Angela Keller ist 43 Jahre alt und seit Geburt blind. Die studierte Psychologin arbeitet beim Südwestrundfunk in Freiburg als Dokumentationsredakteurin. Sie archiviert Sendungen und Beiträge über ihr Computerprogramm, mit dem sie Texte lesen und anhören kann.

"Zwischen 1988 und 1995 habe ich in Freiburg Psychologie studiert. Das hat Spaß gemacht. Aber im Studium war es schwierig, Praktika zu bekommen. Heute arbeite ich als Dokumentationsredakteurin beim Südwestrundfunk in Freiburg. Ich hatte lange einen kleinen Sehrest. Als Kind konnte ich noch Farben und Umrisse sehen. Mit der Punktschrift (Braille) habe ich schon immer gearbeitet. Mit der Hand schreibe ich nie, nur zum Unterschreiben. In meiner Kindheit und Jugend war ich in Blindenschulen. Das war der Unterschied zu den anderen Kindern: Ich musste ins Internat, die anderen nicht. Zuerst war ich in Heiligenbronn im Schwarzwald, danach auf einer Wirtschaftsschule in Stuttgart. In Marburg habe ich das Abitur gemacht. Psychologie wollte ich schon mit elf, zwölf Jahren studieren. Weil es auf dem Arbeitsmarkt nach dem Studium nicht einfach war, habe ich mir parallel überlegt, was ich noch machen könnte. Ich wollte nicht zu lange arbeitslos sein.

Über die Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte hörte ich von der Ausbildung zur Wissenschaftlichen Dokumentarin. Voraussetzung war ein Hochschulabschluss, den ich ja zum Glück hatte. Mein Aufgabengebiet liegt im Hörfunkbereich Wort. Das heißt, ich archiviere Sendungen und Beiträge, bei denen davon ausgegangen wird, dass sie wieder verwendet werden können. Ich recherchiere zudem in Hörfunkdatenbanken für Wort, Musik, Geräusche. Die Grundausstattung für meinen Arbeitsplatz stellte das Arbeitsamt zur Verfügung: die teure Braille-Zeile, das Notizgerät. Am Computer arbeite ich mit einem Screen-Reader, der die Schrift auf die Braille-Zeile überträgt. Mit dem Programm kann ich alle Informationen lesen und per Sprachausgabe hören.

Im Alltag  achte ich auf die Stimme, auf den Geruch, auf den Händedruck, auf Bewegungen. Ich merke schnell, ob mir jemand sympathisch ist. Manchmal erlebe ich, dass Leute auf eine grenzüberschreitende Art versuchen zu helfen. Häufig erhalte ich aber auch genau die Hilfe, die ich brauche. Was mir fehlt, ist, dass ich weniger spontan Sachen machen kann. Zu meinen Hobbys zählen Lesen oder Hörbuch hören. Außerdem laufe ich gerne.

Mein Mann, den ich seit der elften Klasse aus der Blindenstudienanstalt in Marburg kenne, hat einen Führhund, der braucht Auslauf. Manchmal fahre ich Tandem mit meiner Nachbarin. Seit drei Jahren arbeite ich Teilzeit. Ich versuche, mir mehr Dinge auf meine freien Tage zu legen, weil ich viel Zeit und Konzentration brauche für alltägliche Erledigungen, zum Beispiel den Haushalt und das Einkaufen. Wenn Post kommt, muss ich die erst einscannen, dann beschriften und ordnen. Es sind zigtausend Kleinigkeiten, die sich aufsummieren. Bei der Arbeit habe ich keine Probleme. Ich arbeite aber mit Datenbanken, das ist schnelllebig und es gibt viele Updates. Ich bin darauf angewiesen, dass die Software barrierearm oder barrierefrei ist. Oft gibt es Übergangszeiten, in denen nachprogrammiert werden muss. Das ist der Bereich, der anstrengend für mich ist. Es sind die Grenzen, die Angst machen, nicht die Angst vor Neuem."

Seine Krankheit macht ihn nicht zerbrechlich

Dr. Jörg Oliver Semler hat die Glasknochenkrankheit. Der 34-Jährige arbeitet engagiert als Kinderarzt und Wissenschaftler an der Uniklinik Köln. 2009 war er mit einem Forschungsstipendium in Kanada und wurde mit dem Integrationspreis des Sozialverbandes VdK NRW ausgezeichnet.

"Ob ich von Krankheit oder Behinderung spreche, macht keinen Unterschied. Was ich zu vermeiden versuche, ist der Ausdruck, "an etwas leiden". Ich nenne es "von einer Krankheit betroffen" sein. Glasknochen sind eine angeborene genetische Mutation, bei der die Knochen ungewöhnlich brüchig sind. Bei mir handelt es sich um eine mittlere Verlaufsform der Erkrankung. Ich hatte etwa 30 Brüche in meiner Kindheit und Jugend und bin nur 1,40 Meter groß. Die Brüche werden deutlich weniger oder hören nach Abschluss der Pubertät auf. Wahrscheinlich könnte ich jetzt Fußballspielen oder Skifahren.

Aber bei Dingen, die man als Glasknochenpatient in der Kindheit nicht lernt, ist man einfach "gebrechlich" im wörtlichsten Sinne. Dass ich heute ein Vorbild bin, ist für die Eltern meiner Patienten fast wichtiger als für die Kinder. Die Eltern stellen sich ja die Frage, was wird aus unserem behinderten Kind? Und da denke ich, ist es schon hilfreich zu sehen, dass man trotz der Behinderung etwas aus seinem Leben machen kann und es auch Sinn macht, dafür zu kämpfen. Glasknochen sind eine reine Körperbehinderung und haben keinen Einfluss auf die geistige Entwicklung. Deshalb ist eine gute Schulausbildung von entscheidender Bedeutung. Wir verdienen später eher unser Geld durch intellektuelle Leistungen als durch schwere körperliche Arbeit. Die Lebenserwartung von Glasknochenkranken ist normal. Leider habe ich oft genug mit Kollegen zu tun, die sagen, um diese Kinder kümmern wir uns nicht, die werden eh nicht älter als drei oder vier Jahre. Bundesweit gibt es rund 5000 Betroffene.

Ab der sechsten oder siebten Klasse war für mich klar, dass ich Medizin studieren wollte. Ich habe Ärzte immer als etwas Positives erlebt. Daraus hat sich der Wunsch entwickelt, auf der anderen Seite der Bettkante zu stehen. Als Kinderarzt kann ich mein Handicap als Vorteil nutzen. Dass ich bestaunt werde und auffalle, ist klar. Wenn ich den Gang am Wartezimmer vorbeigehe, heißt es: "Mama, guck mal der kleine Mann!" Wenn ich bei einem Kongress durch die Eingangshalle gelaufen bin, wissen alle, dass ich da war. Das muss ich akzeptieren. Wofür ich kämpfe, ist, dass wenn man mit einer Behinderung die Karriere beginnt und sich entwickelt, man genau das gleiche Recht hat, Fehler zu machen und auf sie hingewiesen und korrigiert zu werden wie jeder andere. Häufig erlebe ich Unsicherheit – nach dem Motto: "Müssen wir nicht an der Leistung, die er erbringt, Abstriche machen, weil er behindert ist?" Aber ich bin auf fachlichen Gebieten konkurrenzfähig und möchte mit genau dem gleichen Maß gemessen werden wie andere. So war ich 2009 für vier Monate mit einem Forschungsstipendium in Montreal und konnte dort wissenschaftlich arbeiten.

In den letzten Jahren habe ich mich viel um Kinder und Jugendliche gekümmert. Für die nächsten Jahre wäre es mein Ziel, in Köln eine feste Anlaufstelle auch für Erwachsene mit einer Glasknochenerkrankung zu etablieren. Damit Patienten nicht mit dem 18. Lebensjahr vor die Tür gesetzt werden müssen. Wir haben das vor einem Jahr mit einer Sprechstunde angefangen, die eine Internistin und ich gemeinsam anbieten. Als Zusammenarbeit funktioniert das sehr gut. Mein Arbeitgeber, die Uniklinik, hat übrigens keine Zusatzkosten durch mich. Nur meine Arztkittel müssen umgenäht werden. Weil ich nicht in die Standardgrößen passe."

Protokolle: Heidrun Wulf-Frick