Frauen in der Wirtschaft Die Lastwagenabteilung gefiel ihr am besten
Die Ingenieurin Anja Kleyboldt ist Managerin bei Opel. Ihre Eltern helfen ihr, Kind und Karriere miteinander zu vereinbaren.
Lacke und Kunststoffe sind in der Chefetage von Opel seit Kurzem Frauensache. Die Ingenieurin Anja Kleyboldt verantwortet von Rüsselsheim aus europaweit die Produktionsabläufe in den Lackierereien des Autobauers, lässt Materialien prüfen und in den Fabriken nach effizienteren und umweltfreundlicheren Fertigungsmethoden suchen. Der Job auf der Europaebene ist der bislang ranghöchste für die 40-Jährige, die zuvor im Opel-Stammwerk die Fertigung des neuen Topmodells Insignia angeschoben und geleitet hat.
Am Anfang ihrer Karriere bei Opel standen ein Volkswagen und eine Mercedes-Benz-Werkstatt. Schon zum Abitur habe sie gewusst, dass sie in die Autoindustrie wollte, erzählt Kleyboldt. Grund war ein verrosteter Karmann Ghia, den sie gemeinsam mit ihrem Freundeskreis wieder flott machen wollte. "Ich hab da ein bisschen mitgeholfen, auf Anweisung gebohrt, gefräst und mal was Grobes geschweißt."
Die junge Frau wollte es genauer wissen: Mithilfe der Fürsprache ihrer Eltern ergatterte die Tochter eines selbstständigen Farb- und Tapetenhändlers eine Lehrstelle beim Mercedes-Benz-Händler im heimischen Lippstadt. Sie war die erste Frau im traditionellen Männerberuf. Am besten gefiel ihr die Lastwagenabteilung. "Da wurde mehr echtes Handwerk gemacht." Auch ihre Entscheidung für die Fachhochschule Emden hatte viel mit dem praktischeren Bezug im Vergleich zur Universität zu tun.
Viele Bewerbungen habe sie damals nicht geschrieben, um mehrere Angebote zu bekommen, erzählt Kleyboldt. Entschieden hat sie sich für Opel, weil General Motors damals das globalste Autounternehmen der Welt gewesen sei. Im Dienste des US-Konzerns ging sie nach Belgien und Schweden. Sie habe von der Unternehmensstrategie profitiert, möglichst viele verschiedene Charaktere in den Teams zusammenzubringen und Talente gezielt zu fördern, sagt sie.
Einen Weiblichkeits-Bonus als Frau im Management habe sie nie erlebt. Aber Anja Kleyboldt sieht spezifische Managementstärken bei Frauen, etwa wenn es darum geht, unterschwellige Konflikte zu erspüren und zu lösen. "Frauen müssen gleichwertig sein. Wer zu viele Fehler macht, wird schnell mit den üblichen Klischees abgestempelt" sagt sie. Sie selbst hat sich Netzwerke mit anderen Frauen aufgebaut. Die Führungsfrauen treffen sich bei Stammtischen und diskutieren konkrete Lösungen, um den Frauenanteil im Management zu erhöhen. "Wir werden zum Glück immer mehr", sagt die Ingenieurin. "Minderheiten formieren sich und wir verstehen uns untereinander auch besser."
Dass immer noch zu wenige Mädchen trotz guter Schulnoten den Weg in die technischen Berufe finden, liegt nach Kleyboldts Meinung an sehr früh eingepflanzten Rollenbildern. Wenn in Kinderbüchern bestenfalls Tierärztinnen als Vorbilder auftauchten, müsse man sich nicht wundern. Ihrer eigenen, sieben Jahre alten Tochter Imke gönnt Kleyboldt die rosarote Prinzessinnen-Ausstattung von Herzen, die klassische Rollenverteilung soll das Kind bei seinen Eltern aber nicht erleben. "Ganz entscheidend ist das Elternhaus. Meine Eltern haben mich immer unterstützt", sagt die 40-Jährige.
Und sie tun es noch heute, denn Kleyboldts Mutter ist nach Rüsselsheim gezogen und hält der Opel-Managerin bei der Betreuung ihrer Tochter den Rücken frei. Kleyboldt ist glücklich darüber, es hätte aber auch andere Lösungsmöglichkeiten gegeben. Ein Kind müsse nicht zwangsläufig zum Laufbahnknick führen. "Es gibt immer einen Weg."
- Datum 28.10.2009 - 14:54 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, dpa
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