ZEIT ONLINE: Herr Wehrle, in Ihrem aktuellen Buch beschäftigen Sie sich mit introvertierten Menschen. Was war die Motivation für dieses Buch?

Martin Wehrle: Ich ärgere mich seit Langem darüber, dass in unserer Gesellschaft die Lautsprecher als Vorbild gelten. Damit müssen wir aufhören. Die mit der größten Klappe werden befördert. Sie erhalten regelmäßige Gehaltserhöhungen und landen schließlich auf dem Chefsessel. Diese Menschen sind es allerdings auch, die später eher abstürzen und das Unternehmen als Trümmerhaufen hinterlassen. Die Introvertierten hingegen – nicht zu verwechseln mit den Schüchternen – erledigen die eigentliche Arbeit.

ZEIT ONLINE: Sie fordern weniger Lautstärke und mehr Lauterkeit, Kurse im Zuhören statt im Reden. Wenn man das Phänomen Trump betrachtet, scheint Lautstärke allerdings erfolgreicher zu sein als Lauterkeit. Warum fallen wir auf Schwätzer herein?

Wehrle: Bisher galt: Rhetorik schlägt Inhalt. Wer die besten Präsentationen macht, setzt sich durch, nicht die Person mit der größten Kompetenz. In der Dienstleistungsgesellschaft ist die wichtigste Währung das gesprochene Wort, und nicht die Leistung. Das hat es den Schaumschlägern leicht gemacht, einen guten Eindruck zu hinterlassen – aber sonst leider nichts. Das ist heute einfacher als früher. Früher haben Menschen in kleineren Gemeinschaften gelebt, man kannte sich und die Stärken und Schwächen des anderen. Hier eine Rolle zu spielen fiel nicht nur schwer, man wurde auch schneller entlarvt.

ZEIT ONLINE: Und jetzt hat also das Zeitalter der Zurückhaltenden begonnen?

Wehrle: Unternehmen machen mit den Lautsprechern zunehmend schlechte Erfahrungen. Gerade durch das Internet lässt sich die Spur derer, die verbrannte Erde hinterlassen haben, schneller aufdecken. Und das führt eben auch dazu, dass Unternehmen heute viel intensiver recherchieren, bevor sie eine Führungskraft einstellen.

ZEIT ONLINE: Wie können sich introvertierte Menschen in unserer Lärmgesellschaft behaupten?

Wehrle: Indem sie sich auf ihre Stärken konzentrieren – und sich nicht durch Redner- oder Selbst-PR-Seminare quälen. Introvertierte sind gut beraten, wenn sie sich eine Leistungsmappe anlegen und mit dieser in Verhandlungen gehen. Oder sich in Meetings eine vertraute Person aussuchen und sich auf die konzentrieren. So, als wäre man nur zu zweit.

ZEIT ONLINE: Und wie können Extrovertierte Introvertierte unterstützen?

Wehrle: Grundsätzlich funktionieren Teams besser, wenn sie aus unterschiedlichen Persönlichkeiten bestehen. Die Extrovertierten können die Introvertierten dann aktiv ins Gespräch einbeziehen. Sie können sie auffordern, ihre Meinung zu sagen. Sie sollten ihnen aber auch genügend Zeit einräumen, denn Introvertierte brauchen für Entscheidungen länger. Vor allem, wenn es um die Rhetorik geht, brauchen sie für ihre gründliche Vorbereitung Zeit. Daher kann es sinnvoll sein, wenn man von ihnen vieles schriftlich einfordert. Zeit dafür wäre es. Die fachlichen Kompetenzen der Leute aus der zweiten Reihe müssen endlich beachtet werden.