Elternzeit "Man kann keine gigantischen Sprünge erwarten"

Noch immer nutzen nur wenige Väter die Elternzeit. Laut aktueller Studie tasten sie sich nur langsam heran. Soziologin Svenja Pfahl erklärt, warum.

ZEIT ONLINE: Frau Pfahl, in Ihrer Studie findet sich immer wieder das Wort Care-Verantwortung. Das klingt freundlicher und leichter als Familienarbeit. Deutet das neue Wort etwa einen Paradigmenwechsel an?

Svenja Pfahl: Der Begriff symbolisiert zumindest ein neues Bewusstsein: Die Fürsorge für die Familie wird nicht mehr länger nur als eine Phase im Leben einer Frau wahrgenommen. Care-Verantwortung meint nicht nur, dass sich Mütter um kleine Babys kümmern. Der Begriff meint den gesamten Bereich der Fürsorge für Familie. Dazu zählt auch die Pflege von Angehörigen. Es sind Themen, die jeden irgendwann in seinem Leben betreffen. Es geht um eine große Frage der Lebenslaufgestaltung von Frauen und Männern.

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Männer in Elternzeit

Nachdem 2007 das neue Elterngeld eingeführt wurde, ist die Anzahl der Väter, die Gebrauch von der Elternzeit machen, von 3,5 Prozent auf 18 Prozent gestiegen. Am meisten gehen die Väter aus den Bundesländern Berlin und Bayern in Elternzeit, am wenigstens die Väter aus den neuen Bundesländern. Der überwiegende Teil der Männer steigt jedoch nur für zwei Monate aus dem Berufsleben aus.

Die Studie

Das Institut für sozialwissenschaftlichen Transfer (SowiTra) hat im Herbst 2008 eine explorative Studie unter Elternzeitvätern durchgeführt. Dafür befragten die Wissenschaftler in einer Online-Umfrage 830 Männer. Mit 29 Vätern wurden anschließend Interviews geführt, zudem sprachen die Forscher mit 23 Experten, darunter Betriebsräte, Führungskräfte und Gleichstellungsbeauftragte. Die Ergebnisse der von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Untersuchung sind in einem Buch zusammengefasst worden. Der Untersuchung zufolge beantragten 2008 insgesamt 18 Prozent der Väter Elterngeld – im Vergleich zu den Vorjahren ein Quantensprung: Noch zwei Jahre zuvor gingen nur rund drei Prozent der Väter in Erziehungszeit.

Die Ergebnisse

Zwei Drittel der befragten Väter steigen zwei Monate aus dem Beruf aus. Der Großteil von ihnen nimmt die Auszeit direkt im Anschluss an die Geburt des Kindes, wenn auch die Mutter zu Hause ist. Die Forscher haben diese große Gruppe der Väter als die "Vorsichtigen" bezeichnet. Sie trauen sich offenbar nicht zu, alleine für ihr Kind zu sorgen und sie halten die Auszeit sehr kurz, weil sie fürchten, dass sonst ihr berufliches Fortkommen gefährdet sein könnte.

Neben ihnen gibt es vier weitere Typen: Die "Paritätitischen" stellen 14 Prozent der Elternzeitväter. Sie gehen in Elternzeit versetzt zur ebenfalls berufstätigen Partnerin, aber auch sie machen nur zwei Monate Auszeit, um nicht zu lange der Arbeit fern zu bleiben. Eine deutlich längere Elternzeit nehmen nur sechs Prozent der Väter. Für sie hat die Familie einen zentralen Stellenwert, der deutlich über dem der eigenen Karriere liegt. Auch verzichten diese Männer zugunsten der Karriere ihrer Frauen auf die eigene. Ein weiterer Typus ist der "familienorientierte": Neun Prozent der Männer kombinieren ihre Elternzeit aus den Elterngeldmonaten und zusätzlicher unbezahlter Elternzeit. Schließlich gibt es noch den Typus des "familienzentrierten", die mehr als neun Monate lang aus dem Beruf aussteigen. Sie wollen bewusst eine lange Zeit mit ihren Kindern verbringen.

Insgesamt haben die Forscher ausgemacht, dass die Väterzeit auch stark von den Partnerinnen der Väter unterstützt und gewünscht wurde. Zudem arbeiten viele Elterngeldväter in großen Unternehmen, wo sie Schreibtischarbeit verrichten. Klassische Arbeiter finden sich unter den Elterngeldvätern wenige. Zudem hat der Großteil der Väter eine formal hohe Bildung, sie sind als Angestellte oder Beamte tätig, eine Vielzahl von ihnen sind Ingenieure und somit in einem klassischen Männerberuf tätig.

ZEIT ONLINE: Sie sagen es: Es geht um Männer, die Familie als Teil ihrer Lebensaufgabe verstehen. Kann man ausmachen, wann dieser Bewusstseinswandel eingesetzt hat?

Pfahl: Das ist schon viele Jahre der Fall. Viele Männer finden sich in dem traditionellen Ernährermodell nicht mehr wieder. Männer setzen sich aktiv mit ihrer Rolle als Vater auseinander und haben den Wunsch, intensiv Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Aber die Erwerbsarbeit hat enge Strukturen und die gesetzlichen Rahmenbedingungen hinkten lange hinter der Lebensrealität der meisten Männer hinterher. Die Einführung des neuen Elterngelds im Jahr 2007 hat nun mit einem großen Schritt einiges verändert. Es sind jetzt nicht mehr nur postmoderne Väter, sondern ganz normale Männer in der Mitte der Gesellschaft, die eine Zeit lang aus dem Beruf aussteigen, um sich um ihre Kinder zu kümmern.

ZEIT ONLINE: Wobei man ja nun nicht sagen kann, dass die Mehrheit der Väter auch intensiv Gebrauch von dieser Möglichkeit macht...

Pfahl: Man kann aber auch keine gigantischen Sprünge erwarten. Vor 2007 nahmen 3,5 Prozent der Väter Elternzeit, jetzt sind es immerhin 18 Prozent und ein weiterer Anstieg ist zu erwarten.

ZEIT ONLINE: Was sind das für Väter?

Leser-Kommentare
  1. Das Elterngeld wurde keinesfalls dazu eingeführt, mehr Väter an den Wickeltisch zu bekommen, sondern nur um eins zu tun: Geld sparen. Schlicht und ergreifend, hat man den Kindern nach der Einführung dieses "Kürzungsgelds" schlicht Geld gestohlen. Denn HALLO vor der Einführung bekamen diejenigen Familien die es brauchten (oder nötig brauchten) ganze zwei Jahre Geld dafür, für den Junior alles Notwendige zu erstehen. Und der Oberscherz ist, daß man einen Teil des normalerweise zustehenden Geldes auch noch nur bekommt, wenn Papa seinen Job riskiert - gehts eigentlich noch realitätsferner? Was kommt als nächstes? Elterngeld nur wenn man nachweisbar 365 Nächte aufgeblieben ist, weil das Kind nicht schlafen wollte? Wär doch mal was!
    Wie wärs denn mal mit folgendem Vorschlag: Da jedes Kind ein unschätzbares Glück ist (und sich seine Eltern nicht aussuchen kann), bekommen alle Kinder das gleiche Geld (und nicht Peanuts) zur Verfügung und somit auch ansatzweise sowas wie die gleichen Möglichkeiten ins Leben zu starten. Aber nein das geht ja nicht! Denn erstens sind die Kassen leer und zweitens wenn es danach geht, welchen Stellenwert Kinder hier haben, kriegen Eltern hier demnächst sowieso kein Geld mehr. Dann werden Kinder das was sie heute schon sind: Ein von Eltern selbstzutragendes Risiko.

  2. 2.

    diese sprache, care-jobs, soft skills - da bekommt man kopfschmwerzen ein professor von mir hat mal gesagt je mehr fremdworte und spezialbegriffe ein mensch verwendet desto weniger ahnung hat er und recht hatte er wie man an dem interview erkennen kann

    aber ein interessanter ansatz am schluss "Männer verdienen in Deutschland immer noch rund 23 Prozent mehr als Frauen. Solange sich dies nicht ändert, werden wir auch nicht erleben, dass sich mit einem Sprung bei der Care-Arbeit alles verändert."
    sollen männer also um 23% weniger verdienen - das ist ja zum haare raufen, auf dass die familien noch weniger geld haben

    in zukunft wird es mit sicherheit weniger als mehr kinder geben

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    • luccas
    • 26.11.2009 um 21:18 Uhr

    Zitat: "in zukunft wird es mit sicherheit weniger als mehr kinder geben"

    Mag sein.
    Aber das Basteln daran wird wohl kaum zurückgehen ;-)

    • luccas
    • 26.11.2009 um 21:18 Uhr

    Zitat: "in zukunft wird es mit sicherheit weniger als mehr kinder geben"

    Mag sein.
    Aber das Basteln daran wird wohl kaum zurückgehen ;-)

    • luccas
    • 26.11.2009 um 21:18 Uhr
    3. ;-)

    Zitat: "in zukunft wird es mit sicherheit weniger als mehr kinder geben"

    Mag sein.
    Aber das Basteln daran wird wohl kaum zurückgehen ;-)

    Antwort auf "Kommentar Nr. 2"
  3. Solange den Männern nach der Geburt nicht die Milch einspritzt, wird sich an der Arbeitsteilung nicht viel ändern..

    Man sollte sich jetzt langsam mal vom Wunschdenken lösen, dass Männer und Frauen gleich seien.
    Es ist eigentlich ganz einfach und auch schon seit den 1950Jahren längst wissentschaftlich nachgewiesen:
    Das Kind braucht in den ersten 2 Jahren intensiven Kontakt zur Mutter, um eine vertrauensvolle Bindung zu entwickeln.
    Wer sein Kind dem Vater überlässt oder mit 6 Monaten in die Krippe gibt, handelt grob fahrlässig.
    Die Studien in der DDR, dass Kinder aus Kinderkrippen wesentlich häufiger krank wurden als normal aufgezogene Kinder, werden auch heute noch verheimlicht.
    Das als Vorbild dienende Frankreich hat übrigens nur 10% Kinderkrippen, der Rest wird von "Ersatzmüttern" übernommen.

    Aber D will natürlich 30% Kinderkrippen: das ist Kinderschändung!
    Aber die Wirtschaft braucht billige Arbeitskräfte(Frauen), dumm nur dass Krippenmütter noch weniger Kinder bekommen.

    Ein Teufelskreis...

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    "Wer sein Kind dem Vater überlässt oder mit 6 Monaten in die Krippe gibt, handelt grob fahrlässig"

    Dieser Satz hat mich wirklich geschockt. Gibt es solch eine Einstellung wirklich? Ich leben seit 4 Jahren in Schweden und JA, es gibt sie: Die Gleichheit von Mann und Frau in der Erziehung. Mein Mann ist seit 4 Jahren Haupterzieher, denn ich arbeite in unserer Familie hauptsächlich und unsere Kinder sind gesund und munter - und sehr sozial. Hier in Schweden ist das normal! Meist arbeiten beide, aber beide teilen sich den Weg zur Kita (auch dahin gehen fast alle Kinder mit 1 Jahr), beide bleiben zu Hause in der Elternzeit - meist zu gleichen Teilen und nicht zusammen - beide bleiben mal zu Hause wenn das Kind krank ist - beide Arbeiten auch mal Teilzeit. Hier kein Problem. Warum kommt Deutschland nicht aus dem Mittelalter der ewig gestrigen Diskussion um die Mutterrolle hinaus? Schweden ist nicht für seine kranken, unsozialen und gestörte Bevölkerung bekannt soviel ich weiss.
    Ich bin nur froh das ich mir diese lästigen Diskussionen nicht mehr antun muss und bekomme jetzt erstmal ein 3. Kind. Hier habe ich das Gefühl von der Gesellschaft und Familie unterstützt zu sein und bin bei der gesunden GEburtenrate hier in Schweden auch nicht an der Grenze zum asozialen mit 3 Kinder. Meinen Freunden in Deutschland geht es leider nicht so. Egal wo, beim Chef, in der Partnerschaft, sogar unter Frauen, Deutschland steckt da einfach in der Vergangenheit fest.

    "Wer sein Kind dem Vater überlässt oder mit 6 Monaten in die Krippe gibt, handelt grob fahrlässig"

    Dieser Satz hat mich wirklich geschockt. Gibt es solch eine Einstellung wirklich? Ich leben seit 4 Jahren in Schweden und JA, es gibt sie: Die Gleichheit von Mann und Frau in der Erziehung. Mein Mann ist seit 4 Jahren Haupterzieher, denn ich arbeite in unserer Familie hauptsächlich und unsere Kinder sind gesund und munter - und sehr sozial. Hier in Schweden ist das normal! Meist arbeiten beide, aber beide teilen sich den Weg zur Kita (auch dahin gehen fast alle Kinder mit 1 Jahr), beide bleiben zu Hause in der Elternzeit - meist zu gleichen Teilen und nicht zusammen - beide bleiben mal zu Hause wenn das Kind krank ist - beide Arbeiten auch mal Teilzeit. Hier kein Problem. Warum kommt Deutschland nicht aus dem Mittelalter der ewig gestrigen Diskussion um die Mutterrolle hinaus? Schweden ist nicht für seine kranken, unsozialen und gestörte Bevölkerung bekannt soviel ich weiss.
    Ich bin nur froh das ich mir diese lästigen Diskussionen nicht mehr antun muss und bekomme jetzt erstmal ein 3. Kind. Hier habe ich das Gefühl von der Gesellschaft und Familie unterstützt zu sein und bin bei der gesunden GEburtenrate hier in Schweden auch nicht an der Grenze zum asozialen mit 3 Kinder. Meinen Freunden in Deutschland geht es leider nicht so. Egal wo, beim Chef, in der Partnerschaft, sogar unter Frauen, Deutschland steckt da einfach in der Vergangenheit fest.

  4. Die Behauptung, dass sich Führungsaufgaben und Familie vereinbaren lassen, wenn eine Führungskraft mal 4 Wochen auf 75% reduziert, ist doch völliger Blödsinn.

    In Schweden wird die Väterzeit übrigens Elchtzeit genannt, weil die Männer dann endlich mal Zeit für die Jagd haben.
    Mal ehrlich: mit dem Kind mal nen bisschen auf den Spielplatz zu gehen, mit den Müttern zu flirten oder einfach mal morgens in Ruhe die Zeitung zu lesen, ist schon besser als im Büro zu hocken.
    Da nimmt doch so mancher Mann die Gelegenheit war, ein bisschen bezahlten Urlaub zu machen, wenn er so eine gute Ausrede hat.

    Vielleicht sollte die Zeit auch nen paar Männer zu Wort kommen lassen, anstatt immer nur Frauen mit Frauen über die Intentionen der Männer philosophieren zu lassen.
    Das wäre bestimmt erhellend, passt aber vielleicht nicht in die Agenda.

  5. Und wenn Sie nun -erhellend quasi- zu dem "Das Kind braucht in den ersten 2 Jahren intensiven Kontakt zur Mutter, um eine vertrauensvolle Bindung zu entwickeln." noch nen Beweis hätten?! Nicht, dass da jemand denken könnte, der Vater an Stelle der Mutter sei genau so gut.

  6. aber von 1800€ plus dem Gehalt meiner Frau hätten wir nicht gescheit leben können. Dabei war das Elterngeld doch gerade für Familien wie uns (beide Akademiker) gedacht.

    Eine Leser-Empfehlung
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    Davon konnten Sie nicht leben? Wir leben zu dritt von der Hälfte, und es klappt bestens!

    Davon konnten Sie nicht leben? Wir leben zu dritt von der Hälfte, und es klappt bestens!

  7. Kompliment, Sie haben Niveau.
    Sogar das passende für den Holtzbrinck-Konzern. Dummerweise ist das hier auch nach Relaunch immer noch die ZEIT. Versuchen Sie's doch mit dem Ton erst mal beim Trierischen Volksfreund (selber Konzern).
    Meine Antwort auf speziell Ihren #5 weiter unten.

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    dies ist ZeitOnline ein Zwischending aus Bild der Frau und PR Redaktion

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