Hätten Sie gewusst, dass es ein bedingungsloses Grundeinkommen schon mal gab? Ausgerechnet am Vorabend der industriellen Revolution wurde das damals in England geltende universelle Einkommen allerdings beseitigt. Das bislang geltende Armengesetz beruhte auf dem Prinzip der Armenpflege, welches im ganzen mittelalterlichen Europa anzutreffen war.

Und dieses Gesetz war zuvor noch ausgeweitet worden: Als sich am 6. Mai 1795 im Pelican Inn, im Ort Speenhamland, Gesetzgeber trafen, wurde eine einzigartige Verordnung entworfen: Am Brotpreis ausgerichtet wurde jedem Individuum ein Mindesteinkommen gestattet. Das Revolutionäre war auch, dass dieses Einkommen als Lohnzuschuss gewährt wurde, wenn der Verdienst unter dieser Grenze lag. "Keine Maßnahme", urteilte der Historiker Karl Polanyi, "war jemals populärer als das Speenhamland Gesetz." Eltern mussten nicht mehr für Kinder aufkommen. Kinder und Alte waren nicht mehr abhängig von ihren Familien. Arbeitgeber konnten ihre Löhne senken und Arbeitnehmern bot es Schutz vor Hunger.

Um der industriellen Revolution zum Durchbruch zu verhelfen, wurde dieses Gesetz 1834 aber aufgehoben: Tagelöhner, Frauen und Kinder wurden so in die entstehenden Fabriken mit ihren unmenschlichen Arbeitsbedingungen gepresst – das Grundeinkommen hätte dies verhindert.

Bedingungsloses Grundeinkommen - 1.000 Euro im Monat, einfach so Ein Berliner Start-up verlost Grundeinkommen auf Zeit. Schon 85 Menschen haben gewonnen, das Konzept bleibt umstritten. © Foto: Mein Grundeinkommen e.V.

Paradoxerweise hatte ausgerechnet dieses Grundeinkommen den Durchbruch der modernen Wirtschaft ermöglicht: Denn es verteilte Einkommen reicher Grundbesitzer und stärkte auf diese Weise zunächst die Massenachfrage. Die ärmere Bevölkerung konnte sich nur wegen des Universaleinkommens die billigen Güter der neuen Fabriken kaufen. 

Die Unternehmung als Strukturelement, welches das Leben, Status und Einkommen determiniert, ist seither geblieben. Ein Ausbruch war eigentlich nicht vorgesehen. In einer Studie aus den siebziger Jahren, die den Karriereweg von Arbeiterkindern begleitete, kam der Autor Paul Willis zu der Schlussfolgerung, dass deren Weg, trotz liberaler Bildungspolitik, unweigerlich wieder in die Fabrik führte. Die Lads der Arbeiterklasse würden keinen Widerstand gegen ihre Situation entwickeln, sondern nur Strategien, die ihre Situation bejahen würden, wie etwa Sexismus und Rassismus. Alles andere, so Willis hätte ja keinen Sinn ergeben. "Wohin", fragte er, "hätten denn die vielen mit Selbstbewusstsein und Fähigkeiten ausgestatten Kinder gehen können?" Anspruchsvolle Jobs gäbe es nicht genug und die Arbeitgeber würden damit kämpfen, überqualifizierten Aspiranten dumpfe Tätigkeiten schmackhaft zu machen.

Das bedingungslose Grundeinkommen wäre ein Störfall

An diese Situation hatte sich bis vor kurzem trotz aller Verbesserungen nichts Grundsätzliches geändert. "Wir müssen Leute dazu bekommen, Dinge zu tun, die sie nicht tun wollen", sagte mir ein Vorstand eines großen Industrieunternehmens.

Ein universelles Basiseinkommen ist in einem solchen Konzept nicht darstellbar. Selbst wenn man es finanzieren könnte, wer würde dann die ganze unangenehme, ermüdende, monotone und gesundheitsschädigende Arbeit machen wollen? Vorstöße, die etwa in den USA von so unterschiedlichen Protagonisten wie Richard Nixon, Martin Luther King und Milton Friedmann kamen, mussten also scheitern. Allein in Alaska gibt es für die Einwohner durch das Öleinkommen eine Art Basiseinkommen.

Erst durch die Digitalisierung und Robotisierung kamen in jüngster Zeit und von überraschender Seite neue Vorstöße. Ausgerechnet aus dem Silicon Valley, aber auch aus deutschen Chefetagen – und nicht etwa von den Gewerkschaften – waren in letzter Zeit vermehrt Ideen in diese Richtung zu verzeichnen. Auf der anderen Seite auch nicht wirklich überraschend: Wenn den ganzen Tag Apps entwickelt werden, macht man sich natürlich auch Gedanken, woher denn die Kaufkraft kommen soll, um diese neuen Produkte zu kaufen.