An was glaubt der Kollege? Religion spielt für viele Menschen eine wichtige Rolle in ihrem Leben – in der modernen Arbeitsgesellschaft hat sie aber selten einen Platz. Wenn ein Mitarbeiter besonders gläubig ist, kann es schnell zu Konflikten kommen. Das zeigen die Diskussionen um das Kopftuchverbot für Lehrerinnen und Erzieherinnen. "Aufgrund der Religionsfreiheit nach Artikel Vier unseres Grundgesetzes und des Allgemeinen  Gleichbehandlungsgesetzes darf die Religion im Arbeitsverhältnis nur ausnahmsweise eine Rolle spielen", sagt Detlev Fey, Referatsleiter für Arbeitsrecht des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD).

Kein Problem ist die Ausübung des Glaubens da, wo der Glaube selbst Beruf ist. Beispielsweise bei Schwester Judith. Sie trat vor 40 Jahren dem Orden der Thuiner Franziskanerinnen bei, lebt heute im Konvent in Bremen und arbeitet als Gemeindereferentin. Die Nonne ist damit eine von 1,2 Millionen Menschen, die bei der katholischen Kirche angestellt sind, die damit der zweitgrößte Arbeitgeber in Deutschland ist. Die Klosterschwester hat bewusst den Glauben zur Grundlage ihres Lebens gemacht. "Der Eintritt in den Orden war eine Berufung, die Arbeit als Gemeindereferentin ist Beruf", unterscheidet sie.

Obwohl die studierte Theologin wie nur wenige religiöse Überzeugung und Arbeit miteinander vereinbaren kann, kennt sie doch das Gefühl, für den eigenen Glauben zu wenig Zeit zu haben. Zwar kann sie sich, wie sie sagt, "von den Gebeten der Gemeinschaft mitgetragen fühlen", wenn der Arbeitsalltag das eigene Gebet nicht zur vorgeschriebenen Zeit zulässt, aber hin und wieder fehlen ihr die Mußestunden, um innehalten zu können und sich auf das zu besinnen, was für sie ihren Glauben ausmacht: Den Menschen in den Vordergrund zu stellen und ihn anzunehmen, auch mit Fehlern und Brüchen in der Seele. Die Nonne kennt das Gefühl, ausgelaugt zu sein von der Arbeit. Dann fürchtet Schwester Judith,  den Menschen nicht gerecht werden zu können. Durch das Gebet oder die Meditation gelingt es ihr, Stress abzubauen und neue Kraft zu schöpfen. "Aber in einer Gemeinde tätig zu sein, heißt nicht automatisch, auch ständig in die Kirche gehen zu können", sagt sie. 

Und auch eine Nonne hat manchmal Stress mit den Kollegen. Zu schaffen macht der Schwester, wenn Kollegen annehmen, dass eine Ordensschwester keine Arbeitszeiten kenne und rund um die Uhr im Einsatz sei. Besonders, wenn der berufliche Stress groß ist, schätzt die Nonne das Gebet, das sie nur für sich führt. Ihr Vorteil: Dass sie Zeit für ihren Glauben haben möchte, stößt bei ihrem Arbeitgeber auf großes Verständnis.

Anders geht es dem 37-jährigen Abdul Aziz. Er ist einer von 4,3 Millionen gläubigen Muslime n in Deutschland. Für Aziz ist es wichtig, fünfmal täglich seiner Gebetspflicht nachzukommen. Die Zwiesprache mit Gott gebe ihm Kraft für den Alltag, sagt er. Als Raum dafür reichte dem KFZ-Mechaniker eine stille Ecke in der Werkstatt. "Nur sauber sollte sie sein", sagt er. Probleme hatte er bei seinen Arbeitgebern nie. Als Mitglied im Vorstand der Fatih Moschee in Bremen kennt Aziz aber die Problemen einiger seiner Glaubensbrüder und Schwestern in seiner Gemeinde. Häufig herrsche auf Seiten der Arbeitgeber und Kollegen sogar Unverständnis und Misstrauen gegenüber dem Wunsch des muslimischen Kollegens, seinem Glauben nachzugehen. Oft sei die tolerante Einstellung nur oberflächlich. Besonders kontrovers wird nach wie vor der Umgang mit Frauen diskutiert, die ein Kopftuch bei der Arbeit tragen wollen.