Über Gehalt spricht man nicht, so lautet die Regel. Und frau? Auch eher selten. Welcher Arbeitnehmer und welche Arbeitnehmerin wie viel verdient, ist in Deutschland trotz Tarifverträgen oft nicht zu erkennen. Allerdings ist aus zahlreichen national und international vergleichenden Studien schon länger bekannt, dass Männer und Frauen im Durchschnitt bei gleichem Beruf, gleicher Position und Tätigkeit unterschiedlich viel verdienen. Auf 23 Prozent beziffert die EU den sogenannten Gender-Pay-Gap in Deutschland, also die Lücke, die zwischen den Einkommen der Geschlechter klafft. Im EU-Vergleich liegt Deutschland damit auf Platz 21. Noch größer ist der Einkommensabstand zwischen Männern und Frauen nur noch in Zypern , den Niederlanden , der Tschechischen Republik , der Slowakei , Österreich und in Estland.

"Egal, ob Bäckereifachverkäuferin oder Leiterin einer EDV-Abteilung, Frauen verdienen in Deutschland weniger als ihre männlichen Kollegen, und diese Entgeltungleichheit zwischen den Geschlechtern ist hierzulande immer noch ein Tabuthema", sagt Christine Klenner, Leiterin des Referats Frauen- und Geschlechterforschung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) bei der Hans-Böckler-Stiftung . Die lud kürzlich zu einer großen Tagung zum Thema "Wege zur Entgeltgleichheit" ein, an der vor allem Vertreter aus Betrieben – Betriebsräte, Gewerkschafter, aber auch Arbeitgeber – teilnahmen.

Dass Frauen schlechter als Männer bezahlt werden, muss schon lange nicht mehr bewiesen werden. Denn an Forschung zum Phänomen mangelt es nicht. Frauen- und Geschlechterforschung sowie die Sozialwissenschaften weisen schon seit Jahrzehnten auf die ungerechte Entlohnung von Frauen hin, trotz häufig sogar formal höherer Bildung der Frauen gegenüber ihren männlichen Kollegen. "Die Entgeltungleichheit ist eines der deutlichsten Zeichen für die mangelnde Gleichstellung von Männern und Frauen in der modernen Arbeitsgesellschaft", sagt die Kieler Frauenbeauftragte Annegret Bergmann. Sie glaubt wie viele ihrer Weggefährtinnen aus der Frauenbewegung der siebziger und achtziger Jahre nicht daran, dass freiwillige Initiativen und Selbstverpflichtungen der Wirtschaft zu gleichen Löhnen für die Geschlechter führen werden. "Wir werden gesetzliche Regelungen brauchen", erklärt sie mit Nachdruck.

"Schon die heutige, bestausgebildete Frauengeneration verdient beim Einstieg in den Beruf weniger", bestätigt auch Reinhard Bispinck , ebenfalls Forscher am WSI und dort Projektleiter für den Lohnspiegel . Bispinck und seine Kollegen erheben seit 2004 online Daten zum Thema, auf der Grundlage der Zahlen haben sie errechnet, wie hoch der Gender-Pay-Gap bei Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteigern ist. "Bereits bei den jungen Erwachsenen zeigt sich ein deutlicher Einkommensrückstand von Frauen gegenüber Männern. Frauen mit bis zu drei Berufsjahren verdienen durchschnittlich 18,7 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen", erklärt der Sozialwissenschaftler. Ausgewertet wurden rund 16.000 Datensätze. Repräsentativ sind diese Daten zwar nicht: Weil bei dem Onlineprojekt jeder seine Daten hinterlassen kann, sind vor allem jene Gruppen überrepräsentiert, die stärker das Internet nutzen: gut Ausgebildete und junge Männer. Trotzdem liefern die Ergebnisse Indizien dafür, wie es um die Lohndifferenz zwischen den jungen Männern und Frauen bestellt ist.

Für einen europäischen Vergleich zogen die Wissenschaftler außerdem 75.000 Datensätze aus acht Ländern heran. Hier zeigt sich, dass in Sachen finanzieller Gleichberechtigung in Europa in der Schlussgruppe liegt. In Belgien zum Beispiel verdienen Berufseinsteigerinnen nur 9,8 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen.