ZEIT ONLINE: Herr Krauthausen, was kommt auf Firmen zu, die einen behinderten Menschen einstellen wollen?

Krauthausen: Zunächst einmal eine ganze Menge Papierkram. Sie brauchen Geduld. Je nach Bedarf können unterschiedliche Unterstützungen für den Betrieb und den behinderten Menschen beantragt werden. Dies dauert leider oft sehr lange. Ist diese Hürde aber genommen, dann ist das größte Hindernis beseitigt. Der erste Schritt ist der schwierigste.

ZEIT ONLINE: Hat sich die Beschäftigungssituation für behinderte Menschen denn inzwischen verbessert? Immerhin hat sich die Bundesrepublik bereits im Jahr 2009 verpflichtet, die Inklusion – also Teilhabe in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens – umzusetzen, so wie es in der UN-Behindertenrechtskonvention verankert ist.

Krauthausen: Eine echte Verbesserung gibt es nicht. Wir freuen uns über jeden behinderten Menschen, der überhaupt auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt ankommt. Die Behörden machen es den behinderten Menschen und den Betrieben oft sehr schwer.  

ZEIT ONLINE: Das heißt, trotz aller Gesetze hat die Inklusion besonders auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt noch nicht stattgefunden?

Krauthausen: Ja, genau. Das hat etwas mit dem System zu tun, in dem behinderte Menschen sich bewegen. Behinderte Kinder gehen in der Regel auf sogenannte Förderschulen. Danach machen sie gleich eine Ausbildung in einem besonderen Berufsbildungswerk, oder sie gehen in eine Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM). Aufgrund dieser Bildungsbiografie haben sie kaum Chancen auf dem regulären Ausbildungsmarkt. Nach der Ausbildung finden sie dasselbe Szenario vor: Nicht geförderte Arbeitgeber der freien Wirtschaft stellen diese Menschen nicht ein. Die allermeisten gehen danach direkt in die Werkstätten. Und das ist das eigentliche Problem.

ZEIT ONLINE: Wo liegt das Problem genau?

Die Werkstätten können es sich nicht leisten, auf ihre besten Mitarbeiter zu verzichten.

Krauthausen: Die Werkstätten der großen Sozialverbände befinden sich untereinander in einem Wettbewerb. Sie alle arbeiten für große Firmen; sie alle wollen sich die Aufträge dieser Firmen sichern, und das geht nur, wenn die Qualität stimmt. Daher können es sich die Werkstätten nicht leisten, auf ihre besten Mitarbeiter zu verzichten. Diese werden gehalten. Man verhindert ihren Aufstieg in den allgemeinen Arbeitsmarkt. Die Quote der Übergänge von einer WfbM auf den allgemeinen Arbeitsmarkt liegt immer noch bei unter einem Prozent – obwohl es eigentlich der Auftrag der WfbM wäre, diesen Übergang zu ermöglichen.

ZEIT ONLINE: Das Bundesteilhabegesetz vermag es also nicht, behinderte Menschen in die Gesellschaft einzugliedern?

Krauthausen: Mit ihm hat man zumindest einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung gemacht: Ab 2018 ist das Budget für Arbeit bundesweit gesetzlich verankert. Das bedeutet: Beschäftigen Betriebe behinderte Menschen, die andernfalls in einer WfbM tätig wären, bekommen sie langfristig finanzielle Unterstützung. Leider gilt dies aber nur für behinderte Arbeitnehmer, die schon etwa drei Jahre lang eine Ausbildung in einer WfbM durchlaufen haben und dann im normalen Bereich einer WfbM arbeiten würden. Die Chance auf eine große gesellschaftliche Veränderung durch das Teilhabegesetz wurde leider vertan.                                                                          

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das für den Einzelnen?

Für Konzerne ist das Auslagern bestimmter Produktionsprozesse sehr attraktiv.

Krauthausen: Die Arbeit in den Werkstätten ist sehr hart. Meistens müssen die Beschäftigten hier acht Stunden am Tag ein- und denselben Arbeitsschritt erledigen. Das ist monoton und für viele schwer zu ertragen. Stellen Sie sich vor, Sie hätten daneben keine andere Aufgabe und keine Perspektive, da rauszukommen. Es findet so gut wie keine Qualifizierung der Beschäftigten statt. Die Verdienstmöglichkeiten sind auch äußerst schlecht und weit unter dem Mindestlohn.

Für die großen Konzerne ist das Auslagern bestimmter Produktionsprozesse dagegen sehr attraktiv: Zum einen, weil es günstig ist; zum anderen können sich die Unternehmer diese Art der Beschäftigung von behinderten Menschen auf ihre Quote anrechnen und müssen keine Ausgleichsabgabe leisten.

ZEIT ONLINE: Sie zahlen nicht, obwohl sie keinen Mitarbeiter mit Behinderung im eigenen Betrieb beschäftigen?

Muss ein Mensch produktiv arbeiten, um als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft anerkannt zu werden?

Krauthausen: Genau. Dieses System ist ungerecht und bestätigt sogar die Werkstätten in ihrem Tun. Für die behinderten Menschen bedeutet es einen geringen Lohn von etwa 1,50 Euro die Stunde und keine Auf- und Ausstiegsmöglichkeiten. Natürlich muss man einräumen, dass es Menschen mit Behinderungen gibt, die auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt gar nicht unterzubringen sind. Doch muss ein Mensch produktiv arbeiten, um als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft anerkannt zu werden? In Deutschland ist das wohl so. In den skandinavischen Ländern ist der Ansatz ein anderer. Hier dürfen alle arbeiten, egal ob produktiv oder nicht; aber behinderte und nichtbehinderte Menschen sind auf jeden Fall zusammen. Die, die bei der Arbeit etwas mehr Zeit brauchen, werden staatlich unterstützt und erhalten einen Tariflohn. Der allgemeine Arbeitsmarkt wurde also auch für behinderte Menschen geöffnet, die je nach Bedarf unterstützt werden.

ZEIT ONLINE:  Gibt es Menschen mit Behinderungen, die in Führungspositionen arbeiten?

Krauthausen: Ja sicher. Aber die Frage, ob sie in Führungspositionen sind oder nicht, ist, mit Verlaub, ein Luxusproblem. Damit wird nur dieser Leistungsgedanke zelebriert: Nur die Fitten schaffen es. Das lenkt allerdings vom Hauptproblem ab: Die Mehrheit der behinderten Menschen hat keine Chance auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt.