Angefangen hat alles in einer Kiesgrube mitten in der norddeutschen Pampa, mit wenigen hundert Menschen, viele davon verwurzelt in der Biker-Szene. Es war 1990 und der Heavy Metal war tot. Metallica waren noch nicht massenkompatibel und wenn neben Techno und Europop überhaupt irgendwo Gitarrenmusik gespielt wurde, dann verschrebbelter Grunge. Wie durchgeknallt muss man sein, um in so einer Zeit ein Metal-Festival zu gründen? Wer macht so etwas? Und aus unternehmerischer Sicht hochspannend: Wie hat sich das Wacken-Festival von den bescheidenen Anfängen zu der heutigen Mammutveranstaltung gemausert, zur Heimat für Headbanger aus der ganzen Welt (die im richtigen Leben übrigens u.a. Banker, Ingenieure und Sozialversicherungsfachangestellte sind)?

Gegründet haben das Wacken Open Air Holger Hübner und Thomas Jensen. Optisch entsprechen beide voll dem Klischee: die Haare lang, die Klamotten schwarz. Aus den gereiften Gesichtern ist zu lesen, dass sie die eine oder andere Party mitgenommen haben – und viel Spaß dabei hatten. Jensen hat früher selbst für eine Cover-Band in die Basssaiten gehauen, Hübner war Metal-DJ auf dem Dorf, schon damals waren sie ein Team.

Heute sind sie, nüchtern betrachtet, Co-CEOs eines florierenden mittelständischen Unternehmens, beschäftigen rund 50 festangestellte Mitarbeiter und, anlassbezogen, eine Armada von Dienstleistern und "Freien". Rund um das Wacken-Festival sind sie mit 3.500 Mitarbeitern zumindest für einen Monat einer der größten Arbeitgeber in Schleswig-Holstein. Zusätzlich zum großen Event im Sommer haben sie weitere Nischenprodukte geschaffen, die neben ausgefallenen Konzertevents (z. B. Metal-Festivals kombiniert mit einer Kreuzfahrt, Urlaub am Meer, oder einer Skireise) unter anderem eine Stiftung und Musik-Camps für Jugendliche umfasst. Danach sah es nicht immer aus. In den frühen Jahren hatten sie oft zu kämpfen, standen mit dem Festival bisweilen vor dem finanziellen Ruin. Doch das ist Geschichte.

"Wir denken wie die Amis"

Wie lockt man gute Leute in die norddeutsche Provinz? Eine Herausforderung, die Jensen und Hübner mit vielen Unternehmern teilen. "Wir haben tolle Marken und Brands, sagen den Leuten: Ihr könnt euch austoben. Je interessanter der Laden ist, desto cooler ist es, dort zu arbeiten", sagt Hübner. Dabei belassen es die Gründer jedoch nicht. Ähnlich wie im Silicon Valley oder bei Berliner Start-ups gibt es eine Art Feel-Good-Management, die Mitarbeiter kommen beispielsweise kostenlos ins Fitnessstudio oder ins örtliche Freibad. Das Mittagessen wird gestellt, Praktikanten und Azubis kommen unentgeltlich in Wohngemeinschaften unter. Viele, aber nicht längst nicht alle Mitarbeiter sind selbst Metalheads. Doch alle eint die Freude, bei einem Unternehmen zu arbeiten, dass nicht einfach nur Produkte verkauft, sondern Teil einer Bewegung, einer Mission ist.

"Sind nach wie vor in erster Linie Fans"

"Wir machen das aus Überzeugung. Wir sind und bleiben die Jungs vom Dorf, fliegen selbst noch regelmäßig um die Welt, um uns Bands anzuschauen", erzählt Jensen. Lokal im Handeln, aber global im Denken war von Anfang an eine wichtige Devise. So wie es viele deutsche Mittelständler machen. "Metal war damals total out, aber wir wollten die Community bei uns in Norddeutschland versammeln. Wenn Schleswig-Holstein zu klein ist, suchen wir in ganz Deutschland. Wenn Deutschland zu klein ist, suchen wir in Europa, wenn Europa zu klein ist, dann suchen wir eben in der ganzen Welt." So schildert Hübner den Drive der ersten Jahre.

Ein Wort, welches im Interview immer wieder fällt: "Familie". Die Mitarbeiter: Familie. Die Bands: Familie. Die Fans: sowieso Familie. Das Wort "Kunde" ist verpönt. Doch auch die Dienstleister, ob Stagehand oder Klofrau: Familie. Die Pyrotechniker sind seit über 20 Jahren an Bord, viele Leute bei der Security ebenso. Auch die Mitglieder der freiwilligen Feuerwehr in Wacken, die das Festival massiv unterstützen, gehören zum Inventar. Mittlerweile leisten Großvater, Sohn und Enkel gemeinsam ihren Dienst. "See you in Wacken – rain or shine!", lautet ein Motto des Events. Es bezieht sich auf das notorische Schietwetter, welches das Festival mit schöner Regelmäßigkeit heimsucht. Dann gibt es neben tierisch lauter Musik auch tierisch viel Matsch. Aber davon lässt sich eine Familie eben nicht aufhalten.