Inge Hannemann arbeitete als Arbeitsvermittlerin in einem Hamburger Jobcenter und war die erste Mitarbeiterin eines deutschen Jobcenters, die das System öffentlich kritisierte und seine Ungerechtigkeiten thematisierte. Sie kämpft mit ihrer Initiative "Sanktionsfrei" für ein faireres System. In ihrer Arbeit hat sie immer wieder miterlebt, wie zermürbend Hartz IV für die Empfänger sein kann und vielmehr noch, dass der dadurch ausgelöste Druck zu ernsthaften existentielle Ängsten führt.

Sie kritisiert, dass Hartz IV nicht das Ziel verfolge, erwerbslos gewordene Menschen wieder zurück in den Beruf zu bringen, sondern sie über den Sanktionsdruck aus dem Leistungsbezug zu drängen. Mittlerweile sitzt sie parteilos über die Liste der Linken in der Hamburger Bürgerschaft und setzt sich politisch, sozial und privat für eine gerechtere Gesellschaft ein.

Frage: Sie wurden während ihrer Arbeit für ein Jobcenter in Hamburg zur Hartz-IV-Kritikerin. Was haben Sie dort erlebt?

Inge Hannemann: Zuletzt war ich als Arbeitsvermittlerin, heute wird es Integrationsfachkraft genannt, für junge Menschen unter 25 Jahren tätig. Speziell war ich für die jungen Menschen zuständig, die von meinen Kolleginnen und Kollegen als besonders schwer vermittelbar eingeschätzt wurden – also, sozusagen mit mehreren Vermittlungshemmnissen. Die Jobcenter haben sich, insbesondere durch die Forderungen, zu einem ‚Bürokratiemonster‘ entwickelt, welches sich aufgrund der vielen administrativen Aufgaben, auf diese konzentrieren muss, statt auf den Menschen. Der Mensch ist dabei in den Hintergrund geraten. Hartz IV agiert mit den Sanktionen als ein Druckmechanismus auf die Arbeitssuchenden. Und Druck erzeugt in der Regel Gegendruck und führt zu Ängsten. Besonders zu Existenzängsten, da auch die Existenz komplett entzogen werden kann.

Frage: Waren Sie die einzige Mitarbeiterin, die das so wahrgenommen hat, oder gab es neben Ihnen auch weitere Kolleginnen und Kollegen, die die Reform ähnlich kritisch gesehen haben?

Hannemann: Nein, ich war bei weitem nicht die Einzige. Aber ich war die erste, die öffentlich mit ihrem Namen das System kritisiert hat. Schon während meiner gesamten Zeit in unterschiedlichsten Jobcentern, wurde hinter verschlossenen Türen, kritisch über das System und deren Umsetzung gesprochen. Das hat sich bis heute nicht geändert. Nur heute finden die Gespräche außerhalb der Jobcenter statt.

Frage: Insbesondere die Sanktionen gegen Hartz-IV-Empfänger stoßen Ihnen auf, weshalb Sie auch die Initiative "Sanktionsfrei" gegründet haben, um für ein faires System zu kämpfen. Was ist aus Ihrer Sicht an den Sanktionen so problematisch und wie kann ein besseres System aussehen?

Hannemann: Jede Sanktion, auch die mit zehn Prozent bei einem Meldeversäumnis, kürzt das Existenzminimum entsprechend. "Sanktionsfrei" und meine Person vertreten die Meinung: Ein Existenzminimum kürzt man nicht. Vergessen wird oft dabei, dass jede Kürzung, auch Kinder trifft, wenn diese mit im Haushalt leben. Ebenso kann Kindern ab 15 Jahren die Regelleistung gekürzt werden. Folgen daraus können sein: drohende bis vollzogene Obdachlosigkeit, Verlust der Krankenversicherung, Schulden, Hunger, fehlende notwendige Medikamente oder weitere Kürzungen, weil aufgrund des fehlenden Geldes ein weiterer Besuch im Jobcenter nicht möglich ist. Trotz Kürzung erfolgen oftmals weitere Einladungen in die Jobcenter. Ein erster Schritt ist zunächst die Abschaffung der Sanktionen zu einer sanktionsfreien Mindestsicherung. Ein weiterer Schritt, solange die Jobcenter bestehen, Beratungen auf Augenhöhe, was schlussendlich dazu führen muss, dass Kenntnisse, Fähigkeiten und Stärken individuell besprochen und für Qualifizierungen und Arbeitsplatzangebote berücksichtigt werden müssen. Es ist das klassische Visionscoaching.

Frage: Welche Hilfe bietet Ihre Initiative konkret?

Hannemann: "Sanktionsfrei" arbeitet präventiv. Das heißt durch vorherige Beratung wollen wir Sanktionen vermeiden. Außerdem bieten wir Hilfe beim Widerspruch oder bei einer Klage über unsere Anwälte an und schlussendlich gleichen wir über einen Solidartopf vollzogene Sanktionen finanziell aus. Damit möchten wir den Menschen den Druck nehmen, den sie durch die Kürzungen haben, damit sie sich wieder auf sich, ihre Familie oder Arbeitsplatzsuche konzentrieren können.