"Invest like a Woman" – Investiere wie eine Frau! lautet der Slogan der US-amerikanischen Anlageberatung Ellevest. Die Firma ist auf Anlageberatung via Internet für Frauen spezialisiert. Das Konzept ist erfolgreich, in ihrer letzten Investment-Runde erhielt Ellevest neun Millionen Dollar von Investoren wie Aspect Ventures. Doch brauchen Frauen tatsächlich ihre eigene Anlageberatung?

Bianca Kindler kann diese Frage beantworten. Die groß gewachsene Frau mit dem freundlichen Gesicht ist Beraterin beim Berliner Finanzkontor, einer Anlageberatung, die auf Frauen spezialisiert ist. Das Finanzkontor wurde vor 30 Jahren von Anne Wulf in Bremen gegründet und zog später nach Berlin um. "Damals war es Standard, dass eine Frau, die zur Bank ging, gefragt wurde: Was macht ihr Mann? Was verdient er denn?" erzählt Kindler.

Diese Einstellung gegenüber Frauen ist historisch gewachsen, denn die Finanzplanung der Frau war in Deutschland lange Zeit am Mann ausgerichtet. Bis 1962 durften Frauen kein eigenes Bankkonto eröffnen und bis 1974 brauchten sie noch die Erlaubnis vom Mann, um überhaupt Geld zu verdienen. Da erstaune es nicht, dass die Generation der heute 50- bis 60-jährigen Frauen ihre Gelddinge nicht immer selbst in die Hand nähmen, sagt Kindler: "Sie haben in ihren Familien immer gesagt gekriegt: Das macht der Mann." Bianca Kindler berät seit 15 Jahren in einem Altbau in Berlin-Schöneberg Frauen zu Vermögen und Vorsorge. Ihr ist es wichtig, dass ihre Kundinnen über alle Optionen gründlich informiert sind. Frauen sollten sich selbst um ihr Geld kümmern, davon ist die Beraterin überzeugt.

Ein Anfängerfehler machte sie zur Expertin

Auch der Bloggerin Natascha Wegelin ist es wichtig, dass Frauen finanziell eigenständig sind. Die 30-jährige Gründerin betreibt deshalb seit Januar 2016 den Blog Madame Moneypenny. Wegelin fand sich selber in der Situation wieder, den Vertrag für eine Altersvorsorge unterschrieben zu haben, ohne genau zu wissen, welche Kosten auf sie zukamen. Als sie herausfand, wie sehr die Maklerin von ihrer Rürup-Rente selbst profitierte – immerhin war die Provision sehr hoch – war sie wütend. Verärgert nicht nur über die hohen Provisionen, sondern auch verärgert über sich selbst. "Es konnte nicht sein, dass ich mit Ende zwanzig nichts über Finanzen wusste." Sie beschloss zu handeln und sich gründlich über Finanzen, Vorsorge und Anlagen zu informieren.

Die Erkenntnisse aus ihren Lektüren teilte sie auf ihrem Blog. Er fand großen Anklang in der Finanzblogger-Gemeinschaft, besonders bei weiblichen Leserinnen. "Ich habe gemerkt, dass anderen Frauen der Hafen fehlte, um sich über Anlagen zu informieren. Um auch einfach mal eine vermeintlich 'dumme' Anfängerfrage zu stellen," erzählt Wegelin.

Zusätzlich zu dem Blog hat sie eine Facebookgruppe gegründet. Madame Moneypenny – finanzielle Unabhängigkeit für Frauen. Die mittlerweile fast 1.000 Mitglieder starke Gruppe ist nur Frauen geöffnet. "Hier haben sie einen Ort, um sich in Ruhe auszutauschen. Ich möchte keine Beraterin sein, ich möchte viel mehr Frauen helfen, eigene Entscheidungen zu treffen," beschreibt Wegelin das Konzept. Bald veranstaltet sie ihr erstes Seminar für Frauen über finanzielle Unabhängigkeit, auch über Webinare denkt Wegelin nach. Sie möchte das Thema sichtbar machen, möchte, dass mehr Frauen bewusst mit ihrem Geld umgehen und es investieren.

Genau wie Wegelin, sieht auch Bianca Kindler ihre Arbeit darin, Frauen dort abzuholen, wo sie sind. Sie möchte ihnen eine adäquate, an ihre Lebensverhältnisse angepasste Beratung zu bieten. Die Produkte, die in der Beratung vermittelt werden, unterscheiden sich nicht viel von der herkömmlichen Anlage- und Vermögensberatung: Private Rentenvorsorge, Immobilien, Anlagen. Doch die Bedürfnisse der Frauen, die zu Bianca Kindler kommen, sind anders als die des durchschnittlichen reichen, männlichen Investors. Das Gehalt ihrer Kundinnen ist durchschnittlich niedriger und sie haben oft längere Pausen im Erwerbsleben.