Martin Reckweg: "Von der Zeit mit meinem Kind profitiere ich bis heute"
Martin Reckweg, Chefredakteur von Radio Bremen, nahm vor 18 Jahren als einer der ersten Männer beim NDR Elternzeit. Heute setzt er sich für berufstätige Eltern ein.
© Ian Waldie/Getty Images

Zum Beispiel Baby-Schwimmen: Männer in Führungspositionen haben es schwer, viel Zeit für die Familie aufzubringen. Nur wenige Führungskräfte nehmen Elternzeit
Lassen sich Führungsaufgaben in einem Unternehmen und Familie miteinander vereinbaren? ZEIT ONLINE stellt Menschen in Entscheidungspositionen vor, die neue Wege für eine Vereinbarkeit von Kind und Karriere probieren. Wer Vorschläge dazu hat, darf sich gerne an die Redaktion wenden.
ZEIT ONLINE: Herr Reckweg, Sie sind Vater von zwei Söhnen und Chefredakteur eines öffentlich-rechtlichen Rundfunksenders. Als Sie vor 18 Jahren in Elternzeit gingen, waren sie Abteilungsleiter beim NDR – ein Mann in einer Führungsposition, der freiwillig aus dem Job geht, um sich um sein Baby zu kümmern. Wie kamen Sie auf diese Idee?
Martin Reckweg: Ich war damals als Redaktionsleiter im NDR-Landesstudio Hannover für den Hörfunk und für 20 Mitarbeiter zuständig. Meine Frau ist auch berufstätig. Sie ist Fernsehjournalistin und ihr ist der Beruf ebenfalls sehr wichtig. Als unser Sohn geboren wurde, hat das alles auf den Kopf gestellt. Unser ganzes Leben hat sich grundlegend verändert. Auf einmal hatte ich meine gewohnten Freiheiten nicht mehr, aber dafür ganz neue. Es war eine sehr intensive Erfahrung. Und sehr schnell ist bei mir der Wunsch entstanden, mein Kind in seinen ersten Lebensmonaten den ganzen Tag zu begleiten. Meine Frau konnte meinen Wunsch verstehen. Es war toll, dass sie auf einen Teil dieser intensive Zeit mit dem Kind verzichtet hat und ich dann zu Hause war. Aber erst, als unser Kind ein halbes Jahr alt war. Meine Frau ist dann wieder arbeiten gegangen. Das hatten wir von vornherein abgemacht, dass nur jeweils einer zu Hause bleibt.
ZEIT ONLINE: Und wie haben Ihre Vorgesetzten und Kollegen reagiert? Immerhin waren Sie der erste Mann, der für zumindest ein halbes Jahr den Abteilungsleiterjob hat sein lassen und sein Kind in den Mittelpunkt seines Lebens gestellt hat.
Reckweg: Es gab keine Vorbilder und ich hatte eine Vorgesetzte ohne Kinder, die meinen Wunsch nicht verstehen konnte. Sagen wir, er kam mindestens überraschend für sie. Es sorgte tatsächlich für Aufsehen, dass ich als Mann Elternzeit nehmen wollte. Aber es hat sich eine breite Unterstützerschaft für mich unter den Kollegen und – was noch viel wichtiger ist – auf Führungsebene gebildet, die alle dafür votierten, es zu probieren. Ein wenig war meine Elternzeit auch ein Experiment für andere Väter beim NDR.
ZEIT ONLINE: Wie haben Sie die Zeit mit Ihrem Kind erlebt?
Reckweg: Es war eine wunderschöne Zeit, die zu den schönsten in meinem Leben gehört. Der intensive Kontakt mit meinem Kind war für mich sehr bereichernd. Ich muss sogar sagen, dass ich bis heute von dieser Zeit profitiere. Ich habe es genossen, die Rolle zu wechseln, und sicher habe ich auch neue Qualifikationen in dieser Zeit erworben. Die Reaktionen aus der Umwelt waren durchweg positiv, selbst wenn ich der einzige Vater auf dem Spielplatz war. Langeweile ist auch nicht aufgekommen, jeden Tag passiert ja etwas Neues mit einem kleinen Kind. Außerdem habe ich die ganze Elternzeit über den Kontakt in die Redaktion gehalten und wurde beispielsweise weiterhin in Personalentscheidungen miteinbezogen. Das war entscheidend: Sowohl mein Ausstieg als auch mein Wiedereinstieg waren von vornherein sehr gut und gründlich vorbereitet, so dass es auch gedanklich nie ein ganzer Ausstieg aus dem Beruf war.





Es ist wirklich schön zu hören, welche Gedanken sich ein Mensch und auch noch männlich, sich um sein Kind macht.
Das Kind wird bestimmt eine schöne Zukunft haben.
(Keine finanzielle/gesundheitliche Prognose, rein menschlich, emotional.)
Allein zu wissen das jemand da ist für einen, der sich kümmert und einen mag und liebt, ist heute ja schon unbezahlbar geworden.
Viele Kinder hätten bestimmt auch gern so einen Papa.
Auch ohne Elternzeit.
Viel Glück wünsche ich Ihnen und den Ihren
Sehr geehrter Herr Reckweg,
dass heute am Weltfrauentag in mehreren öffentlich-rechtlichen Medien die Problematik der Vereinbarkeit von Familie und Beruf aus der Perspektive von Vätern dargestellt wird, ist ein erlösendes Ergebnis der bisherigen Arbeit derjenigen, die sich als Väter für ihre Kinder eingesetzt haben - so auch Sie.
Vor einigen Jahren hatte ich ein Interview über die Unzterschiede bei der Betreuung der Kinder durch Väter. Ich war erstaunt, dass mein zweiter Sohn all das, was ich mir mühsam erkämpfen musste (ich schob im Jahr 1966 u.a. den Kinderwagen meines ersten Sohnes stolz durch die Straßen) von ihm als selbstverständlich wie aus dem Ärmel geschüttelt als normal benannt wurde, obwohl ich ihn wegen der Scheidung nur bedingt begleiten durfte.
Mit meiner jüngsten Tochter, Geburtsjahr 1990, konnte ich aufgrund meiner Arbeitslosigkeit und Nebentätigkeit viel Zeit mit ihr verbringen. Ihre angedeuteten Erfahrungen kann ich nur bestätigen.
Deshalb freue ich mich und sehe es als eine neue Qualität an, dass Väter darin von offizieller Seite dahingehend unterstützt werden, die Zukunft ihrer Kinder mit zu gestalten. Es ist dringend erforderlich und führt hoffentlich zu einer Geschechterdemokratie, die auf die Zukunft ausgerichtet ist.
Horst Schmeil
Dipl.-Pädagoge, Verfahrenspfleger und
Berater in Kindschaftsverfahren
Kind-Vater-Mutter-Begegnungsstätte Lindenhof.Ketzin
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