Wer wissen möchte, wie die Arbeitswelt von morgen aussieht, sollte sich in der Medienbranche und unter Kulturschaffenden umsehen. Festanstellungen werden rar, dafür steigt die Zahl der Soloselbstständigen – und Crowdworker. Sie haben mal alle Hände voll zu tun und arbeiten die Nächte durch, mal müssen sie um jeden Auftrag hart kämpfen und hadern mit der Frage, ob sie so überhaupt über die Runden kommen können. Ihr Einkommen variiert oft stark. Mal gibt es Geld, bisweilen sogar sehr viel Geld. Mal müssen lange Durststrecken überwunden werden. Soloselbstständige in den Medien und in der Kulturbranche arbeiten hoch flexibel und oft mobil. Mehr als einen Laptop und ein Smartphone brauchen sie nicht, fertig ist das Ein-Personen-Büro. Dabei verwischen die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben zunehmend. Zukunftsforscher gehen davon aus, dass künftig ein Großteil aller Wissensarbeiter so arbeiten wird – eine Arbeitswelt könnte entstehen, in der die Starken die Aufträge ergattern und rund um die Uhr arbeiten, während die Schwachen untergehen.

Aber wie soll so ein Arbeitsleben mit Familie funktionieren? Das wollte die Friedrich-Ebert-Stiftung wissen und hat in einer Studie untersucht, ob den Soloselbstständigen die Balance zwischen Arbeit und Leben besser gelingt als jenen, die (noch) in einer klassischen Festanstellung beschäftigt sind. Die Initiatoren der Studie hoffen so Erkenntnisse für die Arbeitswelt von Morgen ableiten zu können.

Im Kulturbereich und Journalismus sind feste unbefristete Stellen hart umkämpft. Wer hier Karriere machen möchte, muss nicht nur sehr leistungsbereit sein. Auch überlange Arbeitstage gehören dazu. Erst Recht, wer den Aufstieg in eine der raren Führungspositionen schaffen möchte. Das ist kaum zu realisieren, wenn man kleine Kinder im betreuungsintensiven Alter hat.

Für Familie bewusst als Freelancer arbeiten?

Man könnte daher unterstellen, dass Freelancer in der Kultur- und Medienbranche sich auch deshalb bewusst für die Selbständigkeit entscheiden, um Familie haben zu können. Denn was sie eint, ist der große Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmtheit – und nach Zeitsouveränität. Die Studie zeigt jedoch: Bei den meisten hat sich die Soloselbstständigkeit eher so ergeben und war nicht bewusst als Modell für eine gute Vereinbarkeit geplant. Und: Die Soloselbstständigen arbeiten gar nicht viel weniger als die Festangestellten. Im Schnitt kommen beide Gruppen auf 42 Wochenstunden oder mehr. Trotzdem scheinen die Freelancer bei der Vereinbarkeit einen Vorteil zu haben – auf jeden Fall sind sie sogar ein Stückchen zufriedener als die Festangestellten.

Und das, obwohl die Studie feststellt, dass sowohl die Festangestellten als auch die Selbstständigen davon überzeugt sind, dass sich Kinder negativ auf die Karriere auswirken. Bei den Festangestellten sind 62 Prozent dieser Meinung, bei den Freelancern sogar fast drei Viertel der Befragten. Aber: Während mehr als die Hälfte der befragten Journalisten und Kulturschaffenden in Festanstellung konstatieren, dass die Probleme bei der Vereinbarkeit überwiegen, sind nur ein Drittel der Freien dieser Meinung. Mehr noch: Ein weiteres Drittel der Selbstständigen sieht überwiegend die Chancen für die Vereinbarkeit. Bei den Festangestellten sieht nur jeder Zehnte etwas Gutes daran.

Interessant ist, dass die meisten Festangestellten Männer sind. Bei den Freelancern hält sich das Geschlechterverhältnis die Waage. Allerdings: Noch immer sind es vor allem die Frauen, die sich vor die Frage gestellte sehen – Kind oder Karriere? Bei den Festangestellten ist der Anteil der kinderlosen Frauen besonders hoch, bei den Selbstständigen haben offenbar mehr Frauen Nachwuchs. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass die zeitlichen Anforderungen in der Medien- und Kulturbranche, wo Arbeit am Abend und am Wochenende häufig vorkommen und sehr viel Zeit und Energie für informelles Networking erforderlich ist, trotz aller Digitalisierung nur sehr schwer mit Familie zusammenzubringen sind. Noch immer wechseln viele Frauen aus Kultur und Medien den Job, sobald sie Mutter werden.

Und immer noch ist die Geburt eines Kindes für Frauen ein finanzielles Risiko – viel stärker als für Männer. Über alle Branchen und Berufe hinweg zeigt sich, dass Mütter sieben bis zehn Prozent weniger Stundenlohn erhalten als kinderlose Frauen. Im Schnitt beträgt das Einkommen von Frauen nach der Babyauszeit nur noch die Hälfte von dem vor der Geburt. Motherhood Income Gap wird diese Zahl genannt und sie liegt aktuell bei 49 Prozent.