Wenn Arbeit krank machtDiagnose: Chronische Unterforderung

Krank wegen Langeweile? Menschen, die am Bore-Out-Syndrom leiden, sind schlicht unterfordert. Was von der neuen Krankheit zu halten ist. Von Jan Zier von Jan Zier

Eine Frau, die gähnt

Langweilig? Wer unterfordert ist, kann an Bore-out erkranken – heißt es  |  © Dan Kitwood/Getty Images

Die These war gewagt. Ein "Tabu-Bruch". Nicht der Burn-out sei das Hauptproblem unserer Arbeitswelt. Sondern der, Achtung: Wortspiel, Bore-out. Also das genaue Gegenteil. Stete Langweile, Desinteresse und Unterforderung, die einen buchstäblich krank machen. Gut zwei Jahre ist es her, da sorgten die Schweizer Unternehmensberater Philippe Rothlin und Peter Werder mit ihrem Buch "Diagnose Bore-out" für Furore. Auf der Frankfurter Buchmesse wurde es sogleich für zwei Preise nominiert, und alle berichteten sie darüber, der Stern und die Frankfurter Allgemeine Zeitung , der Spiegel und die Süddeutsche Zeitung , die taz und all die Wirtschaftsmedien. Ja, auch DIE ZEIT in ihrer Ausgabe vom 05.07.2007 . Und jetzt?

Leiden Sie an Bore-out?
  • Erledigen Sie private Dinge während der Arbeit?
  • Fühlen Sie sich unterfordert oder gelangweilt?
  • Tun Sie ab und zu so, als ob Sie arbeiten würden ­– haben tatsächlich aber gar nichts zu tun?
  • Sind Sie am Abend müde und erschöpft – obwohl Sie gar keinen Stress hatten?
  • Sind Sie mit Ihrer Arbeit eher unglücklich?
  • Vermissen Sie den Sinn in Ihrer Arbeit, die tiefere Bedeutung?
  • Könnten Sie Ihre Arbeit eigentlich schneller erledigen, als Sie dies tun?
  • Würden Sie gerne etwas anderes arbeiten, scheuen sich aber vor dem Wechsel, weil Sie dabei zu wenig verdienen würden?
  • Verschicken Sie während der Arbeit private E-Mails an Kollegen?
  • Interessiert Sie Ihre Arbeit nicht oder wenig?

Auswertung: "Wenn Sie mehr als viermal ein Ja eingesetzt haben, leiden Sie am Bore-out oder sind auf dem Weg dorthin."

(Quelle: Philippe Rothlin / Peter R. Werder: Diagnose Bore-out: Warum Unterforderung im Job krank macht, 2007: Redline Wirtschaft Heidelberg, 126 Seiten, 17,90 Euro)

Literatur zum Thema

Philippe Rothlin / Peter R. Werder: Diagnose Bore-out: Warum Unterforderung im Job krank macht, 2007: Redline Wirtschaft Heidelberg, 126 Seiten, 17,90 Euro

Philippe Rothlin / Peter R. Werder: Die Bore-out-Falle: Wie Unternehmen Langeweile und Leerlauf vermeiden, 2008: Redline Wirtschaft Heidelberg, 160 Seiten, 19,90 Euro

Daniel Beye: Innere Kündigung durch Bore-out?: Untersuchung des Zusammenhangs von Unterforderung und Leistungsbereitschaft am Arbeitsplatz, Grin Verlag: 2009, 76 Seiten, 24,99 Euro

Markus H. Kipfer: Bore-out: Ein neues Konzept oder längst in der Psychologie etabliert? VDM Verlag Dr. Müller: 2009, 160 Seiten, 59 Euro
 

Bore-out ist ein "Hoax", ein "Modeleiden" sagen die einen, zum Beispiel Beda Stadler, Direktor des Instituts für Immunologie der Uni Bern. Bore-out ist "Wortgeklingel", sagt Kurt Stapf, Direktor des Psychologischen Instituts an der Uni Tübingen. "Bore-out gibt es", beharrt Philippe Rothlin. Nein, einen wissenschaftlichen Beweis könne er nicht liefern, sagte er auf Nachfrage. Er habe ja zunächst auf "ein Phänomen" aufmerksam machen wollen. Rothlin und Werder übersetzen es mit "Ausgelangweilt-Sein" ­– eine Erklärung, die ihre These allerdings mit einem Wort wieder diskreditiert. Und sie beziffern den gesamtwirtschaftlichen Schaden auf 250 Milliarden Euro, allein in Deutschland. Allerdings ohne genau zu erklären, wie sie auf diese Zahl kommen.

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Und doch – da sind Fälle wie der von Herrn A. Er ist 42 Jahre alt, ein IT-Experte, seit gut 15 Jahren schon. Erst Netzwerkadministrator, dann Consulter, mittlerweile Systemadministrator in einem Großkonzern, immerhin der einzige für die gut 150 Mitarbeiter einer Tochterfima. Doch im Grunde, sagt er, "leide ich seit meiner Lehrzeit an Unterforderung". Er hat studiert, sich hernach weiter gebildet, die Firma gewechselt, mit seinem Chef geredet, ja, dann auch "mal ein Projektchen" bekommen, wie er es nennt. A. hat mithin vieles von dem unternommen, was an dieser Stelle immer wieder gern empfohlen wird. "Aber es hat nichts gebracht." Ob er sich den falschen Beruf ausgesucht hat? Der Job sei ja "nicht uninteressant", sagt Herr A dann.

Vier von zehn Managern fühlen sich unterfordert, behauptet das Online-Stellenportal www.stepstone.de . Mehr als 5000 Führungskräfte hat es nach eigenen Angaben befragt, und während nur 14 Prozent über Überlastung klagten, gaben 39 Prozent an, sie fühlten sich unterbeschäftigt. Die Bundesagentur für Arbeitsschutz hingegen sieht nach eigenen Untersuchungen 14 Prozent der Arbeitnehmer als fachlich unterfordert an, fünf Prozent als überfordert. Auch Buchautor Werder selbst schätzt, dass maximal 15 Prozent der Beschäftigten von Bore-out betroffen sind. Ebenso wie Burn-out ist Bore-out aber keine offiziell anerkannte Krankheit. Und doch nehmen die Krankheitstage und Frühberentungen aus psychischen Gründen zu. Wer in Behandlung ist, dem wurde vielfach Depression diagnostiziert.

"Die Gefahr des Bore-out scheint gegeben" – das ist auch das Ergebnis einer neueren empirischen Studie, die an der Fachhochschule der Wirtschaft Hannover entstanden ist. Dabei gehe es jedoch keineswegs um ein neues Syndrom, resümiert Autor Daniel Beye, sondern um eine bekannte Problematik mit neuem Namen. Allerdings sei die Zahl derer, die tatsächlich unterfordert seien, "nicht signifikant groß". Auch Langeweile im oder Desinteresse am Job hält Beye als Faktoren für "nicht maßgeblich". Vorrangig gehe es um qualitative wie quantitative Unterforderung. Sie entsteht beispielsweise, weil von Anfang an der falsche Beruf gewählt wurde. Weil man überqualifiziert ist. Oder weil die vorhandene Arbeit schlecht verteilt ist.

Und zwar vorwiegend im Dienstleistungsbereich. Denn ein Bauer beispielsweise, der kann zwar mal langsam arbeiten, bisweilen auch mal faul sein. Aber nicht so tun als ob. Ähnlich sieht es beim Maurer, beim Schweißer, dem Tischler aus. Potenziell betroffen sind also vor allem jene, die erstens am Schreibtisch arbeiten und zweitens ihr Arbeitsvolumen selbst steuern können. Das Problem entsteht also überwiegend in Versicherungen, Banken oder Verwaltungen. Und dort, wie die Tätigkeit stets wiederkehrt.

"Selbst wer unterbeschäftigt ist, betont, wie stressig sein Job ist", sagt Rothlin. Und bleibe auch mal demonstrativ lange, nutze Alternativangebote wie Internet und E-Mail, berufe Sitzungen ein, wo keine nötig seien. "Das Problem ist, dass es gewisse Zeiten gibt, wo jemand da sein muss, um ansprechbar zu sein", sagt A. "Also hockt man da und wartet auf das berühmte Ergebnis". Wie in seinem Fall herrscht in vielen Unternehmen eine "Anwesenheitskultur". Und stets geben sich die Kollegen geschäftig. Denn: Stress ist sozial erwünscht.

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Leserkommentare
  1. Hat eigentlich schon einmal jemand der Autoren des Artikels über das Wort "Stress" genauer nachgedacht? Wie würden sie es definieren?
    Stress bedeutet für mich keineswegs viel Arbeit, Stress bedeutet viel mehr nicht wissen wo anfangen oder nicht wissen, wie man sich verhalten soll. Stress ist eine psychische Belastung. Und diese kann auch durchaus durch verodnete Langeweile verursacht werden. Von einem Chef z. B., der jeden Versuch etwas zu machen nur kritisiert und aus Angst, dass ihm ein Zacken aus seiner Krone fallen könnte einem nie positives Feedback gibt. Das Ergebnis ist, dass man dasitzt und nichts mehr tut als die Zeit totzuschlagen. Das kann psychische Probleme mit sich bringen. Viel größere als es viel Arbeit tut, die man sich sinnvoll einteilen kann und bei der man ab und zu positives Feedback gibt.

  2. Als Schüler konnte ich in Deutschland die Sommerferien nie leiden... nur langeweile... nichts zu tun... seitdem ich in England bin sind Ferien eigenltich noch schlimmer... jetzt zu Weinachten zum Beispiel...

    Die ganze Zeit fühlte ich mich eher tot...

    Eine Unterforderung/oder das Fehlen von Tätigkeiten ist definitv keine schöne Zeit... und so sehnte ich mich nach der Schule - oder sehne mich nach der Uni... bloß gibt es an der Uni so wenig zu lernen dass man faul wird...

    Plausibel klingt es für mich auf jeden Fall - auch aus eigener Erfahrung - mehr Studien? :)

    (Diese sollten aber nicht für eine Überbelastung von Personal mißbraucht werden)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "bloß gibt es an der Uni so wenig zu lernen, daß man faul wird"... mag ja sein, dass das für die konkreten Anforderungen gelten mag, um das Studium gut abzuschliessen, aber dass es da insgesamt nicht genug gibt, kann ich mir nicht vorstellen... oder haben Sie nur zwei Bücher in der Bibliothek?
    Wenn Sie schon so lernfähig sind, dass der Stoff ihres Studiums sie unterfordert, dann gehen Sie doch darüber hinaus! Da über Langeweile zu klagen, ist nicht nur überheblich, sondern auch noch ziemlich dumm, wenn ich mir das erlauben darf, und zwar in dem Sinne, dass es Ihnen an Urteilskraft zu mangeln scheint. Aber wenn man Immanuel Kant glauben will, können Sie sowieso nicht viel daran machen
    "Der Mangel an Urteilskraft ist eigentlich das, was man Dummheit nennt, und einem solchen Gebrechen ist gar nicht abzuhelfen" (Fußnote in K.d.r.V., B 173)
    Wohlgemerkt kann dies auch auf sehr gelehrte Menschen zutreffen... die nur von ihrem Verstand keinen angemessenen Gebrauch zu machen scheinen.

    "bloß gibt es an der Uni so wenig zu lernen, daß man faul wird"... mag ja sein, dass das für die konkreten Anforderungen gelten mag, um das Studium gut abzuschliessen, aber dass es da insgesamt nicht genug gibt, kann ich mir nicht vorstellen... oder haben Sie nur zwei Bücher in der Bibliothek?
    Wenn Sie schon so lernfähig sind, dass der Stoff ihres Studiums sie unterfordert, dann gehen Sie doch darüber hinaus! Da über Langeweile zu klagen, ist nicht nur überheblich, sondern auch noch ziemlich dumm, wenn ich mir das erlauben darf, und zwar in dem Sinne, dass es Ihnen an Urteilskraft zu mangeln scheint. Aber wenn man Immanuel Kant glauben will, können Sie sowieso nicht viel daran machen
    "Der Mangel an Urteilskraft ist eigentlich das, was man Dummheit nennt, und einem solchen Gebrechen ist gar nicht abzuhelfen" (Fußnote in K.d.r.V., B 173)
    Wohlgemerkt kann dies auch auf sehr gelehrte Menschen zutreffen... die nur von ihrem Verstand keinen angemessenen Gebrauch zu machen scheinen.

    "bloß gibt es an der Uni so wenig zu lernen, daß man faul wird"... mag ja sein, dass das für die konkreten Anforderungen gelten mag, um das Studium gut abzuschliessen, aber dass es da insgesamt nicht genug gibt, kann ich mir nicht vorstellen... oder haben Sie nur zwei Bücher in der Bibliothek?
    Wenn Sie schon so lernfähig sind, dass der Stoff ihres Studiums sie unterfordert, dann gehen Sie doch darüber hinaus! Da über Langeweile zu klagen, ist nicht nur überheblich, sondern auch noch ziemlich dumm, wenn ich mir das erlauben darf, und zwar in dem Sinne, dass es Ihnen an Urteilskraft zu mangeln scheint. Aber wenn man Immanuel Kant glauben will, können Sie sowieso nicht viel daran machen
    "Der Mangel an Urteilskraft ist eigentlich das, was man Dummheit nennt, und einem solchen Gebrechen ist gar nicht abzuhelfen" (Fußnote in K.d.r.V., B 173)
    Wohlgemerkt kann dies auch auf sehr gelehrte Menschen zutreffen... die nur von ihrem Verstand keinen angemessenen Gebrauch zu machen scheinen.

    • cernia
    • 19. Januar 2010 15:11 Uhr

    unterforderten Führungskräfte bemitleiden? Immerhin können sie sich noch aussuchen, wie sie ihre Freizeit mit teueren Hobbies etc. gestalten.
    Interessanter und gesellschaftlich relevanter wäre die Frage nach dem "Bore-out" der Arbeitslosen. Die sich mangels guten Gehalts auch nicht am Golfplatz abreagieren können.
    c.

  3. ich weiss grad nicht was mich mehr stressen würde. Die Angst entdeckt zu werden oder dann eben nicht... Nun ja, im laufe meines Lebens habe ich irgendwie gelernt mit "meiner ureigenen Langeweile" umzugehen... Schon den Schulbetrieb fasnd ich eher banal, dafür habe ich alle möglichen Erwachsenen mit komplizierten Fragen gelöchert. Besonders Langweilig wurde es mir immer dann wenn ich mich mit Antworten wie "das musst Du jetzt aber noch nicht wissen, gell" abfinden musste... Haben mich nun die anderen in die Langeweile getrieben oder ich mich selber? Ach was, es waren die anderen... ganz klar. Immerhin war es ja nicht ich der die endlosen zivilisatorischen Zwangsjacken und Korsette erfunden hat ohne die ich munter auskommen könnte... aber deren Grenzen und Vorstellungen mich nur all zu oft beschränkt haben so ich es dann aus bequemlichkeit zugelassen habe... :-) Ach ja, so kann das Leben auch in bequemlichkeit vergehen ohne jegliches schlechtes Gewissen. Herrlich..

  4. Stressig empfinde ich Arbeitssituationen, in denen sehr viel Fleissarbeit in hohem Tempo erledigt werden muss. An sich langweilige Tätigkeiten aber immer nur schnell schnell, das schafft zwar Druck und Hetze aber lastet trotzdem nicht aus.

  5. wie die Sache wirklich steht, aber ich bin der einzige in meinem Bekanntenkreis, der zugibt, dass er sich langweilt. Von den meisten hört man zwar nicht, dass sie überfordert wären, aber sie machen eine Menge Überstunden und haben viel Stress. So berichten sie. Und wohl kommen sie auch sehr spät von der Arbeit nach Hause. Wenn sie von der Arbeit erzählen, dann versuchen sie es als eine Art Klage erscheinen zu lassen, "Viel zu tun...Keine Zeit...". Aber es schwingt immer der Stolz im Hintergrund mit. Man ist gefragt/wichtig. Das ist heutzutage ein Statussysmbol.

    So ist auch der Burn-Out zwar an sich eine schlimme Sache, aber gesellschaftlich anerkannt und man braucht sich weißgott nicht darüber zu schämen. Den Bore-Out, obwohl auch dieser auch schlimm sein kann, werden nur wenige zugeben.

    Ich persönlich habe gelernt mit ständiger Unterforderung zu leben. Meine Weltsicht erlaubt es mir sehr gut, wenig zu produzieren. Und der Konsum hält sich auch sehr in Grenzen.

  6. wer stundenlang an der ,,hotelbar,, sitzt, den pastor fragt wer den der richtige ist. in disco kommt man kaum noch rein, der mann erscheint wie vater könnt es sein.
    dann lieber kamschatka, mit viel zu tun so ganz allein, im mondenschein.
    ps.
    besonders wenn man jura studiert, aus paderborn kommt, und jede woche aus münchen die mutter anruft, ,,mama ich komme,, !

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Frankfurter Buchmesse | Führungskraft | Stress
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