Beruf der Woche Der Schatten des Regisseurs
Wo ist die Axt in Mel Gibsons Hand? Eben war sie noch da. Fehler im Film sind peinlich. Manuela Brunner hilft, sie zu vermeiden. Der "Continuity" hat den härtesten Job am Set.

Das dicke Buch hat sie stets dabei: Manuela Brunner achtet während der Dreharbeiten auf die richtigen Anschlüsse zwischen den Szenen
Die Schlacht von Stirling Bridge. William Wallace, gespielt von Mel Gibson, rennt mit einer Armee von 10.000 wilden Schotten der englischen Infanterie entgegen. Sein Gesicht zeigt Entschlossenheit, in der Hand hält er eine Streitaxt.
Schnitt. Wallace, nun frontal im Bild, rennt weiter. Aber was ist mit der Axt in seiner Hand geschehen? Sie ist plötzlich verschwunden. Kaum einem Kinobesucher dürfte dieser Fehler im Film Braveheart aufgefallen sein. Wer aber drauf achtet, dem fallen Szene für Szene Anschlussfehler auf. Mal führt der schottische Freiheitskämpfer eine Kreuzhacke mit sich, mal hat er gar keine Waffe, dann zückt er ein Schwert, dann wieder eine Kreuzhacke und schließlich erneut das Schwert.
Solche Anschlussfehler zu vermeiden, ist der Beruf von Manuela Brunner. Seit zwei Jahren arbeitet die 30-Jährige als Continuity für Kurzfilm- und Kinoproduktionen. Ihr Name steht im Abspann eines Films meist gleich hinter der Regieassistenz.
Sie achtet während der Dreharbeiten auf den richtigen Anschluss. Denn die Szenen eines Films werden gewöhnlich nicht in der Reihenfolge produziert, wie sie später im Kino zu sehen sind. Leicht entstehen peinliche Fehler, die später für Lacher in Filmforen und auf Videoplattformen sorgen.
Wie weit ist die Zigarette herabgebrannt, welche Waffe trägt William Wallace in der Hand? Die Arbeit des Continuity beginnt, noch bevor die erste Szene gedreht ist. Drei Tage für Fernseh-, fünf Tage für Kinofilme, so lautet eine Faustregel, haben die Continuitys Zeit, um sich ins Drehbuch einzuarbeiten. "Ich versuche, alle möglichen Fehlerquellen auszumachen und zu notieren. Dafür muss ich das Skript mindestens dreimal lesen", sagt Brunner.
Am Set ist sie "der Schatten des Regisseurs", sie folgt ihm auf Schritt und Tritt. Der Continuity ist eine Art Sekretariat am Drehort, andere sagen: das externe Gedächtnis der Produktion. Brunner macht wichtige Aufzeichnungen für die Kamera, Kopierwerk und Schneideraum. Ihr ständiger Begleiter ist ein dickes Buch, in dem sie alles notiert, was für den richtigen Anschluss relevant ist: Darsteller, Bewegungen, Kamerapositionen, Blickwinkel, Achsen, Requisiten, Kostüme, Maske, Wetter, Musik.
Zusätzlich fotografiert Brunner den Aufbau der Szenen. In großen Produktionen, erzählt sie, werden zusätzlich Kameras und Software genutzt, um die Bilder direkt aus dem Filmmaterial zu ziehen. Und selbst aufwendige Hollywood-Streifen sind nicht frei von Continuity-Fehlern. Die meisten soll es im Golden-Globe-Gewinner Pretty Woman zu entdecken geben.
Manuela Brunner wollte eigentlich Regisseurin werden. In Bochum studierte sie Film- und Fernsehwissenschaft, Publizistik und Kommunikationswissenschaft, Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Neben den Vorlesungen drehte sie erste Kurzfilme. Sie absolvierte Praktika und nahm an Workshops teil. Eine spezielle Ausbildung zum Continuity gibt es nicht. Die meisten sind wie Brunner "irgendwie reingerutscht". Leicht war das nicht. "Anfangs gab es Aufträge nur auf Empfehlung", erinnert sich die Berlinerin.
Im Jahr 2007 übernahm sie erstmals die Continuity eines Langfilms: Vom Atmen unter Wasser mit Andrea Sawatzki. "Die Dreharbeiten fanden in Freiburg statt. Wir hatten fantastisches Wetter. So hat der Film trotz des düsteren Themas einen ganz besonderen Glanz bekommen."
Was sie an ihrem Job mag? Während die meisten Aufgaben an einem Filmset von ermüdend langen Wartepausen geprägt sind, hat die Continuity keine Pause. "Ich bin permanent beschäftigt, erledige Papierkram, renne vom Kopierwerk zum Schnitt zurück zur Regie."
Blitzschnell muss ein Continuity entscheiden und priorisieren: Versendet sich der Anschlussfehler, so wie Wallace' Unschlüssigkeit in der Waffenwahl? Oder muss die Szene erneut gedreht werden? Das erfordert eine hohe Konzentration, Auffassungsgabe und Belastbarkeit. "Anschlüsse gibt’s am Bahnhof", tröstete sie ein Kameramann, als sie in einer früheren Produktion an ihrer Arbeit verzweifelte.
Inzwischen ginge es aber. Brunner lebt von ihrer Arbeit als Continuity, die Aufträge erhält sie meist sehr kurzfristig, oft nur wenige Wochen vor Drehbeginn. Von drei bis vier großen Produktionen im Jahr könne man gut leben, sagt sie. 750 bis 900 Euro werden als Wochengage gezahlt, der Rest ist Verhandlungsgeschick.
Noch sind ihre Drehorte ein Segelboot auf dem Wannsee oder ein Marktplatz in Jena. "Ich komme viel herum, das ist das Schöne an meinem Beruf", sagt sie. Aber sie träumt längst von Größerem. Sie hofft, einmal mit Steven Soderbergh zusammenzuarbeiten oder mit Quentin Tarantino. "Dafür würde ich Hände und Füße geben."
Arbeitszeit: Projektabhängig
Gehalt: 750 bis 900 Euro Wochengage (50 Arbeitsstunden)
Ausbildung: Es gibt noch keine einheitlich geregelte Ausbildung zum Continuity. Als Vorbildung für die Tätigkeit als Continuity eignen sich Volontariate im Film- und Fernsehbereich, speziell im Schneideraum oder die Tätigkeit als Script
- Datum 13.11.2009 - 09:58 Uhr
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