Das neue Lohngerechtigkeitsgesetz trägt einen hohen Anspruch schon im Namen. Kann man Gerechtigkeit per Gesetz verordnen? Tja, möchte man seufzen, was ist schon ein gerechter Lohn? Ist es gerecht, dass eine 40-jährige verbeamtete Musiklehrerin (ledig, kinderlos) in Baden-Württemberg netto 3.200 Euro monatlich bekommt; ihre angestellte Lehrerkollegin in Berlin dagegen nur 2.500 Euro? Ist es gerecht, dass ein 30-jähriger Facharbeiter in einem kleinen Handwerksbetrieb weniger als die Hälfte von dem verdient, was sein gleich alter Kollege im Konzern bekommt?

Nun, das alles ist vielleicht nicht gerecht, aber es ist eben auch nicht ungerecht. Es entspricht dem im Grundgesetz verankerten Gleichbehandlungsgrundsatz: Die Ungerechtigkeit gilt für alle in gleicher Weise. Oder anders gesagt: Die Ungleichbehandlung wird durch einen sachlichen Grund gerechtfertigt. Den unterschiedlichen Status Beamter/Angestellter oder die Größe des Betriebes.

All das wird durch das neue Lohngerechtigkeitsgesetz nicht infrage gestellt. Was infrage gestellt wird, sind Ungerechtigkeiten, die sich sachlich nicht erklären lassen; unterschiedliche Gehälter, die keinen anderen Grund haben als Willkür und ein diskriminierendes Wertesystem. Wenn jemand weniger Gehalt bekäme, weil er eine jüdische Großmutter hat, zum Beispiel. Oder weil er einen fremdländischen Namen trägt. Oder weil er eine Frau ist.

Das Lohngerechtigkeitsgesetz stellt keine Gerechtigkeit her; es schafft Ungerechtigkeit ab – und das auch nur, wenn sich Menschen finden, die das Gesetz zur Anwendung bringen. 14 Millionen Beschäftigte haben dazu jetzt das Recht. Das sind noch längst nicht alle von Lohnungerechtigkeit möglicherweise Betroffenen. Aber es sind viele. Und sie sind dabei nicht allein. Denn in Betrieben mit mehr als 200 Beschäftigten gibt es fast überall einen Betriebsrat. Der hat damit nicht nur Mitspracherechte bei den allgemeinen Tarifverhandlungen, sondern kann nun auch bei Fragen individueller Lohndiskriminierung aktiv werden. Und damit nicht genug: Das neue Gesetz hat das Prinzip "Gleicher Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit" festgeschrieben und verankert – und zwar so sehr, dass Betriebe mit mehr als 500 Beschäftigten eine Berichtspflicht zur Gleichstellung und Entgeltgleichheit haben. Etwa 4.000 Kapitalgesellschaften in Deutschland sind davon betroffen.

Ein Monster namens Transparenz

Manche jammern deswegen über das neue "Bürokratiemonster", aber die Berichtspflicht ist nur für die Unternehmen ein Monster, die keine ordentliche Lohnbuchführung haben. Man kann wohl davon ausgehen, dass Unternehmen mit mehr als 500 Betriebsangehörigen mehr oder weniger auf Knopfdruck wissen, in welcher Gehaltsgruppe wer wie viel verdient. Alles andere wäre beschämend bis erschreckend. Das Monster trägt wohl eher den Namen Transparenz. Und die wird vor allem dort gefürchtet, wo im Halbdunkel so manches Lohnsüppchen zurechtgebraut wurde.

Wenn die Abteilungsleiterin eines Industrieunternehmens ahnt, dass ihre männlichen Kollegen in gleicher Position und Verantwortung mehr verdienen als sie, dann kann sie jetzt zum Betriebsrat gehen und Transparenz einfordern. Der Betriebsrat wird die entsprechenden Lohn- und Gehaltslisten einsehen, das Medianeinkommen der männlichen Abteilungsleiter ermitteln und der fragenden Abteilungsleiterin Antwort geben, ob ihr Gehalt tatsächlich ungerecht ist.

Frauen hatten keine Wahl, weil Transparenz fehlte

Es gibt Ungerechtigkeiten, die empören. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem Restaurant und finden heraus, dass der Kellner ihnen eine Speisekarte mit erhöhten Preisen reichte. Zufällig entdecken Sie den Preisunterschied: Alle anderen müssen für die Pizza statt 12,50 nur 9,90 Euro bezahlen. "Wieso soll ich mehr bezahlen?", werden Sie fragen.

Der Kellner trägt Ihnen sachliche Erklärungen vor – etwa dass Sie nur jeden zweiten Tag zum Essen kommen, während alle anderen täglich Gast sind. Dass die anderen auch noch Suppe und Dessert bestellen, während Sie sich allein auf den Hauptgang beschränken. Der schale Nachgeschmack wird vermutlich bleiben. Vor allem, weil der Preisunterschied nicht kenntlich gemacht war. Vielleicht hätten Sie ja auch Suppe und Dessert bestellt, wenn Sie von dem Rabattangebot gewusst hätten. Vielleicht würden Sie jeden Tag kommen, wenn die Pizza günstiger wäre. Aber Sie hatten keine Wahl, weil Sie keine Preistransparenz hatten. Sie fühlen sich ausgetrickst und betrogen.