ZEIT ONLINE: Herr Weeß, haben Sie heute Nacht gut geschlafen?

Hans-Günter Weeß: Ja, wie meistens. Aber in krisenhaften Lebenssituationen geht es mir wie jedem anderen auch. Da gehört ein schlechter Schlaf zum schwierigen Leben mit dazu.

ZEIT ONLINE: Wie finden Sie üblicherweise zur Ruhe?

Weeß: Wenn ich mich abends entscheide, zu Bett zu gehen, entpflichte ich mich innerlich. Schalte ab, von den großen und kleinen Problemen des Alltags. Gehe ins Schlafzimmer, mache Urlaub, kuschle mich in mein Kissen hinein. Ich mache mir schöne Gedanken – und irgendwann kommt der Schlaf von alleine.

ZEIT ONLINE: Gibt es Wochentage, an denen wir schlechter schlafen als an anderen?

Weeß: Ganz Deutschland schläft von Sonntag auf Montag am schlechtesten. Das hat zwei Gründe. Zum einen gibt es in unserer Gesellschaft viele, deren Arbeitswoche nicht Montagfrüh bei der Arbeit, sondern Sonntagabends im Bett beginnt. Wenn wir uns dort schon mit Arbeit beschäftigten, führt das zu Anspannung. Anspannung ist der Feind des Schlafens. Zum anderen ist es so, dass man sonntags länger schläft. Wenn man abends dann zeitig ins Bett geht, war man nicht lange genug wach, so dass es an Schlafdruck mangelt. Deshalb fällt das Einschlafen auch etwas schwerer.

ZEIT ONLINE: Schlafen wir dann freitags am besten, wenn zwei frei Arbeitstage in Aussicht sind?

Weeß: Interessanterweise nicht. Einen Tag, an dem wir besser schlafen, als an anderen, den gibt es nach unseren Statistiken nicht.  

ZEIT ONLINE: Warum schlafen wir manchmal so schlecht?

Weeß: Schlafstörungen haben mannigfaltige Ursachen. Sie können körperlich bedingt sein oder als Nebenwirkungen von Medikamenten auftreten, sowie das Ergebnis von Fehlverhalten sein, wie ein zu hoher Alkoholkonsum am Abend, zu spätes Essen oder später Sport. Der Hauptfaktor ist aber tatsächlich, dass viele Menschen ins Bett gehen, dort körperlich anwesend sind, aber gedanklich und emotional noch immer bei den Problemen des Alltags. Das führt zu Anspannung. Die macht wach und verhindert den Schlaf. Aus diesem Grund sind psychisch bedingte Schlafstörungen sehr häufig. Dann gibt es noch einen zweiten Grund, weshalb wir manchmal so schlecht schlafen. Es gibt Menschen, die gehen ins Bett, um zu schlafen. Und das macht wach. Das hört sich zwar paradox an, aber: Wer schlafen will, strengt sich an. Das erzeugt Druck und der führt ebenfalls zu Anspannung. Wer sich anstrengt einzuschlafen, bleibt wach.

ZEIT ONLINE: Warum erscheinen unsere Probleme nachts größer als tagsüber?

Weeß: Nachts sind wir alleine und einsam, selbst wenn wir mit einem schlafenden Partner zusammen im Bett liegen. Der ist ja in eine andere Welt entrückt. Es gibt aber auch einen ganz einfachen biologischen Grund: Nachts haben wir weniger vom Glückshormon Serotonin und unter diesem Einfluss betrachten wir alles, das uns durch den Kopf geht, düsterer und melancholischer in einer Art depressiver Stimmungslage.

ZEIT ONLINE: Was geschieht im Schlaf mit unserem Körper und dem Geist?

Weeß: Schlaf hat eine entmüdende Funktion. Schlaf macht wach und darüber hinaus hat er eine gesundheitsfördernde Wirkung. Zu wenig Schlaf schwächt das Immunsystem, erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf- und Stoffwechsel-Erkrankungen sowie psychische Störungen. Und bei zu wenig Schlaf ist das Leistungsvermögen am nächsten Tag eingeschränkt. Wer zu wenig schläft, macht mehr Fehler.

"Mit ausreichend Schlaf sind wir leistungsfähiger"

ZEIT ONLINE: Wie viel und welche Art von Schlaf ist gut für einen Erwachsenen?

Weeß: Dafür gibt es keine allgemeingültigen Aussagen, weil das Schlafbedürfnis sich genetisch bedingt sehr unterschiedlich darstellt. Wir hatten dann genügend Schlaf, wenn wir uns morgens wach, fit, konzentrationsfähig und emotional ausgeglichen fühlen. In unserer Gesellschaft haben wir aber leider die Unsitte, dass wir den Wecker stellen. Das bedeutet: Unser Schlafprogramm mit seiner förderlichen Wirkung wird vorzeitig beendet. Wir würdigen den Schlaf zu wenig mit der Konsequenz, dass ganz Deutschland die Woche über einen Schlafmangel aufbaut. Der ist ungesund, geht mit gesundheitlichen Risiken einher, aber vor allem führt er eben zu Leistungseinschränkungen.

Schule und Arbeit beginnen für zwei Drittel unserer Gesellschaft viel zu früh. Dies liegt daran, dass zwei Drittel der Menschen in Deutschland Eulen sind. Das heißt sie können aufgrund ihres chronobiologischen Schlaf-Wach-Rhythmus am Abend nicht früh einschlafen. Eulen und Lerchen sind Kurzbezeichnungen für Schlaftypen. Die meisten Eulen gehen am liebsten zwischen 23:30 und 2:00 Uhr ins Bett und würden am liebsten morgens zwischen 7:30 und 9:30 Uhr aufstehen.

ZEIT ONLINE: Zur Arbeit kann man aber nicht kommen, wenn man ausgeschlafen ist, sondern wenn die Arbeitszeit beginnt.

Weeß: Schlaf braucht ein besseres Image. Wir leben in einer Gesellschaft, in der, wenn es darum geht, zwischen Arbeit, Freizeit und Schlaf zu entscheiden, der Schlaf immer zu kurz kommt. Mit flexibleren Arbeitszeiten ließe sich der daraus resultierende Schlafmangel reduzieren. Die Lerche darf dann ruhig früh beginnen, weil es ihr leicht fällt, morgens früh aufzustehen. Sie schläft auch abends früh, hat dann genug Schlaf gehabt. Für Eulen wäre es wichtig, dass sie später zur Arbeit gehen könnten. Das würde der deutschen Wirtschaft tatsächlich gut tun, weil sie ausgeschlafenere Mitarbeiter hätte. Würde dann nachmittags noch ein kleines Nickerchen erlaubt, wäre das ideal, weil das Nickerchen gerade in der zweiten Tageshälfte das mögliche Arbeitspensum erhöht und die Fehlerrate senkt.

ZEIT ONLINE: Halten Sie Ihre Idee für einen pragmatischen Vorschlag, der sich umsetzen lässt?

Weeß: Einfach ist das nicht, weil unser Alltag vernetzt ist. Aber es gibt Modellregionen, beispielsweise in England, wo man meinem Gesagten nahe kommt.

ZEIT ONLINE: In der Wirtschaft hat Schlafen ein schlechtes Image. Wer viel schläft, ist ein Verlierer. Woher kommt diese Meinung?

Weeß: Sie ist falsch und hat teilweise historische Gründe. In unserer Gesellschaft gilt, 'Morgenstund hat Gold im Mund' oder 'Nur der frühe Vogel fängt den Wurm'. Viele Politiker und Wirtschaftsbosse rühmen sich damit, mit wenig Schlaf auszukommen. Diese Leute sind Vorbilder und Meinungsbildner, was nicht vorteilhaft ist. Manche Entscheidungen, die Manager oder Politiker nachts im Schlafmangel treffen, sind zumindest  kritisch zu hinterfragen, weil Schlafmangel unsere ethisch-moralischen Grundsätze verblassen lässt.

ZEIT ONLINE: Fördert ausgeschlafen sein beruflichen Erfolg?

Weeß: Auf jeden Fall, denn mit ausreichend Schlaf sind wir leistungsfähiger, kreativer, unsere Lern- und Gedächtnisleistung ist deutlich höher im Zustand des Ausgeschlafenseins, als unter Schlafmangel. Schlaf ist ein höchst karrierefördernder Zustand.