Ein Tag, ein Ziel, ein neuer Job: Heute möchte ich professionelle Fundraiserin werden. So nennt man die Menschen, die gemeinnützigen Organisationen dabei helfen, Spenden oder sonstige Leistungen einzuwerben - und mit dieser Arbeit ihren Lebensunterhalt bestreiten. Deshalb habe ich mich für das Tagesseminar "Fundraising in der Praxis" bei der Deutschen Fundraisingakademie angemeldet. Die Akademie ist die Bildungseinrichtung des Deutschen Fundraising Verbands, einem Zusammenschluss der professionellen Sammler. Und Sammel-Profis sollen sehr gefragt sein.

"Ja, das stimmt! Fundraiser haben beste Karriereaussichten. Es gibt einfach zu wenige", bestätigt Seminarleiterin Hilde Gaus zur Einführung. Sie ist klein und zierlich, trägt ihre grau melierten Haare als Pagenschnitt. Fast 20 Teilnehmer sind gekommen. Nein, falsch: Teilnehmerinnen. Und ein Mann. Roland Strehlke ist Fundraiser bei der Stiftung Kaier-Wilhelm-Gedächtniskirche. Er sammelt Geld zur Restaurierung und Renovierung der beliebten Kirche in Berlin. "Herr Strehlke ist bestimmt schon ein ausgebuffter Profi", sagt Hilde Gaus. So wie sie: Gaus arbeitet als selbstständige Fundraiserin für den Kinderschutzbund in Darmstadt, für eine große Behinderteneinrichtung, eine Elternhilfe und eine Jugendeinrichtung. Zur Fundraisierin wurde die Pädagogin, als der Kinderschutzbund Mitte der neunziger Jahre in Finanznöte kam. Gaus beschaffte der Einrichtung neue Gelder, neue Ehrenamtliche, neue Räume – und sich selbst damit eine neue berufliche Aufgabe.

Heute ist sie gut im Geschäft. Bezahlt werden die selbstständigen Geldbeschaffer nach einem festen Stundensatz, "auf keinen Fall nach Provision. Dann würden Sie die echten Bedürfnisse der Organisation außer Acht lassen." Zwischen 125 und 250 Euro verdienen die meisten Profis in der Stunde, die Tagessätze liegen zwischen 500 Euro und 2000 Euro. Festangestellte Fundraiser bekommen zwischen 30.000 und 70.000 Euro im Jahr. Die Ausbildung erfolgt in einem zweijährigen Fernstudium an der Deutschen Fundraisingakademie, der Rest sei "Training on the Job", manchmal auch ein Crashkurs wie der, in dem ich gerade sitze. Die meisten professionellen Fundraiser sind Quereinsteiger: Juristen, Betriebswirtschaftler, Sozialarbeiter, Marketingexperten.

Einige der Teilnehmer sind auf der Suche nach einer neuen beruflichen Tätigkeit. Andere wollen für ihre eigene Organisation Geld sammeln, wie die Geschäftsführerin einer privaten Klinik oder die Ehrenamtliche aus einem Hospiz. Die eine sammelt Geld für die Restaurierung des berühmten Canaletto-Bildes in Dresden, die andere für den Naturschutz, die Dritte für eine amerikanische Kirchengemeinde und die Vierte für die Flüchtlingshilfe. Politische Bildung, Karitatives, Umweltschutz oder die Förderung junger Designer – unser Kurs zeigt die volle Bandbreite gemeinnützigen Engagements.

Auf gelben und blauen Zetteln schreiben wir zuerst unsere Fragen auf. Dann hechtet Hilde Gaus mit uns durch den Theorieteil des Seminars. "Wir haben nur sehr wenig Zeit, und Sie wollen ja so viel wie möglich mitnehmen!", sagt sie und fährt den Rechner hoch. Sie wirft einige Slides an die Wand. "Fundraising kommt aus dem Amerikanischen", sagt sie. Klick. "Fund sind die Mittel, und to raise heißt vergrößern. Es geht also um die Beschaffung von Mitteln." Klick. Klick. "Auch Ehrenamtliche fallen unter den Begriff. Beziehungs-Fundraising nennt man das." Jetzt die Zahlen: Über 600.000 Vereine gibt es in Deutschland und mindestens 280.000 gemeinnützige Organisationen. Mehr als 80.000 Einrichtungen sammeln Spenden. Allerdings kommen 85 Prozent der Spenden bei nur 250 Organisationen an. Und das Spendenaufkommen stagniere, so Gaus. Das Erdbeben in Haiti fache zwar die Spendenbereitschaft an – allerdings bekommen diejenigen, die sich nicht um Erdbebenopfer kümmern, derzeit weniger Spenden als zu normalen Zeiten.

Nun bläut uns die Trainerin das verwalterische Know-how ein: Kein Fundraising ohne transparente Geschäftsberichte, exakte Projektkalkulationen und offene, saubere Bücher. Zum Thema Steuern und Vereinsrecht empfiehlt Gaus Literatur und teilt eine Liste aus. Sie teilt überhaupt sehr viel Material aus. Am Ende des Tages schleppt jeder einen dicken Papierstapel mit nach Hause.

Dann ist Kaffeepause. Die Teilnehmer aus dem Kulturbereich tauschen schon mal Karten aus, die aus den sozialen Einrichtungen sind noch etwas zurückhaltend. Andere richten sich mit ganz konkreten Fragen an die Trainerin. "EU-Anträge! Das ist fuuuurchtbar kompliziert!", ruft sie und rät einer Frau von dem Vorhaben ab. Einige wenden sich schon ab. Zu kompliziert. Erst einmal die grundlegenden Fragen klären. Irgendwann klatscht Gaus in die Hände, und der Kurs geht weiter.