Trauerredner Worte finden, wo anderen die Worte fehlen

Gestorben wird immer. Wer daraus ableitet, Trauerredner wäre ein krisensicherer Job, der irrt. Der Anteil der Discountbestattungen und stillen Urnenbeisetzungen steigt

"Die Intensität der Trauer ist nicht vom Alter des Verstorbenen oder seiner Angehörigen abhängig." Frithjof Laaser bei der Arbeit

"Die Intensität der Trauer ist nicht vom Alter des Verstorbenen oder seiner Angehörigen abhängig." Frithjof Laaser bei der Arbeit

Ein halbes Jahr hatte sich Frithjof Laaser auf den Tod vorbereitet. Unzählige Stunden hatte er in Bibliotheken verbracht, um alte Bücher nach Anekdoten, Reden und Gedichten über das Sterben zu durchsuchen. 1996 schließlich, Laaser ist 33, steht er aufgeregt vor der Kapelle eines Berliner Friedhofs. "Deine erste Rede?", fragt ihn ein Mitarbeiter des Grünamtes. Laaser nickt.

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Lange hatte er sich zuvor mit der Tochter der Verstorbenen unterhalten, ein nettes Gespräch bei ihr zu Hause, erinnert er sich. Nach der Trauerfeier dankte sie ihm: "Sie haben meine Mutter genau so beschrieben, wie sie war." Seit diesem Tag ist Frithjof Laaser Trauerredner.

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Dass er einmal denselben Beruf wie sein Vater ausüben würde, war nie geplant. Lehrer wollte Laaser werden, hatte gerade sein zweites Staatsexamen abgelegt, als ihn ein Kollege seines Vaters fragte, ob er sich vorstellen könne, als Redner zu arbeiten.

Heute hat der Berliner mehrere tausend weltliche Trauerfeiern gestaltet. Er hält Reden für Verstorbene, die nicht konfessionell gebunden waren oder deren Angehörige eine konfessionelle Ausrichtung des Abschieds nicht wünschen. Auch Gläubige, denen eine kirchliche Trauerfeier im Rahmen eines Gottesdienstes nicht persönlich genug ist, beauftragen Laaser, der selbst aus der Kirche ausgetreten ist.

 Mit 46 gehört der Familienvater zu den jüngeren unter den geschätzten 500 hauptberuflichen Trauerrednern in Deutschland. Es gibt keine spezielle Ausbildung. Die meisten sind, wie er, Quereinsteiger: Ex-Theologen, ausgebildete Sänger, Schauspieler, Philosophen. Zu jung könne man nicht anfangen, sagt Laaser, "sonst hat man ein Glaubwürdigkeitsproblem." Man müsse zuhören können, Ruhe und Souveränität ausstrahlen, verständig und geduldig sein.

Feste Arbeitszeiten hat er nicht. Tagsüber finden in den Kapellen auf Friedhöfen und in Krematorien die Trauerfeiern, nachmittags und abends spricht er mit Hinterbliebenen. Seine Preise möchte der Freiberufler nicht nennen. Nur soviel: Eine goldene Nase könne man sich als Trauerredner nicht verdienen, er möchte sich jedoch nicht beschweren.

Der Konkurrenzkampf ist groß. "Wer glaubt, Trauerredner sei ein krisensicherer Beruf, der irrt sich", sagt Laaser. Zwar nimmt der Anteil der weltlichen Bestattungen kontinuierlich zu – doch auch die Anzahl der stillen Urnenbeisetzungen steigt. "Sie sind der größte Feind des Trauerredners", sagt er und beklagt "eine Entwicklung von einer Kultur des Abschiednehmens hin zu einer Kultur der Entsorgung."

Besonders für Neueinsteiger sei es deshalb schwer im Berufsfeld der Trauerredner Fuß zu fassen, mahnt die Bundesarbeitsgemeinschaft Trauerfeier e.V. all jene, die frei nach dem Motto "Gestorben wird immer" auf den längst gesättigten Markt drängen. Der Einsteig ist langwierig. Erst nach reichlich Berufserfahrung und in enger Kooperation mit den lokalen Bestattungsunternehmen werde die Tätigkeit als Trauerredner zu einer tragfähigen Berufsexistenz.

Von den Bestattern bekommen die Trauerredner den Großteil ihrer Aufträge. Einige Hinterbliebene fragen Laaser direkt an, etwa weil sie von ihm gehört oder ihn als Redner selbst gehört haben. "In manchen Familien habe ich schon vier oder fünf Mal gesprochen", erzählt er.

Das klingt nach Routine. Trotzdem sind die Reden auf die individuellen Bedürfnisse ausgerichtet. Tröstende Worte zu finden, ist für Laaser mit jedem Todesfall eine neue Herausforderung. Insbesondere wenn junge Menschen plötzlich aus dem Leben scheiden – durch einen Unfall, Krankheit, Mord oder Selbstmord, dann sind seine Erfahrung und sein rhetorisches Geschick gefragt. Die Intensität der Trauer ist indes nicht vom Alter des Verstorbenen oder seiner Angehörigen abhängig. "Wenn ein Ehepartner nach 60 Jahren Ehe seine große Liebe verliert, ist die Trauer mindestens genau so groß."

Die Vorgespräche für die Reden dauern zwischen 30 Minuten und drei Stunden. Wenig Zeit, um später ein ganzes Leben in Vorträgen zwischen 10 und 20 Minuten nachzuzeichnen. Laaser spricht immer frei. Nur ein Manuskript mit Stichworten zur Orientierung hat er vor sich liegen. Er versucht die Trauernden in seine Reden einzubeziehen, will die Beziehungen des Verstorbenen darstellen und nicht nur einen Lebenslauf ausformulieren. "Eine Trauerrede ist eine Ansprache", hatte ihm sein Vater, ein angesehener Redner in Berlin, beigebracht. Laaser hatte ihn oft begleitet.

Seine Reden hält er weltlich und sachlich. Er vermeidet Tragik und Pathos, um die Trauer der Anwesenden nicht künstlich zu verstärken – die danken es ihm. Religiöse Bezüge gibt es nur, wenn erwähnt wird, dass der Verstorbene gläubig war, und jeder Mensch doch seinen eigenen Weltanschauungen folgen dürfe und solle.

Von seiner eigenen Trauerfeier hat Frithjof Laaser bereits eine konkrete Vorstellung: "Ich stelle mir vor, alle sind da: Meine Familie und alle meine Freunde. Es wird Musik gespielt, die ich vorher festgelegt oder meine Frau ausgesucht hat. Ein guter Redner wird mich in angemessenen Worten in Erinnerung rufen, wobei durchaus auch mal gelacht oder geschmunzelt werden darf. Und dann werde ich unter einer schönen Buche im Wald begraben."

Ausbildung: keine

Gehalt: Die Honorare der Trauerredner orientieren sich am Markt und liegen in der Regel zwischen 150 bis 400 Euro

Arbeitszeit: variiert je nach Auftragslage

 
Leser-Kommentare
  1. Es ist wahr, die Anzahl der "Discount"-Bestattung steigt - damit scheinen die Chance für Trauerredenschreiber zu schwinden. Auf der anderen Seite steigt die Gruppe derer, die ein würdevolles Begräbnis ohne Pfarrer wünschen. In meiner Beratung hatte ich einen Gründer, der sich sehr erfolgreich auf dem Markt behaupten konnte. Hier sind gute Kontakte, sehr gute Selbstvermarktung und ein guter Ruf das A und O.
    Verena Kurth, www.kompass-blog.de

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