zur Arbeit geboren wie der Vogel zum Fliegen", predigte Martin Luther. Der Reformator wird als Freiheitskämpfer und Humanist gefeiert, doch abgesehen von seinem glühenden Antisemitismus war er auch ein glühender Arbeitsfanatiker. Ja, die Reformation befeuerte geradezu die moderne Lohnarbeit und den Kapitalismus. Denn "Müßiggang ist Sünde wider Gottes Gebot, der hier Arbeit befohlen hat", so Luther.

Wem gehören eigentlich die Wälder, Weideflächen und Wasserquellen? Eigentlich niemandem. Bis zur Reformation jedenfalls versorgten sich die Menschen auf der Allmende. So garantierte beispielsweise die längst in Vergessenheit geratene Charter of the Forest (1217) der Bevölkerung die Nutzung des gemeinschaftlichen Eigentums: "Jeder freie Mensch darf deshalb, ohne verfolgt zu werden, im Wald oder auf dem Land eine Mühle, eine Domäne, einen Teich, eine Mergelgrube, einen Wassergraben oder kultivierbares Land im Dickicht errichten, unter der Bedingung, dass dies nicht irgendeinen Nachbarn schädigt."

Doch spätestens im 16. Jahrhundert entrissen die weltlichen Landherren den Menschen die Allmende. Das Allgemeingut wurde zum Privateigentum und die enteignete Bevölkerung entfachte den Bauernkrieg (1524–1526). Die reformatorischen Theologen und Bauernführer Sebastian Lotzer und Christoph Schappeler kritisierten es in ihren Zwölf Artikeln als "unbrüderlich und dem Wort Gottes nicht gemäß, dass der arme Mann nicht Gewalt hat, Wildbret, Geflügel und Fische zu fangen". Darüber hinaus sollten "alle Hölzer, die nicht erkauft sind, der Gemeinde wieder heimfallen, damit jeder seinen Bedarf an Bau- und Brennholz daraus decken kann. [Außerdem haben] etliche sich Wiesen und Äcker, die einer Gemeinde zugehören, angeeignet. Die wollen wir wieder zu unseren gemeinen Händen nehmen." Und die Bibel gebiete entgegen der Leibeigenschaft, "dass wir frei sind und sein wollen".

Die Bauern "würgen und stechen"

Die aufständischen Bauern waren den Reformatoren ein Dorn im Auge. Der noch heute vielgepriesene Protestant Philipp Melanchthon schrieb 1525 an Kurfürst Ludwig V.: "Die Bauern haben nicht das Recht der Herrschaft ein Gesetz zu diktieren. Für solch ein ungezogenes, mutwilliges und blutgieriges Volk nennt Gott das Schwert." Damit setzten sich die ach so bibeltreuen Reformatoren ganz klar über das biblische Verbot hinweg, Ländereien in Privatbesitz zu nehmen: "Besitz an Grund und Boden darf nicht endgültig verkauft werden, weil das Land nicht euer, sondern mein [Gottes] Eigentum ist. Ihr lebt bei mir wie Fremde oder Gäste, denen das Land nur zur Nutzung überlassen ist" (Lev 25,23). Luther war das gleichgültig. Er empfahl den Fürsten in seinem Pamphlet Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern ganz nonchalant, man solle die Bauern "zerschmeißen, würgen und stechen, heimlich und öffentlich, wie man einen tollen Hund totschlagen muss."

Die Bauern verloren den Krieg und über 100.000 Menschenleben. Entwurzelt von der Allmende waren sie fortan dazu verdammt, ihre Arbeitskraft an Lehnsherrn oder Fabrikbesitzer zu verkaufen: die Geburt der Lohnarbeit. Erst der Allmenderaub schuf ein Proletariat, das es vorher schlichtweg nicht gegeben hatte. Karl Marx kommentiert: "So wurde das von Grund und Boden gewaltsam expropriierte, verjagte und zum Vagabunden gemachte Landvolk durch grotesk-terroristische Gesetze in eine dem System der Lohnarbeit notwendige Disziplin hineingepeitscht, -gebrandmarkt, -gefoltert." Und Unternehmer wie Jakob Fugger, der die Fürsten während des Bauernkriegs finanziert hatte, rieben sich bereits die Hände.

Arbeit als Gottesdienst der Auserwählten

Bis zur Reformation galt Arbeit als notwendiges Übel und gemäß der Bibel als kollektive Bußtätigkeit: "Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen" (Gen 3,19). Mit diesen Worten werden Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben. Vor Luther glaubten die Menschen, dass man mit jedem Beruf in der Ständegesellschaft selig werden könne. Es war schlichtweg sinnlos, sich übermäßig abzurackern, solange man seine Arbeit einigermaßen meisterte. Mit der Reformation aber kam der Arbeitsfetisch:

"Gott will keine faulen Müßiggänger haben"

"Wenn wir nur unserem Beruf gehorchen, so wird kein Werk so unansehnlich und gering sein, dass es nicht vor Gott bestehen und für sehr köstlich gehalten würde. Unsere Arbeit, unser Broterwerb ist Gottesdienst und heilig. Müßiggang und Prasserei sind es, die die Menschen verderben. Darum arbeitet fleißig und lebt bescheiden, meidet Rausch, Tanz und Spiel. Das sind die Versuchungen des Teufels."

Diese Worte stammen aus der Feder eines weiteren Arbeitsfanatikers: Johannes Calvin. Die Protestanten waren überzeugt, dass schon vor der Geburt jedes Menschen feststeht, ob man zu den Auserwählten oder Verdammten gehöre. Aufgrund dieser Prädestination wisse niemand, zu welcher Gruppe er oder sie gehöre, allein der irdische Erfolg könne einen Hinweis geben. Disziplinierter Fleiß und rastlose Arbeit im Diesseits waren von nun an die einzigen Indikatoren für eine Erlösung im Jenseits; wer weltlichen Erfolg hat, dem ist die himmlische Gnade Gottes sicher. Damit waren Luther und Calvin die Ersten, die den Begriff der Arbeit durchweg positiv besetzten – der Beruf wurde zur Berufung.

Im Jahr 1232 bestimmte Papst Gregor IX., dass es fortan 85 arbeitsfreie Feiertage geben solle, damit die Menschen sich Gott zuwenden konnten. Seit der Reformation – als Luther 1517 seine Thesen ans Tor der Schlosskirche zu Wittenberg hämmerte – ging die Zahl der arbeitsfreien Feiertage massiv zurück. Luther forderte, "dass man alle Feste abtäte und allein den Sonntag behalte, denn so wie nun der Missbrauch mit Saufen, Spielen, Müßiggang und allerlei Sünde im Gange ist, erzürnen wir Gott mehr an den heiligen Tagen denn an den anderen." Entgegen dem biblischen Gebot und der mittelalterlichen Tradition behauptete Luther, dass "heilige Tage nicht heilig, Werkeltage aber heilig sind."

"Gott will keine faulen Müßiggänger haben"

Die frischgebackenen Lohnarbeiter nahmen ihr Los nicht einfach hin: Die eigene Arbeitskraft an eine andere Person zu verkaufen und damit deren Profit zu mehren, galt den Menschen damals als unehrenhaft und entwürdigend. Wie sich die Zeiten doch ändern – heute akzeptieren wir die Lohnarbeit als naturgegeben wie den alltäglichen Sonnenaufgang. Viele arbeiteten damals nur solange, bis sie genügend Geld hatten und ließen dann buchstäblich bis zum Monatsende den Hammer fallen. Die Unternehmer reagierten schnell und senkten die Löhne so, dass sie gerade zum Überleben ausreichten. Daraufhin zettelten die Lohnarbeiter Streiks an, betrieben Sabotage oder stibitzten Gegenstände aus den Fabriken, um sie zu verhökern.

"Gott will keine faulen Müßiggänger haben, sondern man soll treulich und fleißig arbeiten, ein jeglicher nach seinem Beruf und Amt, so will er den Segen und das Gedeihen dazu geben", behauptete Luther. Während Jesus noch ein glücklicher Arbeitsloser war, wurden Faulheit und Zeitvergeudung spätestens jetzt zur Todsünde – und sind es bis heute. Nur wer arbeitet, hat eine Existenzberechtigung. Was vor der Reformation noch undenkbar war, ist seitdem das Maß aller Dinge, wie Michel Foucault kritisiert: "Man muß einen Beruf haben, einen Status, eine erkennbare Identität, eine ein für allemal fixierte Individualität. Und schließlich muß man einen Meister haben und in eine Hierarchie eingeordnet sein; man existiert nur innerhalb festgelegter Herrschaftsverhältnisse: Bei wem arbeiten Sie? D.h. da Sie nicht Meister sind, müssen Sie Diener sein, egal, unter welchen Bedingungen; es geht ja nicht um die Befriedigung Ihrer Individualität, sondern um die Aufrechterhaltung der Ordnung."

Die protestantische Erwerbsethik segnete den neu aufkommenden Arbeitsfetisch und erteilte den Lohnsklaven damit quasi die letzte Ölung. "Seid untertan der Obrigkeit", zitierte Luther die Bibel und verbat sich jeden Protest am profitgierigen Obrigkeitsstaat. Nach und nach füllten sich die Fabriken Europas mit Lohnsklaven und die Straßen mit Vagabunden. War das Betteln während des Mittelalters noch eine völlig legitime Lebensweise, um über die Runden zu kommen, wurden die Arbeitslosen nun in Arbeitshäusern interniert. Edward VI., der erste protestantische König Englands, erließ 1547 folgendes Gesetz: "Wenn jemand zu arbeiten weigert, soll er als Sklave der Person zugeurteilt werden, die ihn als Müßiggänger denunziert hat. Er hat das Recht, ihn zu jeder auch noch so eklen Arbeit durch Auspeitschung und Ankettung zu treiben. Wenn sich der Sklave für 14 Tage entfernt, ist er zur Sklaverei auf Lebenszeit verurteilt und soll auf Stirn oder Backen mit dem Buchstaben S gebrandmarkt, wenn er zum drittenmal fortläuft, als Staatsverräter hingerichtet werden. Der Meister kann ihn verkaufen, vermachen, als Sklaven ausdingen, ganz wie andres bewegliches Gut und Vieh."

Die Kirche und der Kapitalismus haben Jesus verraten

Kinder, Küche, Kirche

Im Oikos, der antiken und mittelalterlichen Hausgemeinschaft, arbeiteten Männer und Frauen zusammen – keine Arbeit war "mehr wert" als die andere. Doch mit dem aufkommenden Kapitalismus schuftete Adam außerhalb des Oikos, während Eva ihm ein kuschliges Zuhause bereitete und in die private Häuslichkeit gedrängt wurde. Einzig die Lohnarbeit führt seither zu gesellschaftlicher Anerkennung, während die unbezahlte Hausarbeit bis heute als selbstverständlich hingenommen und weitgehend marginalisiert wird, wie die Feministin Laurie Penny kritisiert: "In Wirklichkeit ist Hausarbeit überhaupt nicht trivial. Ohne die Arbeit, die Frauen umsonst leisten, würde jede westliche Ökonomie innerhalb weniger Tage kollabieren. Der Betrag, der Frauen für ihre unbezahlte Betreuungs- und Hausarbeit zustünde, wäre in den USA sechsmal höher als der nationale Verteidigungsetat, und der ist bekanntermaßen nicht gerade klein."

Kinder, Küche, Kirche – diese Trias wurde von den Protestanten maßgeblich unterstützt. "Die größte Ehre, die das Weib hat, ist allzumal, dass die Männer durch sie geboren werden", schrieb Luther und fügte hinzu, dass die harte Hausarbeit der Frauen eben gottgewollt sei: "Wenn du eine geringe Hausmagd fragst, warum sie das Haus kehre, die Schüsseln wasche, die Kühe melke, so kann sie sagen: Ich weiß, dass meine Arbeit Gott gefällt, weil ich sein Wort und Befehl für mich habe." Amen. Die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken betont, "dass der Protestantismus in Deutschland zu einer absoluten Normierung und Normalisierung von Frauen geführt hat und die Frauen auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter festgenagelt hat. Und das war im Katholizismus absolut nicht so."

Geht ein Kamel durchs Nadelöhr?

Martin Luther, Huldrych Zwingli und Johannes Calvin befürworteten nicht nur den Allmenderaub, sondern auch eine Aufhebung des Zinswuchers: Bis zur Reformation waren Zinsen gemäß den biblischen Geboten weitgehend verboten. Luther verwarf diese Gebote und erklärte, dass Zinssätze von vier bis fünf Prozent rechtmäßig seien. Die Könige und Fürsten ließen sich natürlich nicht zweimal bitten, Luthers Auffassung zu folgen, um Profite zu machen. Manch Historiker sieht hier, parallel zum Allmenderaub, die Geburt des Kapitalismus, der sich ja maßgeblich von Krediten und Zinsen nährt. Max Weber betont in seinem Klassiker Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus (1904), "dass unser heutiger Begriff des Berufs religiös fundiert sei" und dass "das Ethos des rationalen bürgerlichen Betriebs und der rationalen Organisation der Arbeit" der Reformation entspringe.

Dass vormals freie Flächen und Quellen rund um den Globus eingezäunt sind und ausgebeutet oder niedergebrannt werden, hinterfragt heute kaum jemand. Dass die Lohnarbeit ein historisch recht junges Zwangsgebilde ist, das allein dem Zweck dient, den Profit anderer zu mehren, ist selbstverständlich geworden. Dass Schuldzinsen tausende Menschen und ganze Staaten knechten, wird als Notwendigkeit abgetan. Heute, wo sich viele vom Glauben abwenden, sind der Kapitalismus und die Arbeit zum Gottesersatz geworden und sie weisen alle Merkmale einer Religion auf: unhinterfragte Vergötterung ihres Sinnstifters, Inkaufnahme schmerzhafter Entbehrungen, übersteigerte Symbole und Riten sowie eine rigorose Bestrafung all jener, die partout nicht "glauben" wollen. Wer nicht arbeiten will, muss fühlen. Und wer nicht zahlen will, erst recht.

Die Kirche und der Kapitalismus haben Jesus verraten. Der Protestantismus hat den Kapitalismus beflügelt und dabei die sozialrevolutionären Lehren Jesu entweder pervertiert oder schlichtweg verleugnet. Jesus sagte zu seinen Jüngern: "Wahrlich, ich sage euch: Ein Reicher wird schwer ins Himmelreich kommen. Und weiter sage ich euch: Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, denn dass ein Reicher ins Reich Gottes komme" (Mt. 19, 23–24). Und hat nicht Gott selbst dem Arbeitswahn abgeschworen? Sechs Tage schuftete er – dann ruhte er und ward nicht mehr gesehen. Bis heute.