Wundern Sie sich auch manchmal darüber, dass der Laden nicht wegen, sondern trotz Ihres Chefs läuft? Nicht wenige Mitarbeiter hegen nämlich eine gepflegte Antipathie gegen ihren Vorgesetzten. Einer Untersuchung der Managementberatung Information Factory, dem Onlineportal stellenanzeigen.de und dem Fachblatt Personalwirtschaft zufolge, in der 2.000 Angestellte, Führungskräfte und Personaler befragt wurden, stellt mehr als jeder Zweite seinem Chef ein mieses Zeugnis aus. Während mehr als die Hälfte der Befragten ihren Vorgesetzten für wenig kompetent hält, gaben nur 42 Prozent an, dass sie ihren Chef für ehrlich und integer hielten. Zwei Drittel der Befragten beklagten, sie bekämen keine klaren Aufgaben und Ziele vorgegeben, Reflexion über die Arbeit und Arbeitsergebnisse gab es den Mitarbeitern zufolge nie.

Nur jeder Dritte gab an, dass Aufgabenstellung und Ziele klar seien und der Chef die Erwartungen auch kommuniziere. Mitunter sei es aber nötig, dies offensiv vom Vorgesetzten einzufordern. Und fast jeder Zweite klagte darüber, dass er in einem Vakuum arbeite und nie Feedback vom Chef erhalte. So erstaunt es nicht, dass gut die Hälfte der Befragten angab, nie gelobt zu werden und den Eindruck hatte, ihr Vorgesetzter habe überhaupt keine Ahnung, was sie den ganzen Tag machten – und er interessiere sich auch nicht dafür.

Die Ergebnisse sind schlimm genug, viel gravierender ist aber, dass die Führungskräfte ein teils völlig gegenteiliges Selbstbild hatten. Denn in der Untersuchung wurden nicht nur die Mitarbeiter zu ihren Vorgesetzten befragt, die Chefs wurden auch zu einer Selbsteinschätzung ihrer Führungskompetenz gebeten. Und hier überschätzten sich die meisten Vorgesetzten teilweise heftig. Fast alle waren davon überzeugt, dass sie klare Ziele vorgeben und allen Teammitgliedern regelmäßig konstruktives Feedback gäben. Drei Vviertel der befragten Chefs waren davon überzeugt, sie würden Begeisterung transportieren und könnten ihr Team motivieren und zu Hochleistungen anspornen. Das sahen aber nur 36 Prozent der Mitarbeiter so.

Chefs finden sich toll, die Mitarbeiter nicht

Und während sich die Chefs für sehr wichtig für die konkrete Arbeit ihrer Untergebenen einschätzten, war jeder zweite Mitarbeiter davon überzeugt, dass es besser sei, eine Zusammenarbeit mit dem Chef möglichst zu vermeiden. Nur 43 Prozent fanden, dass es effektiv für die Arbeit sei, wenn der Chef direkt mit ihnen zusammenarbeitete.

Traurig auch: Gerade einmal 45 Prozent der befragten Mitarbeiter empfanden Freude bei der Arbeit. Bei vielen sorgte gerade der Chef dafür, dass es mit den guten Gefühlen im Job vorbei war.

Aber warum überschätzen sich die Führungskräfte so dramatisch? Zum einen hängt das sicherlich damit zusammen, dass nur wenige Vorgesetzte regelmäßig ehrliches Feedback bekommen und somit auch wenig Chancen haben, den Abgleich zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung vorzunehmen. Hinzu kommt außerdem, dass vielen Führungskräften wichtige Schulungen gerade im Bereich der Soft Skills fehlen. Denn befördert werden oft nicht diejenigen, die besondere soziale Fähigkeiten haben, sondern Experten, die in einem Fach besonders gut sind, nicht aber unbedingt in der Führung von Mitarbeitern.

Viele Beförderte werden immer noch nicht ausreichend auf ihre Führungsposition vorbereitet. Und so lautet auch die Schlussfolgerung der Studienautoren, dass die Angebote von Führungskräfteprogrammen verbessert werden müssten. Denn läuft die Firma nicht trotz, sondern auch wegen des Chefs, ist das für alle besser – und die Mitarbeiter haben dann nicht nur mehr Freude an der Arbeit. Unnötige Belastungen und Sorgen fallen damit in der Regel weg.