Bei Schadenssummen in Milliardenhöhe können Erstversicherer trotz der Beiträge der Versicherungsnehmer ohne die eigene Rückversicherung finanziell schnell ins Schlingern kommen. Kein Wunder also, dass sich die Versicherungsunternehmen ihrerseits auch wieder absichern. "Wir nennen es lieber Überlebensversicherung", sagt Christina Großer. Sie ist Expertin für Kumulrisiken bei einer großen deutschen Rückversicherung. Und was genau tut ein Experte für Kumulrisiken?

"In gewisser Weise sind wir Zukunftsforscher", fasst sie nach kurzem Überlegen mit einem Schmunzeln zusammen. Eine wesentliche Aufgabe ist es, Schadenssummen von möglichen Unglücken, Krisen und Katastrophen, die irgendwann einmal stattfinden könnten, zu berechnen. Die Betonung liegt hier auf "könnten", denn oft genügt schon ein Verdacht, um eine mögliches Krisenszenario durchzuspielen und die möglichen Folgekosten für alle Beteiligten auszurechnen.

Oft lassen sich die Folgeerscheinungen auf den ersten Blick gar nicht erkennen
Christina Großer, Expertin für Kumulrisiken

Deshalb stellt sich bei jeder Berechnung immer die Frage: Was könnte alles passieren? Welche unabsehbaren Folgeerscheinungen könnten auftauchen und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Szenario eintritt, ein anderes wiederum nicht? So fließt beispielsweise bei einer Überschwemmung vom umgeknickten Baum über jedes einzelne, beschädigte Haus bis hin zum verseuchten Trinkwasser jeder einzelne Schadensfall in die Berechnung mit ein. "Oft lassen sich die Folgeerscheinungen auf den ersten Blick gar nicht erkennen", merkt Christine Großer an. Darum sei es wichtig, in alle möglichen Richtungen zu denken. Dabei stützen sich Großer und ihr Kollege Michael Brauner auch auf bereits stattgefundene Ereignisse.

Es muss nicht immer eine Naturkatastrophe sein, die von den Experten alles abverlangen. Ein Ereignis wie die Finanzkrise muss auch abgesichert werden. "Die Finanzkrise war vor drei Jahren noch in keiner Weise vorhersehbar. Wir haben, als sich die ersten Anzeichen einer Bankenkrise in Amerika abzeichneten, mehrere mögliche Verläufe für drohende Wirtschaftskrisen entwickelt. Das mildere Szenario wurde von der Wirklichkeit eingeholt."

Die Experten müssen Fantasie und Kreativität mitbringen und brauchen gesunden Sachverstand, Abstraktionsvermögen sowie umfangreiche Kenntnisse als Versicherungsspezialist – aber auch Fachwissen aus anderen Branchen. Sich auch mit Physik oder der Volkswirtschaft auszukennen, sei bei der Kumulrisikoberechnung beinahe unerlässlich, erklärt Brauner. Um am Ende zu einer realistischen Einschätzung zu kommen, stimmen sich die Experten im Team ab. "Ein Einzelner könnte beispielsweise die Folgen eines mehrtägigen Stromausfalls in New York oder Tokyo kaum alleine berechnen", sagt Michael Brauner.

Und was geschieht, wenn ein Experte einen Fehler macht? Dieser Fall sei nicht auszudenken, sagen Großer und Brauner. Das sei die einzige Katastrophe, die sie lieber nicht berechnen möchten. 

Arbeitszeit: 40 bis 50 Wochenstunden
Ausbildung: betriebsintern
Verdienst: je nach Qualifikation zwischen 60.000 und 90.000 Euro.