Überstunden Du sollst auch mal Feierabend machen

Die Zahl der Überstunden sinkt in Deutschland. Allerdings nur die der bezahlten. Wie viel unbezahlte Mehrarbeit ist erlaubt und welche Regelungen gibt es?

Arbeiten bis spät in die Nacht: Welche Überstunden erlaubt sind, regelt das Arbeitzeitgesetz

Arbeiten bis spät in die Nacht: Welche Überstunden erlaubt sind, regelt das Arbeitzeitgesetz

Die Zahl der Überstunden ist in Deutschland auf einen historischen Tiefstand gesunken, das verkündete Anfang Oktober das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Allerdings hat die Sache einen Nachteil: Die Nachricht trifft nur auf die Zahl der erfassten und bezahlten, zusätzlich geleisteten Stunden zu. Jeder Beschäftigte arbeitet demnach durchschnittlich 35,4 Stunden mehr im Jahr, als er laut Arbeitsvertrag müsste. Das wären immerhin 600.000 Vollzeitarbeitsplätze.

Wären. Denn natürlich lassen sich nicht genau 35 Überstunden pro Woche in genau eine neue Stelle umwandeln. Erklären lässt sich die gesunkene Zahl der Überstunden zum Teil mit der Krise. Allerdings nur zum Teil. Denn zwar ist derzeit selbstredend in vielen Unternehmen die Auftragslage mau und es gibt weniger zu tun. Aber genau deshalb werden in Unternehmen auch oft freiwerdende Stellen nicht mehr neu besetzt. Und trotzdem bleibt die Arbeit groß. Dann wird sie einfach auf weniger Schultern verteilt. Und oft machen die Mitarbeiter Überstunden gar nicht erst geltend, aus Angst um den eigenen Arbeitsplatz. Gerade kleinere Firmen haben oft keinen Betriebsrat, der sich für eine ausgewogene Arbeitszeitregelung einsetzt und die Einhaltung der Vorschriften überwacht.

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Doch ist das eigentlich rechtens? ZEIT ONLINE erklärt die wichtigsten Regelungen des Arbeitszeitgesetzes:

Wann macht ein Arbeitnehmer Überstunden?

Überstunden sind eine zusätzliche Arbeitsleistung des Beschäftigten, die er über das hinaus erbringt, was im Arbeitsvertrag vereinbart ist. Allerdings gibt es Arbeitszeitmodelle, in denen die Arbeitszeit sehr flexibel geregelt ist, so dass ein Arbeitnehmer an einem Tag 14 Stunden arbeiten könnte und am nächsten nur zwei. Dann allerdings gelten die sechs Zusatzstunden am langen Tag nicht als Überstunden.

Wie werden Überstunden ausgeglichen? Mit Freizeit oder Geld?

Im Normalfall leider nur mit Freizeit. Laut Arbeitszeitgesetz hat sie als Ausgleich Vorrang vor einer Bezahlung der zusätzlichen Stunden. Wenn doch gezahlt wird, dann in der Regel mit dem Stundensatz, der auch für normale Arbeitsstunden gilt. Ausnahmen gibt es dann, wenn im Arbeitsvertrag oder im Tarifvertrag Zuschläge vereinbart sind. So ist es etwa im Baugewerbe.

Wie lang darf ein regulärer Arbeitstag sein?

Das Arbeitszeitgesetz geht von einer werktäglichen Arbeitszeit von acht Stunden pro Tag aus. Gemeint ist damit die tatsächliche Netto-Arbeitszeit. Nicht in ihr eingerechnet ist die Zeit, die der Beschäftigte braucht, um zu seiner Arbeitsstelle zu kommen. Auch Pausenzeiten werden nicht mitgerechnet.

Wenn es die Situation erfordert, kann die tägliche Nettoarbeitszeit vom Arbeitgeber auf bis zu zehn Stunden pro Tag erhöht werden. Allerdings darf pro Woche nicht mehr als 60 Stunden gearbeitet werden. Außerdem muss der Arbeitgeber dafür sorgen, dass seine Angestellten und Arbeiter die angefallenen Überstunden innerhalb von sechs Monaten ausgleichen können. Hier ein Beispiel: Es ist ein zusätzlicher Auftrag hereingekommen, der vier Wochen lang Mehrarbeit erfordert. Jetzt darf der Arbeitgeber werktäglich zehn Stunden Arbeitszeit verlangen. Aber innerhalb eines halben Jahres muss er die Mehrarbeit ausgleichen, also zum Beispiel vier Wochen lang nur sechs Stunden pro Tag arbeiten lassen.

Und: In absoluten Notfällen darf der Arbeitgeber sogar unbegrenzt Mehrarbeit anordnen, etwa dann, wenn nach einem Großbrand die Produktion wieder angekurbelt werden muss.

Was ist bei Minderjährigen zu beachten?

Bei Auszubildenden, die noch nicht volljährig sind, gelten andere Richtlinien. Sie dürfen nicht mehr als 40 Stunden in der Woche arbeiten und sollen für ihre Mehrarbeit besonders entlohnt werden.

Wann darf die reguläre Arbeitszeit überschritten werden?

Mehrarbeit darf der Arbeitgeber nur anordnen, wenn zum Beispiel ein Großauftrag hineinkommt. Oder dann, wenn viele Kollegen krank oder im Urlaub sind. Solche Überstunden müssen aber in jedem Fall ausgeglichen werden, durch Freizeit oder Geld.

Müssen Überstunden bezahlt werden?

Nein. Nicht jede Überstunde muss bezahlt werden, sondern nur vom Arbeitgeber angeordnete oder geduldete Mehrarbeit. Darum sollten Beschäftigte ihre Überstunden aufschreiben und von einem Vorgesetzten gegenzeichnen lassen. Allerdings steht auch der Arbeitgeber in der Verantwortung. Wenn er hinnimmt, dass im Unternehmen ständig Überstunden gemacht werden, dann muss er auch zahlen. Wenn er das nicht will, muss er die Mehrarbeit unterbinden.

Sind Bereitschaftsdienste auch Mehrarbeit?

Arbeitsbereitschaft gilt auch als Arbeitzeit – aber sie wird nicht im vollen Maße wie Arbeitszeit gewertet. Nur wenn in einem sehr starken Umfang Arbeitsbereitschaft regelmäßig zur normalen Arbeitszeit anfällt, kann diese Zeit als Mehrarbeit geltend gemacht werden. Mehrere Arbeitsgerichte haben Urteile gefällt, in denen von 30 Prozent Arbeitsbereitschaft verlangt wurde.

Darf der Arbeitgeber Überstunden an Sonntagen und an Feiertagen verlangen?

Ja. Allerdings sieht das Arbeitszeitgesetz vor, dass mindestens 15 Sonntage im Jahr frei sein müssen. Auch muss Sonntagsarbeit in jedem Fall in Freizeit ausgeglichen werden.

Für wen gilt das Arbeitszeitgesetz?

Das Gesetz regelt nur die Grundsätze und es gilt auch nicht für alle Branchen und Berufe. So können sich leitende Angestellte, Chefärzte sowie Dienststellenleiter nicht auf das Arbeitszeitgesetz berufen. Auch für Betreuungspersonen in Pflegeheimen gelten andere Bestimmungen, wenn sie mit den Schutzbefohlenen zusammenleben. Etwa dann, wenn der Betreuer einer Behinderten-WG in dieser auch schläft.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. ...

    Fazit, die Regelungen sind so weich und mit so vielen Ausnahmen und eine Kontrolle dessen ist so schwer, dass jeder walten kann wie er will. Außerdem sind die Möglichkeiten von Mitarbeitern sich zu wehren zum Teil realitätsfern.
    Wenn jeder pünktlich Schluß macht, wäre dem Gesundheitswesen ERHEBLICH gedient und es gäbe mehr Arbeitsplätze.

    Leider machen viele Leute auch freiwillig Überstunden, entweder aus Angst/Druck, weil sie mit dem Beruf verheiratet sind oder um sie wieder absetzen zu können.

    Überstunden sind eine UNSITTE!

    • Zitat
    • 13.11.2009 um 15:01 Uhr

    Ab einem bestimmten Ausbildungsniveau sind Überstunden keineswegs eine Ausnahme oder werden gar ausgegelichen - im Gegenteil: In den meisten Verträgen steht "Überstunden sind mit dem Gehalt abgegolten". Und sie werden erwartet, sind selbstverständlich. Wer nach 8h geht, begeht einen Affront. Nach 8h gehen zeugt von mangelnder Motivation. Nein, es werden keine 90 Stunden erwartet.
    Aber wer meint, er könnte außerhalb der Großkonzern-Welt und in einem Beruf, der z.B. ein Studium voraussetzt, morgens um halb 9 kommen, 1/2h Mittag machen und abends um 5 gehen, der lebt in einer fremden Welt.
    Vor 18h ist es kaum möglich, als Anzugträger das Büro zu verlassen, ohne schief angesehen zu werden.
    Ob man übrigens sämtliche Aufgaben evtl schon um 3h erledigt hatte, ist dabei vollkommen egal.
    Ich habe viele Bekannte, die sehr gut ausgebildet sind und s.g."gute Jobs" haben. Wir alle arbeiten gut und bringen - wie uns immer wieder bestätigt wird - gute Ergebnisse. Wir mögen es, gefordert zu sein. Aber das zwanghafte Herumgesitze und Gewarte bis endlich spät genug ist frustriert viele - quer durch Branchen und Aufgabenfelder. Ob SupplyChainManager, PR Berater oder Controller - gehen wenn man fertig ist ist nicht drin, denn "gute Arbeitsnehmer" dürfen nie fertig sein, sonst wäre der ARbeitsplatz ja evtl überflüssig. Schnell sein wird bestraft, gleichzeitig gehört gestresst zu sein zum Image.
    Leider gibt es anspruchsvolle Jobs nicht mit 30- oder 40h-Stunden-Wochen. Das ist schade.

  2. Dem kann ich nur zustimmen. Insbesondere als Berufsanfänger nach dem Studium ist es ganz normal, dass sämtliche Überstunden mit dem (mickrigen) Gehalt abgegolten sind. Ich komme regelmäßig auf 15 Überstunden pro Woche, die ganz selbstverständlich dazu gehören, anders wären die Anforderungen der Stelle gar nicht zu erfüllen. Will ich einmal nach 9 Stunden gehen, muss ich mir dafür schon einen triftigen Grund ausdenken, sonst wird schief geguckt. Pausen habe ich - das ist doch selbstverständlich - auch nicht. Aber jeder halbe Urlaubstag wird akribisch abgerechnet, versteht sich. Wahrlich gut, studiert zu haben!

  3. 4. Blöd

    Ich werde jeden Tag schief angeguckt. Gehe immer pünktlich. Mache bei diesem ganzen Quatsch einfach nicht mit, immer bis sonst wann rumzusitzen und künstlich lange Arbeitszeiten zu generieren. Ist viel zu frustrierend. Und nach einigen Wochen haben sich die Kollegen daran gewöhnt. Ist eben so, wenn man effizient arbeitet kann man auch früh nach Hause. Nicht immer verzetteln und von rechts nsch links stapeln und stundenlang in Meetigns hocken. Aber alle die so lange arbeiten haben meistens angst vor ihrem zu Hause, vor der nörgelnden Frau, den nervigen Kindern, den gesellschaftlichen Verpflichtungen. Oder sie sind Einsam. Denn ein Job ist bei nur wenigen Menschen wirklich eine erfüllende Tätigkeit für die es lohnt sein gesamtes Privatleben den Bach runtergehen zu lassen. Und gekündigt wird man auch trotz Überstunden, egal wie viel man hat. Hat man keine muss man sich im Fall der Kündigung wenigstens nicht den Vorwurf machen man hätte nur fürs Unternehmen gelebt. Fühlt sich auf jeden Fall besser an. Und es gibt einen Vertrag Arbeitsstunden / Gehalt, alles was drüber liegt ist ein Gefallen von mir an meinen Arbeitgeber. Und ich entscheide wem ich einen Gefallen tue. Und Leistung = Überstunden ist schwachsinn. Wer keine macht ist meist der Leistungsträger, da effizienter und billiger.

  4. die Ursache von Motivation und Leistung hat sehr viel mit dem Wohlbefinden der Mitarbeiter/innen zu tun. Geregelte Freizeit und ein intaktes Privatleben werden sich im Betrieb positiv auswirken. Firmen, die nach dieser Philosophie arbeiten sind in der Regel erfolgreicher, als andere. Faier Umgang ist hier angesagt.

  5. Das Phänomen mit den Überstunden kenne ich aus meinen ersten Berufsjahren. Man wird in der Tat schief angeschaut, wenn man seine Arbeit macht und geht, weil man fertig ist, aber der Chef noch länger bleibt. Besonders lustig, ich fragte mal, warum abends immer noch die Lichter in den Büros an waren. So haben die Chefs auf dem Weg zum Parkplatz vielleicht gedacht, mein Mitarbeiter arbeitet noch.
    Als Selbständiger beute ich mich in der Regel fast täglich selbst aus. Vermutlich findet das keiner schlimm. Ich auch nicht :-).
    Ich denke, die Arbeit sollte Spaß machen und der Ertrag sollte gerecht verteilt werden. Bei letzterem wird es naturgemäß schwieriger.
    Jetzt sage ich mal etwas Böses. Letztlich liegt es bei jedem selbst, wie er das gestaltet, an den persönlichen Ängsten und der fehlenden Klarheit. Beide Alternativen kosten einen Preis und die Überlegung, ob man bereit ist ihn zu bezahlen. Gehen und schief angeschaut werden, oder bleiben und zuhause schief angeschaut zu werden. Wenn man sich für eines von beiden entscheidet, sollte man nicht mehr meckern. Gefällt es einem nicht, sollte man / frau etwas dagegen tun.

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