Als am 5. Oktober 1989 zum ersten Mal "Langer Donnerstag" war, stand Betriebsratschef Peter Müllers in Berlin mit seinem Chef im Schaufenster von Karstadt und guckte sich an, was draußen los war. "Wir hatten zu, denn in unserem Tarifvertrag stand, dass abends ab halb sieben keine Öffnungszeiten mehr erlaubt sind, und darauf haben wir vom Betriebsrat bestanden", erzählt er. "Auf der Schloßstraße vor unserer Tür war Ramba Zamba. Peek und Cloppenburg gegenüber hatte auf, und ich konnte sehen, wie mein Chef das Dollarzeichen in die Augen kriegte." Kurz danach setzte sich die Geschäftsleitung mit den Arbeitnehmern zusammen und machte jede Menge Zugeständnisse, damit die Karstadt-Filiale für den "Langen Donnerstag" öffnen konnte.

Der 5. Oktober 1989 war ein Wendepunkt im deutschen Geschäftsleben. Drei Jahrzehnte lang galten in Westdeutschland bis dahin rigide Ladenschlusszeiten: Wer es abends nicht bis 18:30 Uhr in den Supermarkt geschafft hatte, musste sehen, was der Kühlschrank zu Hause noch hergab. Samstags machten die Läden um 14 Uhr dicht, nur einmal im Monat war bis 18 Uhr auf.

Gerade für Berufstätige war Einkaufen mit einigem Organisationsaufwand verbunden. Viele rasten in der Mittagspause durch den Supermarkt, oder sie nervten die Verkäuferin, wenn diese kurz vor Toresschluss die schon geputzte Wurstschneidemaschine noch einmal anwerfen musste. Doch danach war Feierabend, und zwar für alle. Seither ist viel passiert. Nicht nur die Handelszeiten haben sich geändert, auch sonst haben sich die Arbeitszeiten verschoben.

"Der Lange Donnerstag war die erste Scheibe in der Salamitaktik", sagt Margret Mönig-Raane, stellvertretende Vorsitzende der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. "Jedes Mal, wenn die Öffnungszeiten gelockert wurden, wurde uns gesagt: Das ist doch nicht so schlimm, dabei bleibt es. Und dann hat es gar nicht lange gedauert, bis die nächsten Schritte kamen."

Ab Oktober 1989 durften einmal in der Woche – donnerstags – die Geschäfte zwei Stunden länger öffnen, bis 20:30 Uhr. Sieben Jahre später hatte sich der "Dienstleistungsabend" erledigt – von 1996 an öffneten die Geschäfte montags bis freitags bis 20 Uhr, 2003 kam der Samstag dazu. Seit 2006 sind die Ladenöffnungszeiten Sache der Bundesländer. Bayern blieb beim Status Quo, Berlin dagegen führte die großzügigsten Regeln ein. Man könnte auch sagen: Der rot-rote Senat schaffte fast alle Regeln ab.

Der Münchner Wirtschaftspädagoge Karlheinz Geißler hält die Entwicklung weg von einem verbindlichen Feierabend für bedenklich. "Der Lange Donnerstag war unser Einstieg in eine 24-Stunden-Kultur", sagt Geißler. "Unsere ganze Zeitorganisation hat sich seither geändert." Angeschoben durch neue technische Möglichkeiten wie Handys, Bankautomaten und das Internet habe "eine ganz neue Mentalität in unsere Gesellschaft Einzug gehalten: Man will sein Geld 24 Stunden verfügbar haben und ausgeben können, man will auch nachts noch Überweisungen machen."

Für die Arbeitswelt hat das Konsequenzen. Immer mehr Menschen müssen am Wochenende arbeiten und Abendschichten abdecken. Versandfirmen und Versicherungen werben mit Telefonberatung rund um die Uhr, Krankengymnasten und Ärzte öffnen ihre Praxen bis in den späten Abend hinein, und manche Fitnesscenter haben die ganze Nacht hindurch geöffnet. Nach einer Erhebung der Gewerkschaften stieg die Zahl der "Abendarbeiter" zwischen 1996 und 2006 von rund 32 auf 46 Prozent der Erwerbstätigen. Sonntags arbeiten 28 Prozent, samstags mit 48,5 Prozent sogar fast jeder zweite – 1991 waren es noch 37,6 Prozent.