BehinderteKarriere mit Handicap

Ein Mann mit Glasknochenkrankheit macht Karriere als Kinderarzt, eine blinde Frau ist eine erfolgreiche Redakteurin. Zwei Menschen mit Behinderungen erzählen. von Heidrun Wulf-Frick

Finger gleiten über einen Text in Blindenschrift

Lesen, studieren, promovieren: Blinde und viele andere Menschen mit einr Behinderung können sehr wohl eine steile Karriere machen. Behindert werden sie eher durch äußere Grenzen, nicht durch ihr Handicap  |  © China Photos/Getty Images

Angela Keller ist 43 Jahre alt und seit Geburt blind. Die studierte Psychologin arbeitet beim Südwestrundfunk in Freiburg als Dokumentationsredakteurin. Sie archiviert Sendungen und Beiträge über ihr Computerprogramm, mit dem sie Texte lesen und anhören kann.

"Zwischen 1988 und 1995 habe ich in Freiburg Psychologie studiert. Das hat Spaß gemacht. Aber im Studium war es schwierig, Praktika zu bekommen. Heute arbeite ich als Dokumentationsredakteurin beim Südwestrundfunk in Freiburg. Ich hatte lange einen kleinen Sehrest. Als Kind konnte ich noch Farben und Umrisse sehen. Mit der Punktschrift (Braille) habe ich schon immer gearbeitet. Mit der Hand schreibe ich nie, nur zum Unterschreiben. In meiner Kindheit und Jugend war ich in Blindenschulen. Das war der Unterschied zu den anderen Kindern: Ich musste ins Internat, die anderen nicht. Zuerst war ich in Heiligenbronn im Schwarzwald, danach auf einer Wirtschaftsschule in Stuttgart. In Marburg habe ich das Abitur gemacht. Psychologie wollte ich schon mit elf, zwölf Jahren studieren. Weil es auf dem Arbeitsmarkt nach dem Studium nicht einfach war, habe ich mir parallel überlegt, was ich noch machen könnte. Ich wollte nicht zu lange arbeitslos sein.

Angela-Keller
Die Journalistin Angela Keller

© Heidrun Wulf-Frick

Über die Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte hörte ich von der Ausbildung zur Wissenschaftlichen Dokumentarin. Voraussetzung war ein Hochschulabschluss, den ich ja zum Glück hatte. Mein Aufgabengebiet liegt im Hörfunkbereich Wort. Das heißt, ich archiviere Sendungen und Beiträge, bei denen davon ausgegangen wird, dass sie wieder verwendet werden können. Ich recherchiere zudem in Hörfunkdatenbanken für Wort, Musik, Geräusche. Die Grundausstattung für meinen Arbeitsplatz stellte das Arbeitsamt zur Verfügung: die teure Braille-Zeile, das Notizgerät. Am Computer arbeite ich mit einem Screen-Reader, der die Schrift auf die Braille-Zeile überträgt. Mit dem Programm kann ich alle Informationen lesen und per Sprachausgabe hören.

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Im Alltag  achte ich auf die Stimme, auf den Geruch, auf den Händedruck, auf Bewegungen. Ich merke schnell, ob mir jemand sympathisch ist. Manchmal erlebe ich, dass Leute auf eine grenzüberschreitende Art versuchen zu helfen. Häufig erhalte ich aber auch genau die Hilfe, die ich brauche. Was mir fehlt, ist, dass ich weniger spontan Sachen machen kann. Zu meinen Hobbys zählen Lesen oder Hörbuch hören. Außerdem laufe ich gerne.

Mein Mann, den ich seit der elften Klasse aus der Blindenstudienanstalt in Marburg kenne, hat einen Führhund, der braucht Auslauf. Manchmal fahre ich Tandem mit meiner Nachbarin. Seit drei Jahren arbeite ich Teilzeit. Ich versuche, mir mehr Dinge auf meine freien Tage zu legen, weil ich viel Zeit und Konzentration brauche für alltägliche Erledigungen, zum Beispiel den Haushalt und das Einkaufen. Wenn Post kommt, muss ich die erst einscannen, dann beschriften und ordnen. Es sind zigtausend Kleinigkeiten, die sich aufsummieren. Bei der Arbeit habe ich keine Probleme. Ich arbeite aber mit Datenbanken, das ist schnelllebig und es gibt viele Updates. Ich bin darauf angewiesen, dass die Software barrierearm oder barrierefrei ist. Oft gibt es Übergangszeiten, in denen nachprogrammiert werden muss. Das ist der Bereich, der anstrengend für mich ist. Es sind die Grenzen, die Angst machen, nicht die Angst vor Neuem."

Leserkommentare
    • sps74
    • 04. Februar 2010 7:38 Uhr

    Koennte Die Zeit eine Serie daraus machen?

    Ich schlage das Asperger Syndrom vor.

  1. Super Artikel. Bitte, bitte mehr davon - eine Serie wäre wirklich toll...in diesen Zeiten, wo alle denken, je stromlinienförmiger man ist und sich verhält, desto besser.

    Go for diversity!

  2. Ich kann mich nur meinen Vor"schreibern" anschließen. Mehr zu dem Thema! Denn es sind diese Biografien, die Mut machen!

    Angestoßen durch den Artikel haben ich ein wenig zum Thema im Netz recherchiert und hier zusammengefasst: http://www.kompass-blog.de/kompass-blog/blogpost/archive/2010/february/0...
    Ich freue mich über Ergänzungen oder Erfahrungsberichte.

    Verena Kurth

  3. Redaktion

    Liebe Leserinnen und Leser,

    danke für die nette Rückmeldung und die Anregung. Wenn Sie Vorschläge haben, dürfen Sie mir gerne unter tina.groll@zeit.de schreiben. Ich werde Ihre Anregungen aufnehmen und wir kümmern uns um das Diversity-Thema. Haben Sie herzlichen Dank!

    mit den besten Grüßen,

    Tina Groll

    ZEIT ONLINE, Redakteurin

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