Die These war gewagt. Ein "Tabu-Bruch". Nicht der Burn-out sei das Hauptproblem unserer Arbeitswelt. Sondern der, Achtung: Wortspiel, Bore-out. Also das genaue Gegenteil. Stete Langweile, Desinteresse und Unterforderung, die einen buchstäblich krank machen. Gut zwei Jahre ist es her, da sorgten die Schweizer Unternehmensberater Philippe Rothlin und Peter Werder mit ihrem Buch "Diagnose Bore-out" für Furore. Auf der Frankfurter Buchmesse wurde es sogleich für zwei Preise nominiert, und alle berichteten sie darüber, der Stern und die Frankfurter Allgemeine Zeitung , der Spiegel und die Süddeutsche Zeitung , die taz und all die Wirtschaftsmedien. Ja, auch DIE ZEIT in ihrer Ausgabe vom 05.07.2007 . Und jetzt?

Bore-out ist ein "Hoax", ein "Modeleiden" sagen die einen, zum Beispiel Beda Stadler, Direktor des Instituts für Immunologie der Uni Bern. Bore-out ist "Wortgeklingel", sagt Kurt Stapf, Direktor des Psychologischen Instituts an der Uni Tübingen. "Bore-out gibt es", beharrt Philippe Rothlin. Nein, einen wissenschaftlichen Beweis könne er nicht liefern, sagte er auf Nachfrage. Er habe ja zunächst auf "ein Phänomen" aufmerksam machen wollen. Rothlin und Werder übersetzen es mit "Ausgelangweilt-Sein" ­– eine Erklärung, die ihre These allerdings mit einem Wort wieder diskreditiert. Und sie beziffern den gesamtwirtschaftlichen Schaden auf 250 Milliarden Euro, allein in Deutschland. Allerdings ohne genau zu erklären, wie sie auf diese Zahl kommen.

Und doch – da sind Fälle wie der von Herrn A. Er ist 42 Jahre alt, ein IT-Experte, seit gut 15 Jahren schon. Erst Netzwerkadministrator, dann Consulter, mittlerweile Systemadministrator in einem Großkonzern, immerhin der einzige für die gut 150 Mitarbeiter einer Tochterfima. Doch im Grunde, sagt er, "leide ich seit meiner Lehrzeit an Unterforderung". Er hat studiert, sich hernach weiter gebildet, die Firma gewechselt, mit seinem Chef geredet, ja, dann auch "mal ein Projektchen" bekommen, wie er es nennt. A. hat mithin vieles von dem unternommen, was an dieser Stelle immer wieder gern empfohlen wird. "Aber es hat nichts gebracht." Ob er sich den falschen Beruf ausgesucht hat? Der Job sei ja "nicht uninteressant", sagt Herr A dann.

Vier von zehn Managern fühlen sich unterfordert, behauptet das Online-Stellenportal www.stepstone.de . Mehr als 5000 Führungskräfte hat es nach eigenen Angaben befragt, und während nur 14 Prozent über Überlastung klagten, gaben 39 Prozent an, sie fühlten sich unterbeschäftigt. Die Bundesagentur für Arbeitsschutz hingegen sieht nach eigenen Untersuchungen 14 Prozent der Arbeitnehmer als fachlich unterfordert an, fünf Prozent als überfordert. Auch Buchautor Werder selbst schätzt, dass maximal 15 Prozent der Beschäftigten von Bore-out betroffen sind. Ebenso wie Burn-out ist Bore-out aber keine offiziell anerkannte Krankheit. Und doch nehmen die Krankheitstage und Frühberentungen aus psychischen Gründen zu. Wer in Behandlung ist, dem wurde vielfach Depression diagnostiziert.

"Die Gefahr des Bore-out scheint gegeben" – das ist auch das Ergebnis einer neueren empirischen Studie, die an der Fachhochschule der Wirtschaft Hannover entstanden ist. Dabei gehe es jedoch keineswegs um ein neues Syndrom, resümiert Autor Daniel Beye, sondern um eine bekannte Problematik mit neuem Namen. Allerdings sei die Zahl derer, die tatsächlich unterfordert seien, "nicht signifikant groß". Auch Langeweile im oder Desinteresse am Job hält Beye als Faktoren für "nicht maßgeblich". Vorrangig gehe es um qualitative wie quantitative Unterforderung. Sie entsteht beispielsweise, weil von Anfang an der falsche Beruf gewählt wurde. Weil man überqualifiziert ist. Oder weil die vorhandene Arbeit schlecht verteilt ist.

Und zwar vorwiegend im Dienstleistungsbereich. Denn ein Bauer beispielsweise, der kann zwar mal langsam arbeiten, bisweilen auch mal faul sein. Aber nicht so tun als ob. Ähnlich sieht es beim Maurer, beim Schweißer, dem Tischler aus. Potenziell betroffen sind also vor allem jene, die erstens am Schreibtisch arbeiten und zweitens ihr Arbeitsvolumen selbst steuern können. Das Problem entsteht also überwiegend in Versicherungen, Banken oder Verwaltungen. Und dort, wie die Tätigkeit stets wiederkehrt.

"Selbst wer unterbeschäftigt ist, betont, wie stressig sein Job ist", sagt Rothlin. Und bleibe auch mal demonstrativ lange, nutze Alternativangebote wie Internet und E-Mail, berufe Sitzungen ein, wo keine nötig seien. "Das Problem ist, dass es gewisse Zeiten gibt, wo jemand da sein muss, um ansprechbar zu sein", sagt A. "Also hockt man da und wartet auf das berühmte Ergebnis". Wie in seinem Fall herrscht in vielen Unternehmen eine "Anwesenheitskultur". Und stets geben sich die Kollegen geschäftig. Denn: Stress ist sozial erwünscht.