Carolin Gabor war meist die einzige Frau allein unter Männern. "Durch die Wahl meiner Branche war das einfach so", sagt sie. Heute ist Gabor Geschäftsführerin bei FinLeap. Die Firma ist ein sogenannter Company Builder für Fintechs, also auf die digitale Finanzbranche spezialisiert. FinLeap entwickelt innovative Geschäftsmodelle unter Nutzung digitaler Technologien für Unternehmen in der Finanzbranche. Elf Firmen hat das Unternehmen seit seiner Gründung im Jahr 2014 seither auf den Weg gebracht. Gabors Job ist es, auf die Strategie und das Wachstum dieser neuen Unternehmen zu achten – und auch mehr Frauen für den Bereich zu interessieren. Denn die fehlen.

An der Schnittstelle zwischen Finanzen, digitalen Technologien und Gründertum sei es extrem schwer, Frauen zu finden, sagt die Geschäftsführerin. Sie habe lange geglaubt, dass es noch viele andere Frauen wie sie in der Branche gebe, aber diese vielleicht einfach nicht so laut auftreten würden wie die meisten Männer im Fintech-Bereich. Erst als sie selbst weibliches Personal suchte, stellte Gabor fest, "dass es tatsächlich ziemlich wenige gibt". 

Tatsächlich wird von den rund 50 europäischen Fintech-Unternehmen nur eines von einer Frau geführt – und gerade einmal fünf Prozent der Mitarbeiter in den Führungsetagen in der Branche sind Frauen. Das hat das Thinktank Digital Finance Institute im Juni 2015 in einer Analyse festgestellt.

Eine, die einen Überblick hat, ist die Journalistin Carolin Neumann. Sie berichtet in dem wöchentlichen Newsletter Finletter über die Branche. Neumann bestätigt, dass Frauen in der Branche in der Unterzahl sind. Aber es gebe sie. Frauen seien besonders häufig im Bereich Kommunikation und Marketing zu finden, hier auch in Führungspositionen. "Zum Beispiel Susanne Krehl von Barzahlen, Annette Siragusano von der Bank Comdirect oder Stella Regna vom Banking-Provider figo. Aber obwohl viele Frauen top vernetzt sind, gehen sie hinter den Firmengründern und -köpfen häufig unter." Um ihre Sichtbarkeit zu erhöhen, seien Frauennetzwerke notwendig, sagt Neumann.

In Deutschland gibt es mittlerweile einige solcher Netzwerke. Marguerite Arnold, selber Fintech-Gründerin, etwa hat im August 2016 das Netzwerk Women in Fintech in Frankfurt gegründet, welches mittlerweile 170 Frauen zusammenbringt. Carolin Gabor rief im September 2016 das Netzwerk Fintech Ladies Europe ins Leben, welches Frauen aus der Branche zu Dinnerpartys in ganz Europa einlädt – bisher in Berlin, Frankfurt, Zürich und London. Das war nicht ganz einfach: Gabor musste gezielt Multiplikatorinnen finden, die gut in Politik und Wirtschaft vernetzt waren. "Bei jedem Abendessen, das wir bisher veranstalteten, brachten wir Frauen zusammen, die sich bis dahin noch gar nicht kannten, obwohl sie in derselben Stadt und derselben Branche arbeiten." Beim Austausch steht der Inhalt im Vordergrund, neue Ideen und Kooperationsmöglichkeiten.

Viele Frauen kennen sich nicht untereinander

Christine Kiefer, Gründerin der Forderungsmanagement-Firma Pair Finance, begann schon im Mai 2016, Frauen aus allen Fintechs in Berlin zu versammeln. Das Netzwerk Fintech Ladies umfasst mittlerweile deutschlandweit um die hundert Teilnehmerinnen. "Erstens möchten wir Frauen vernetzen, die bereits in der Branche arbeiten und zweitens die Fintech-Branche als einen möglichen Karriereweg für mehr Frauen aufzeigen. Drittens: mehr Frauen auf die Bühne bringen und ihnen Interviewmöglichkeiten über das Netzwerk weitergeben," erläutert Kiefer die Ziele des Netzwerks.

Eine der Teilnehmerinnen im Netzwerk ist Sarah Drefenstedt, Mitgründerin der Onlineplattform plilend, wo nachhaltige Investitionen durch Kredite unterstützt werden können. "Die Herausforderungen der einzelnen Teilnehmerinnen sind ähnlich, die Gespräche tiefgründig und die erweiterten Netzwerke passen perfekt zu unseren Bedürfnissen," sagt sie über das Netzwerk.

Kiefer ist es wichtig, mehr Frauen für technische Positionen in Fintechs zu begeistern, das merkte sie selber als Gründerin und Geschäftsführerin: "Ich habe mich total gefreut, als wir die erste Entwicklerin gefunden haben und eine andere Frau im Team hatten." Kiefers eigener Weg in die Branche verlief über ein Informatikstudium, das sie sich mit Aktienhandel finanzierte. "Ich habe mich schon immer für IT und Finanzen interessiert, das habe ich meine ganze berufliche Laufbahn gemacht", erzählt sie.

Doch mit diesen Interessen war sie unter ihren Geschlechtsgenossinnen eine Ausnahme. Dass sich Frauen zu wenig für Technik und Finanzen interessieren, beobachtet sie auch heute. Aber woran liegt es?