Stellen Sie sich bitte Folgendes vor: Sie sind nach einem Umzug in eine neue Stadt auf einer Party eingeladen. Voller Vorfreude machen Sie sich schick, steigen in die U-Bahn und fahren zum Ort des Geschehens. Auf dem Weg von der Haltestelle zum Haus der Gastgeberin verlaufen Sie sich und kommen etwas zu spät, die Party ist bereits im Gange. Sie betreten ein weiträumiges Zimmer mit Stehtischen und schauen sich um. Da geht Ihnen auf, dass sie in der Einladung etwas übersehen haben: Alle Menschen sind komplett weiß angezogen, nur Sie tragen farbige Kleidung. Davon lassen Sie sich jedoch nicht entmutigen.

Die anderen Gäste scheinen sich größtenteils zu kennen, sie stehen in Gruppen zusammen, unterhalten sich angeregt, scherzen und lachen. Sie halten Ausschau nach der Gastgeberin, der einzigen Person, die Sie persönlich kennen, aber sie scheint wie vom Erdboden verschluckt. Also entschließen Sie sich, das Beste aus der Lage zu machen, schnappen sich ein Getränk und gesellen sich zu einer Kleingruppe, die ihnen sympathisch erscheint. Sie hören aufmerksam zu und versuchen Blickkontakt aufzunehmen, aber irgendwie funkt es nicht. Die Themen, über die man sich austauscht, sind Ihnen unbekannt, auch der ganze Habitus der Unterhaltung erscheint Ihnen fremd. Einige zaghafte Versuche, sich ihrerseits einzubringen, werden weitgehend ignoriert. Also gehen sie zum nächsten Tisch, doch auch da läuft es nicht besser, beim darauffolgenden Tisch bleiben Sie ebenfalls außen vor.  

Ihnen geht auf: Sie sind da und doch nicht dabei, Sie gehören nicht dazu. Ihre Laune sinkt zusehends, aber niemand nimmt davon Notiz. Als Sie die Gastgeberin endlich erblicken, sind Sie bereits derart genervt, dass Sie Unwohlsein vortäuschen, sich verabschieden und betrübt den Heimweg antreten.

Wenn man der Neue ist

Wir alle kennen solche Situationen. Man ist der oder die Neue, gehört noch nicht zum Club. Als Kind kam man vielleicht in eine neue Klasse, oder als Ersti an die Uni – auch jeder Arbeitsplatzwechsel hält eine solche Herausforderung bereit. Man hat den Wunsch sich zu integrieren, will dazugehören, kennt aber die lokalen Gepflogenheiten noch nicht, zumindest nicht jene ungeschriebenen Regeln, die eigentlich bestimmen, wie der Hase läuft. Nun mag man sagen: Wo ist das Problem? Ich lerne die Regeln kennen, dann gehöre ich dazu.

Grundsätzlich ist das der richtige Ansatz. Allerdings zeigt sich, dass es ein diffiziles Unterfangen sein kann, insbesondere, wenn man anders ist, beispielsweise einer ethnischen Minderheit angehört, die möglicherweise auch noch mit negativen Stereotypen belegt ist. Leider hat jener Mechanismus, der in der eingangs geschilderten Geschichte lediglich in einen betrüblichen Abend mündet, für Menschen in jenem Fall weitreichende Konsequenzen, zum Beispiel wenn um die Chancen eines guten Studienabschlusses oder einer beruflichen Karriere geht.

Bin ich richtig hier?

Die Rede ist von einem Mechanismus, den Sozialpsychologen Belonging Uncertainty nennen, zu Deutsch sinngemäß Zugehörigkeitsunsicherheit. Gemeint ist ein unspezifischer Zweifel, eine bisweilen nagende Stimme im Hinterkopf, die immer wieder leise fragt: "Bin ich richtig hier? Gehöre ich wirklich dazu?" Bis zu einem gewissen Grad kennen wir alle dieses Phänomen, doch besonders betroffen sind laut Forschungsergebnissen leider Mitglieder ethnischer Minderheiten. Wie trägt Belonging Uncertainty zu Misserfolg bei?

Insbesondere in Situationen, in denen wir uns nicht auskennen und demzufolge Unsicherheit erleben, sind soziale Kontakte unerlässlich. Teil einer Gruppe zu sein, bietet Schutz, Orientierung und die Möglichkeit, von der Erfahrung anderer zu profitieren. Beispielsweise gibt es in vielen Studiengängen in den ersten Semestern einige besonders harte Prüfungen, mit denen unmotivierte oder wenig leistungsstarke Studierende ausgesiebt werden sollen. Folglich stehen eine Unmenge erfolgskritischer Fragen im Raum: Wann und wo kann ich mich überhaupt zur Prüfung anmelden? Wo bekomme ich die besten Skripte her? Welchem Professor sollte ich nach Möglichkeit aus dem Weg gehen, wenn ich eine halbwegs anständige Note haben möchte? Vielleicht aber auch nur: Wo kriege ich günstig etwas Essbares her, wenn der Mensakoch wieder einen miesen Tag hatte?

Selbstredend ist es möglich, all dies auf eigene Faust zu eruieren, durch Recherche, Durchfragen, oder schlicht Versuch und Irrtum. Doch ist dies aufwendiger und im Zweifel weniger erfolgsversprechend, als Teil einer In-Group zu werden, welche diese Informationen frei mit uns teilt. Belonging Uncertainty verhindert jedoch gerade den Aufbau solcher Beziehungen. Sie stellt keine unüberwindbare Hürde dar, sondern vielmehr eine nicht enden wollende Serie von Stolpersteinen, die vieles ein klein wenig schwieriger machen, als es sein müsste.

Dies ist in Summe hochanstrengend und geht auf Dauer zu Lasten der Motivation sowie der kognitiven Verarbeitungskapazität, welche eigentlich für Wichtigeres gebraucht würde. Das Perfide: Der Mechanismus erzeugt nicht selten einen Teufelskreis. Anfängliche Misserfolge verstärken das Gefühl fehlender Zugehörigkeit ("Ich bin einfach nicht schlau genug für diesen Studiengang"), man bezieht die Schwierigkeiten, die eigentlich in der besonderen Situation begründet sind, auf sich selbst. Die Zweifel verstärken sich, was den Aufbau sozialer Kontakte zusätzlich erschwert.

Ein Gefühl der Zugehörigkeit aufbauen

Wie kann hier Abhilfe geschaffen werden? Eine Lösung stellten amerikanische Forscher im renommierten Magazin Science vor: Sie holten afroamerikanische College-Erstsemester für eine kurze Intervention in ihr Labor: Den Studenten wurden die Ergebnisse einer fingierten Umfrage unter Studenten höherer Semester präsentiert. Diese berichteten von ihren eigenen Startschwierigkeiten, versicherten jedoch auch glaubhaft, dass diese Herausforderungen vorübergehend und definitiv zu bewältigen waren. Die Botschaft an die Studienteilnehmer: Was du erlebst, erleben auch viele andere. Es hat nichts damit zu tun, wer oder was du bist – und es wird vorrübergehen. Zur Verstärkung der Intervention wurden die Teilnehmer gebeten, einen kurzen Aufsatz über eigene Erlebnisse zu schreiben, die die Umfrageergebnisse widerspiegelten; anschließend lasen sie diese noch in eine Kamera vor. Ihnen wurde gesagt, dass jene Videos dazu dienen würden, zukünftigen Studierenden den Start am College zu erleichtern.

Die Forscher verfolgten die Karriere der Studierenden und verglichen diese mit verschiedenen Kontrollgruppen. Das Ergebnis: Sie fühlten sich zunehmend mehr zugehörig und begaben sich in eine Aufwärtsspirale: Ihre Studienleistungen steigerten sich von Semester zu Semester. Die Wahrscheinlichkeit, am Ende zu den besten 25 Prozent des Jahrgangs zu gehören, war um das Dreifache erhöht. Zusätzlich berichteten sie im Abschlussjahr im Vergleich zu den Kontrollgruppen von einer besseren Gesundheit und größerer Lebenszufriedenheit.

Fremd im eigenen Unternehmen?

Belonging Uncertainty erschwert auch die Diversity- und Inklusionsbemühungen von Wirtschaftsorganisationen. Einige Unternehmen, beispielweise das Social Network Pinterest, haben diese Gefahr bereits erkannt und erarbeiten derzeit Gegenmaßnahmen (TechCrunch berichtet).

Neben der besonderen Situation von ethnischen Minderheiten zeigen Forschungsergebnisse, dass viele Organisationen gut daran täten, einer (nach Sachlage) weiteren Minderheit ein stärkeres Gefühl der Zugehörigkeit zu signalisieren: Frauen in Führungspositionen – bzw. solchen, die sich in eine entsprechende Rolle hineinentwickeln möchten. In vielen Unternehmen sind die Führungsstrukturen und -Muster (beispielweise die Kommunikationsgepflogenheiten) derzeit noch dezidiert männlich geprägt, man(n) bildet Seilschaften und zieht sich gegenseitig hoch.

Der maskulin geprägte Kontext vieler Führungsetagen hat für Frauen mitunter die gleichen, bereits oben beschriebenen, negativen Konsequenzen: Alles ist oder erscheint ein wenig schwieriger, als es eigentlich sein müsste. Die vergangenen Jahre haben eine ganze Serie von vergleichsweise kurzen Gastspielen von Frauen im Vorstand diverser DAX-Konzerne gesehen. Es reicht nicht, die Glasdecke einfach zu durchbrechen. Man muss auch willkommen sein, wenn man wirklich ankommen möchte. Hier ist der Weg noch weit.