Beruf der WocheWeihnachtsmann ist ein echter Stress-Job

Er trägt Rauschebart, fährt einen stylischen Schlitten und hat viele Doubles. Ein Gespräch mit dem Weihnachtsmann, dem echten natürlich. Von Tina Groll von 

Jede Woche ein neuer Beruf auf ZEIT ONLINE

Jede Woche ein neuer Beruf auf ZEIT ONLINE  |  © Tim Boyle/Getty Images

Jetzt hat der Mann mit dem roten Mantel und dem weißen Rauschbart alle Hände voll zu tun und trotzdem Zeit für ein Exklusivinterview mit ZEIT ONLINE. "Dass ich an nur einem Tag im Jahr arbeite, ist aber eine Legende", sagt der Weihnachtsmann gleich zu Beginn des Interviews. Erst dann folgt sein typisches "Hohoho" und die Frage, die er jedem zur Begrüßung stellt: "Sind Sie auch schön brav gewesen?"

Gegenfrage, guter Mann, wie viel arbeitet denn so ein Weihnachtsmann? "Weihnachten ist ein internationales Business. In vielen Ländern in Europa muss ich am Heiligabend überall sein, in den angelsächsischen Ländern hingegen erst am Morgen des 25. Dezembers und in Russland bin ich am 7. Januar im Einsatz", sagt er. Je nach Land arbeitet er mit lokalen Helfern zusammen: mit dem Christkind im Süden Deutschlands, das in der Slowakai auch "Jezisko" genannt wird, mit El Niño Jesus – dem Jesuskind – in Kolumbien, mit dem Viejo Pasquero (alter Hirte) in Chile oder dem Zwarten Piet in den Niederlanden.

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Die meiste Arbeitszeit geht für die Weihnachtsvorbereitung drauf. Der Beruf erfordert viele Talente. Zunächst muss der Weihnachtsmann ein Organisations- und Gestaltungstalent sein. Schließlich muss er all die Geschenke herstellen, verpacken und zustellen.

Zur Hand geht ihm eine Heerschar an Wichteln, Elfen und Kobolden. Der Mann mit dem Rauschebart trägt damit auch allerhand Personalverantwortung, muss managen, Anweisungen geben und auch mal Streit unter den Wichteln schlichten. "Man muss auch ein guter Personaler sein und seine Leute gut im Griff haben", sagt er.

Zudem muss er gut recherchieren und Millionen von Informationen im Blick haben: Welches Kind frech, welches war brav, welches ganz besonders fleißig in diesem Jahr war. Im Büro helfen ihm einige Engelchen. Fehler dürfen ihm und seinem Team nicht unterlaufen. "Besonders schwierig ist es in Familien mit Mehrlingen. Wenn man da die Namen der Zwillinge, Drillinge oder Vierlinge verwechselt – dann kann das schon mal zu Tränen führen. Das darf einem Weihnachtsmann natürlich nicht passieren."

Psychologische Kenntnisse, Einfühlungsvermögen und pädagogische Fähigkeiten muss ein Weihnachtsmannanwärter mitbringen. "Wenn ein Kind Angst vor mir bekommt und zu weinen anfängt, muss man sofort trösten können, immerhin hängt davon auch ab, ob es seinen Glauben an meinen Berufsstand behält", sagt der Weihnachtsmann. Die Skepsis, die ihm entgegenschlage, sei überhaupt sehr schwierig für ihn. Der Glaube an den Weihnachtsmann hänge maßgeblich von der Mitarbeit der Erwachsenen ab. Bedauerlich findet der Weihnachtsmann, dass nur noch wenige Erwachsene wirklich an ihn glaubten. "Das macht einem schon zu schaffen. Das liegt aber auch an meinen vielen schlechten Kopien!", schimpft er. Zu seinen Doubles hat er ein ambivalentes Verhältnis. "Ach, all diese Onkel, Großväter und Studenten, die sich für mich ausgeben. Einerseits sind sie eine echte Unterstützung – anders wäre die viele Arbeit kaum zu schaffen. Andererseits machen sie die Preise kaputt und befördern darüber hinaus die Skepsis."

Im Gegensatz zum echten Weihnachtsmann erwerben die Kopien ihre Qualifikationen in Fortbildungen bei Schauspielern oder Laiendarstellern. Manche improvisieren einfach. "Einige sind recht gut, sie kennen die Traditionen, bemühen sich mit ihrer Arbeitskleidung und sind auch sonst sehr ambitioniert. Für andere ist es nur ein Zusatzgeschäft und sie werden ihrer Rolle eher schlecht als recht gerecht", kritisiert er. Vermittelt werden seine Mitbewerber über die örtlichen Agenturen für Arbeit. Andere inserieren in Zeitungen, im Internet oder über Aushänge in Kindertagesstätten, Schulen oder Altersheimen. Zwischen zehn bis einigen hundert Euro nehmen die Laien-Weihnachtsmänner pro Auftritt, abhängig von Dauer und Aufwand.

"Ich dagegen bin unbezahlbar!", sagt er nicht ohne Stolz. Immerhin bringt er alle nötigen Qualifikationen mit: Kenntnis aller Sprachen, Traditionen und Gebräuche, aller Weihnachtslieder und Gedichte – zudem kennt er sich auch mit allen landes- und regionaltypischen Weihnachtsdelikatessen aus.

Und dann erst sein Equipment: Neben der bereits erwähnten Hilfsarmee an Wichteln, Elfen und Kobolden, besitzt der Weihnachtsmann einen echten Fuhrpark: Schlitten, die über Dächer, durch den Nachthimmel sowie Schnee, Eis und sogar Weltmeere rasen können, Rentiere mit und ohne leuchtende Nasen, Pferde und Esel.

Leserkommentare
  1. 1.

    Diese versoffene Witzfigur also traktiert die Kinder der reichen Welt mit Geschenken und droht ihnen aber auch mit roher Gewalt in Gestalt einer Rute. Doch bleibt diese Drohung leer, denn er darf sie heutzutage nicht mehr einsetzen, körperliche Gewalt gegen Kinder ist zum Glück gesetzlich verboten. Um die seelische kümmert sich keiner. Doch auch die Rute ist im Zuge maximaler Kommerzialisierung des angeblichen Wiegenfestes eines Religionsstifters wegrationalisiert, denn wirklich geschäftsfördernd ist das Instrument ehemaligen kindlichen Schreckens nicht. http://mug.im/yael6

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