Schaue ich mich in meinem Freundes- oder Bekanntenkreis um oder lausche einfach nur Gesprächen in einem beliebigen Restaurant in Berlin, Köln, Hamburg oder München oder auf einer dieser Business-Partys, die sich an all die hippen, sogenannten Influencer richten, dann kommt mir regelmäßig die Galle hoch. Hier kommt ein Thema nämlich nach einem Glas Wein immer ganz schnell auf den Tisch: ein Leben am Rande der Armutsgrenze. Und am Rand des Burn-out.

Liebe Arbeitgeber: Auch ein fancy Job in einem fancy Unternehmen muss einen realistischen Lohn bieten können. Einen, mit dem die Menschen über die Runden kommen, einen mit dem sie etwas Sicherheit haben und sich auch ab und an etwas leisten können! Wir reden hier nämlich nicht nur von kleinen kreativen Butzen, wo eben nicht das ganz große Geld liegt. Wir reden hier von großen Agenturen, von Unternehmen, die Geld haben – das sie aber nicht nach unten weiterreichen. Wir reden hier von Jobs, die nicht mit 40 Stunden die Woche gemacht sind. Wir reden hier von Arbeitssituationen, in denen jungen Menschen weisgemacht wird, wenn sie einmal im Monat auf eine hippe Party kommen, bei der sie sich drei Gläser Champagner umsonst reinhauen dürfen, dann ist das irgendwie auch Teil der Bezahlung. Super, vielleicht gibt’s ja auch ein paar Gemüse-Sticks, dann knurrt der Magen wenigstens nicht so laut unter den teuren, von den Eltern bezahlten Klamotten.

Meist wird der Nachwuchs auch noch künstlich kleingehalten, um ihnen nicht drei Euro mehr im Monat bezahlen zu müssen. Keine Weiterbildungen, keine Förderung, keine Zeit.

Und die meisten machen mit, in der Hoffnung, dass doch irgendwann der ersehnte Aufstieg kommt, und der kommt dann und sie können von ihrem WG-Zimmer in eine 1-Zimmer-Wohnung ziehen. Urlaub ist natürlich immer noch nicht so richtig drin, außer Oma schießt noch ein bisschen Kohle zum Geburtstag dazu – wenn die Waschmaschine aber aus Versehen kaputtgeht, dann war es das auch wieder.

Wann ist endlich Schluss mit dem Mist?

Seien wir ehrlich: Selbstverwirklichung als Selbstausbeutung, das funktioniert einfach besonders gut in kreativen Berufen. Und besonders gut in Berlin. Denn hier braucht man anscheinend keine Sicherheit. Hier braucht man Status und einen Sinn dafür, dass man froh sein sollte, dass man diesen Job bekommen hat – schließlich hat man ihn sich doch so gewünscht und die Drohung, dass 300 andere Schlange stehen, um ihn wegzunehmen, die kommt ganz fix. 

Es ist das übliche Spiel mit der Angst, das fast immer aufgeht. Die Angst wirkt bis in die Teams hinein. Denn gerade, wer in den Beruf einsteigt, hat Ambitionen und Hoffnungen und kennt die Branche oft noch nicht so gut. Aber spätestens, wenn einem bewusst wird, dass miese Bezahlung nicht okay ist, kommen Fragen auf.

Aber wie kann man etwas verändern? Diejenigen, die die Fäden ziehen, sind nämlich ganz woanders. Sie sitzen in einem schönen Restaurant, wo sie keiner nervt, sind im Urlaub, an Orten, für die ihre Mitarbeiter weder Zeit noch Geld haben. Wenn Selbstverwirklichung nur so funktioniert, dass nur sehr wenige etwas davon haben während das Fußvolk quasi nichts verdient und nur davon lebt, das Bild, irgendwann zu dieser erlesenen Gruppe zu gehören, wie eine Möhre vor dem inneren Auge hängen zu haben, dann lohnt sich das einfach nicht.

Dann sollte man einen Schlussstrich ziehen und sich einen Job suchen, der sich nicht so toll und aufregend anhört, aber endlich ein Leben ermöglicht, in dem man sich selbständig finanzieren kann. Dann sollte man einen Job machen, der Sicherheit bietet und ja, vielleicht auch Freizeit. Man muss sich nicht auf Teufel komm raus im Beruf verwirklichen.

Dieser Text ist zuerst erschienen bei Edition F.