Selbstmarketing: Brand Me!
Eigen-PR ist gefragter denn je. Das Geschäft mit der Eitelkeit lohnt sich vor allem für die Beraterbranche. Von Tina Groll
© Nadine Rupp/Bongarts/Getty Images

Sie beherrscht das Selbstmarketing: Model Heidi Klum ist selbst zur Marke geworden
Die Arbeitsplätze werden rar, der Leistungsdruck nimmt zu. Der Wettbewerb wird härter, Job-Bewerber müssen sich gegen immer mehr Kandidaten durchsetzen. Um ihre Chancen zu verbessern, nehmen Arbeitssuchende daher zunehmend Nachhilfe in Selbstvermarktung.
"Niemand ist frei davon, seine Außenwirkung kontrollieren zu wollen, um positiv anzukommen. Das liegt in der Natur des Menschen", sagt der Medienwissenschaftler Karl Nessmann, Professor an der Universität Klagenfurth. Er untersucht seit Jahrzehnten, wie sich die sogenannte personenbezogene PR ausbreitet und wie der Beratermarkt wächst. "Es ist eine Boombranche", sagt der Wissenschaftler, der auch selbst als Berater tätig ist. Kritische Worte hört man von ihm wenige, nur so viel: "Selbstmarketing sollte nicht überzogen sein." Gleichzeitig findet er es aber "wünschenswert, wenn Universitätsabsolventen mehr über Selbstmarketing lernen würden." Wie entscheidend das auf dem heutigen Arbeitsmarkt ist, hat Nessmann mit seinen Studierenden erforscht.
Seit Ende der neunziger Jahre taucht in der Ratgeberliteratur eine immer wieder zitierte IBM-Studie auf, der zufolge beruflicher Erfolg maßgeblich von drei Faktoren abhängt: Ob jemand den Aufstieg schafft, hat demnach zehn Prozent mit seiner Leistung und der Qualität seiner Arbeit zu tun, 30 Prozent mit dem Eindruck, den er auf seine Vorgesetzten und Kollegen macht und 60 Prozent mit seiner Bekanntheit in der Branche. Der Studie zufolge bestimmt also das "Image", ob jemand zu den Gewinnern oder Verlierern in der Arbeitswelt zählt. Auffällig ist jedoch: Die IBM-Studie wird immer ohne Angabe der Ursprungsquelle zitiert.
Nessmann hat das neugierig gemacht. Die Quelle hat auch er nicht gefunden, "also haben wir eine Umfrage unter Headhuntern gemacht – und sie haben uns bestätigt: Sie werben nur Personen an, die für bestimmte Qualifikationen bekannt sind und die in der jeweiligen Branche ein gutes Image haben", sagt Nessmann. Daher hält der Medienwissenschaftler es für gut und richtig, dass schon Universitätsabsolventen Selbstmarketing betreiben.
Seit Ende der achtziger Jahre verzeichnet Nessmann eine massive Zunahme personenbezogener PR. Waren es zuvor vor allem Politiker, Schauspieler, Sänger, Models und sonstige Prominente, die mithilfe von Agenturen und Beratern ein perfekt geschliffenes Bild von sich in der Öffentlichkeit erzeugen wollten, so nehmen heute ganz gewöhnliche Menschen Beratung in Anspruch: Hausfrauen, die den Wiedereinstieg in den Beruf schaffen wollen, Verwaltungsmitarbeiter, die sich nicht richtig gefordert fühlen, und eine Reihe Freiberufler, die nicht wissen, wie sie Aufträge akquirieren sollen.
Coaches, PR-Berater, Werbeagenturen und allerlei sonstige Karriereberater bevölkern den Markt und mischen mit im Geschäft mit der Existenzangst. In der postneoliberalen Gesellschaft wächst die Überzeugung, dass aus einem Menschen eine Marke werden kann.
Hunderte Ratgeberbücher kommen jedes Jahr auf den Markt. Allein 2008 wuchs die Beraterbranche in Deutschland um knapp 10.000 Stellen, der Branchenumsatz lag im Jahr 2007 bei 16,4 Milliarden Euro. Die Branche ist inzwischen selbst ein Markt mit guten Jobchancen. Der Zugang ist offen. Jeder kann Berater werden. Für Coaches gibt es gleich mehrere Berufsverbände in Deutschland. Sie streiten über verbindliche Qualitätsstandards und eine geregelte Ausbildung. Denn die Gretchenfrage ist: Wie will man feststellen, ob Coaching und Karriereberatung erfolgreich sind? Die Branche möchte sich nicht daran messen lassen, ob und wie schnell ein Klient einen neuen Arbeitsplatz findet. Vielmehr geht es darum, dass sich der Kunde wohlfühlen soll.





Unsere Agentur betreibt PR und Marketing für Arzt-und Zahnarztpraxen. Wie wir neu eingestiegen sind, versuchten wir durch aktive Akquise Kunden zu gewinnen. Ein steiniger und harter Weg. Nun sind wir Autor in diversen Fachmagazin, bieten Seminare an, machen bundesweite PR-Kampagne, liefern medizin. Redaktionsthemen für TV, promoten Medizinkongresse und auf einmal kommen die Ärzte und Kooperationen auf uns zu, um mit uns zu arbeiten. Wir stellen dabei ganz klar einen Wandel fest. Seitdem wir mehrkanalig unsere Bekanntheit und dadurch auch die Kompetenz erhöht haben, kommen wirklich interessante Firmen oder Konzepte auf uns zu und suchen eine Zusammenarbeit. Wer eine wirklich gute Branchenkenntnis hat und in der Lage ist, diese auch an die breite Masse möglicher Interessenten zu transportieren, kann nur auf der Gewinnerseite sein. Obwohl es Praxisberater wie Sterne am Himmel gibt, so punkten eben doch zum Schluß die Konzepte, über die man spricht. Witzigerweise muß man diese "Wichtigkeit" nicht langjährig oder durch eine große Vielzahl an Kunden erwerben, sondern die Kommunikation einzelner, besonders nützlicher Elemente. Und wer es schafft, diesen Content an möglichst viele Interessenten zu verbreiten, den wird in ganz kurzer Zeit eine Lawine von Interessenten überrollen. Es zahlt sich eben aus, wenn man etwas Neues, Nützliches und Begehrenswertes kreiieren oder bieten kann. Brand me! Das ist die Landingpage des wahren Business.
Der Artikel "Brand me!" gibt einen guten Überblick über das Thema Eigen-PR bzw. Selbtmarketing. Wirklich gut gelungen. Gratuliere. Lediglich die kritischen Aspekte sind etwas zu kurz gekommen. So könnte man z. B. daraufhinweisen, dass viele how-to-do Ratgeberbücher zum Thema "Ich-AG" und Seminaranbieter zum Thema "Selbstmarketing" mit großer Vorsicht zu genießen sind. Die Autoren gehen nämlich oft von einem Menschenbild aus, das den Einzelnen als "Unternehmen" oder gar als "Aktiengesellschaft" sieht. Der Mensch wird hier zu einer puren ökonomischen Größe degradiert.
"Führen Sie sich selbst wie ein erfolgreiches Unternehmen oder wie eine Aktiengesellschaft", so das Credo vieler Autoren und Berater. Das der sog. "Kurswert" einer Person mit PR-Mitteln gesteigert werden kann, ist richtig. Aber man sollte sich auch fragen: Was geschieht mit den Menschen, deren Kurswert fällt oder gar nie steigt? Wie geht es jenen Menschen, die an diesen Marktgesetzen scheitern? Die negativen Auswirkungen der neoliberalen Gesellschaft, die möglichen Stolperfallen und Risiken von Selbstmarketing sind unbedingt mit zu bedenken. Wissenschaftliche Reflexionen dazu findet man z. B. unter: www.uni-klu.ac.at/~knessman
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