Eine pluralistische Gesellschaft muss auch im Netz verteidigt werden, indem man nicht wegschaut und sich gegen Mobbing im Netz positioniert. Genau da setzt die österreichische Journalistin und Autorin Ingrid Brodnig an und engagiert sich couragiert gegen Hass im Internet – zuletzt in ihrem Buch Hass im Netz: Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können. Denn, nein: Wir müssen eine verrohte Netzkultur nicht einfach hinnehmen.

Frage: Um uns dem Thema zu nähern: Woher kommt Hass im Netz? Und was motiviert Menschen dazu, andere zu trollen?

Ingrid Brodnig: Richtige Trolle treibt die Schadenfreude: Sie freuen sich, wenn sie andere so richtig zur Weißglut oder in die Verzweiflung treiben können. Eine kanadische Studie namens ‚Trolls just want to have fun’ fand heraus, dass Trolle überdurchschnittlich oft unter Sadismus leiden.

Aber neben den klassischen Trollen gibt es eine zweite Gruppe von aggressiven Nutzern, die für viel Leid verantwortlich sind. Ich nenne diese User ‚Glaubenskrieger’, weil sie nicht aus Spaß andere fertigmachen, sondern aus blinder Überzeugung. Sie sehen sich in ihrem Weltbild so sehr im Recht, dass sie den Eindruck haben, es sei in Ordnung, Andersdenkende fertigzumachen und aus der Öffentlichkeit wegzumobben. Gerade bei politischen Diskussionen treten Glaubenskrieger auf und zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht mit Argumenten sondern mit Aggression die Diskussion an sich reißen wollen.

Frage: Wir stellen uns hinter den meist anonymen Accounts gern "gescheiterte Persönlichkeiten vor", von der Gesellschaft abgehängte Menschen. Aber das ist oftmals gar nicht der Fall, wie schon viele Reportagen gezeigt haben. Wie entsteht der Wunsch auf anonym ausgeführte Erniedrigung? Welche Befriedigung bekommen Menschen dadurch?

Brodnig: Der Troll tut dies zur Belustigung – in der Trollsprache heißt das ‚LULZ’ (es ist die gehässige Form des LOLs). Bei Glaubenskriegern hingegen geht es darum, die eigene ‚Wahrheit’ möglichst weit zu verbreiten. Glaubenskrieger sind oft der Ansicht, dass eine große Bedrohung existiert, vor der sie warnen müssen – seien es die ominösen Chemtrails oder der angebliche ‚große Austausch’ der Bevölkerung. Diese vermeintliche Bedrohung rechtfertigt in ihren Augen, so laut aufzutreten und auch hart zu Andersdenkenden zu sein. Solche Nutzer sind so aggressiv, weil sie tatsächlich an diese große Bedrohung glauben und Gehör finden wollen.