Es ist ja nicht so, dass man lügen würde. Aber was will man machen, wenn da solche Begriffe stehen? Gesucht wird ein belastbares Multitalent, ein kreativer Teamplayer, ein strategischer Querdenker. Berufserfahrung soll der Bewerber mitbringen, mehrjährig und einschlägig. Und so wird eben aus einem längst vergessenen Praktikum, bei dem man vor allem Dienst am Kaffeeautomaten hatte, ein glitzerndes Pionierprojekt. Und akzeptables Schulenglisch muss eben als verhandlungssicher durchgehen, was ja nicht ausschließt, dass man Originalserien oft nur mit Untertiteln versteht. Und schon klingt der Lebenslauf, als führe er mit aller Pracht wie die Champs-Ély­sées auf die ausgeschriebene Stelle zu. Auf diese eine und sonst keine.

Natürlich ist das Quatsch. Denn vermutlich jeder Jobsuchende arrangiert die Etappen der Biografie schon bei der nächsten Bewerbung aufs Neue, dass es auch hier aussieht, als könnte es gar nicht anders sein. Hauptsache, man setzt sich nur gekonnt in Szene. Erst kürzlich hat eine Expertise des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung postuliert, dass die Fähigkeit zur Selbstvermarktung im Beruf künftig an Bedeutung gewinnt. Man könnte sich als Wissenschaftler fragen, für welche Dysfunktionalitäten der Arbeitswelt es steht, wenn Kompetenzen wichtig werden, die nur entfernt mit dem Inhalt eines Jobs zu tun haben. Stattdessen schoben die Autoren raunend hinterher: "Wer diese nicht hat, wird schnell abgehängt."

Sehr viel weniger ist dagegen von dem Unbehagen zu hören, das die Selbstinszenierung begleitet. Es ist wie mit dem rosa Elefanten im Raum: Eigentlich sehen alle, dass da irgendwas doch nicht so ganz stimmt. Aber das Thema anzusprechen traut sich niemand. So ein Schauspiel fällt wie Badeschaum in sich zusammen, sobald man es beim Namen nennt. Nur ganz moderne Dramatiker schicken den Souffleur mit auf die Bühne.

Wie viel Hochstapelei ist gesund?

Dabei liegt es auf der Hand, dass die Selbstinszenierung von ähnlichen Gefühlen begleitet wird wie der normale Theaterbetrieb auch. Es können einem hinter den Kulissen mitunter kräftig die Knie schlottern. Auch bei der Selbstdarstellung gibt es Lampenfieber. Für die besonders ausgeprägte Form dieser Bühnenangst im Beruf haben Psychologen den Begriff des Hochstapler-Syndroms geprägt: Die Betroffenen leben in ständiger Sorge, als Blender enttarnt zu werden; sie glauben, ihr Erfolg wäre nur ein Produkt des Zufalls, ein Missverständnis, eine Verwechslung, die irgendwann auffliegen muss. Man muss aber nicht gleich von derart hartnäckigen Zweifeln geplagt sein, um gelegentlich die Unsicherheiten zu spüren.

Denn nötig wird die Selbstinszenierung ja meistens genau deswegen: weil die Umstände so unsicher sind. Es fehlen die objektiven Kriterien, die klaren Maßstäbe für das, was in einem Job als richtig und falsch gilt. Was macht die Baggerfahrerin? Erde ausheben. Niemand müsste das bei Xing posten oder auf seine Website schreiben. Was machen die modernen Wissensarbeiter? Bürokram, telefonieren, Mails beantworten, irgendwas lesen, irgendwas konferieren, irgendwas nachdenken, irgendwas brainstormen. Mit welchem Ergebnis? Gute Frage.

Man kann es noch pessimistischer sehen: Die Inszenierung wird vor allem dann nötig, wenn durch die eigentliche Arbeit Anerkennung nicht mehr garantiert ist. Was wir tun, wirkt nicht für sich; wir müssen nachhelfen und uns vor aller Augen auf die Schultern klopfen. Der Anlass, zu dem die Scheinwerfer für die große Ego-Show aufgebaut werden, könnte damit ebenso gut einer für Verdruss sein. Dummerweise funktioniert Selbstanpreisung mit herabhängenden Mundwinkeln schlecht. Wir ahnen diesen Widerspruch und schlucken ihn herunter.