Alleinerziehende "Ich war der einzige Mann mit einer Teilzeitstelle"
Manfred Schreiber wurde mit 37 Witwer und zog vier Kinder alleine groß. Wie er Familie und Job unter einen Hut brachte, erzählt er im Interview.
© Archive Photos/Getty Images

Der Hausmann ist immer noch ein Exot, damals wie heute. Das Bild zeigt den amerikanischen Schauspieler Robert Mitchum
Lassen sich Vollzeitarbeit und Familie miteinander vereinbaren? ZEIT ONLINE stellt Menschen vor, die neue Wege für eine Vereinbarkeit von Kind und Karriere probieren. Im zweiten Teil der neuen Serie erzählt der ehemalige Beamte Manfred Schreiber, wie er durch einen Schicksalsschlag zum alleinerziehenden Vater von vier Töchtern wurde und wie er am Spagat zwischen Familie und Beruf scheiterte, aber eine neue Herausforderung in der Familienpolitik fand. Wer Menschen kennt, welche die Herausforderung zwischen Job und Familie gemeistert haben, darf sich gerne an die Redaktion wenden.
ZEIT ONLINE: Herr Schreiber, im Hintergrund rufen Kinder. Sind das Ihre Enkel?
Manfred Schreiber: Ja, das ist mein Enkelkind und andere Kinder. Ich bin gerade mit meiner Tochter und meinem Enkelkind auf dem Spielplatz.
ZEIT ONLINE: Sie können es also nicht lassen, was?
Schreiber: (lacht) Ja. Für meine Enkel will ich natürlich da sein.
ZEIT ONLINE: So wie Sie es vor 30 Jahren für Ihre Kinder waren. Sie haben vier Töchter alleine großgezogen und mussten dafür viele Kompromisse im Job machen. Wie kam das?

Zog vier Töchter alleine auf: Manfred Schreiber
Schreiber: Die Entscheidung war unfreiwillig, wie wohl bei den meisten Männern. Ich hätte den Ausstieg aus dem Beruf und das Leben als Vater und Hausmann wohl nicht geführt, wenn ich es nicht gemusst hätte. Männer wechseln die Rolle nur, wenn sie es müssen oder ungewöhnliche Situationen haben, in denen sie sich das erlauben können. Ich kam in diese Situation, weil meine Frau bei der Geburt unserer Zwillinge gestorben ist.
ZEIT ONLINE: Ein schwerer Schicksalsschlag. Sie hatten bereits Kinder?
Schreiber: Ja, wir hatten schon zwei Töchter, die eine war 6, die andere 3 Jahre alt. Ich war damals 37 Jahre alt und stand auf einmal da mit vier kleinen Kindern. Der Oberarzt der Entbindungsstation, wo das geschah, wollte mir helfen und hat ein sehr langes Gespräch mit mir damals geführt und sogar vorgeschlagen, dass ich die Kinder auch in ein Heim geben könnte. Aber das wäre für mich nicht infrage gekommen. Mein Vater allerdings, der hat mir später einmal gesagt, dass er wohl so gehandelt hätte. Er hätte nicht das gemacht, was ich gemacht habe.
ZEIT ONLINE: Sie haben sich der Verantwortung gestellt und die Kinder allein großgezogen. Wie haben Sie das bewerkstelligt, gerade in der ersten Zeit, mit zwei kleinen Säuglingen und zwei sehr kleinen Kindern?
Schreiber: Ehrlich gesagt weiß ich das selbst nicht mehr so genau. Für Trauer blieb jedenfalls wenig Zeit. Ich habe ja auch in den ersten Jahren noch Vollzeit gearbeitet. Das ging nur, weil ich eine Haushaltshilfe hatte. Die bekam ich anfangs über eine Kirchengemeinde in unseres Wohnorts, in der meine Frau zu Lebzeiten sehr aktiv war. Trotzdem war diese Lösung sehr kostspielig. Das musste ja bezahlt werden! Bei meiner Arbeit – ich war als leitender Beamter in der Baubehörde tätig – haben mir meine damaligen Vorgesetzten sehr geholfen. Man hat mich auf eine Stelle versetzt, in der ich meine Arbeitszeit freier einteilen konnte. Ich muss dazu sagen, dass es in der Behörde kaum Frauen gab, die außerhalb des Sekretariats arbeiteten. Ich war der einzige Mann auf einer Teilzeitstelle in einer Männerdomäne. Aber ich hatte viel Unterstützung von den Kollegen. Da war es möglich, auch mal später zu kommen oder früher zu gehen. Manchmal haben auch meine Schwiegereltern geholfen.
ZEIT ONLINE: Sie haben also irgendwann eine Teilzeitstelle angenommen?
Schreiber: Ja, die Betreuung war eine Herausforderung, organisatorisch und finanziell. Als ich in Teilzeit gearbeitet habe, ging es besser. Ich konnte mir die Arbeit so einteilen, dass ich von 9 bis 12 in der Behörde war und tageweise auch noch nachmittags. Ich musste ja auch an den Besprechungen teilnehmen. Insgesamt war diese Zeit aber finanziell sehr schwierig für mich und meine Kinder. Ich habe immer wieder Bittbriefe geschrieben. Einmal sogar an den damaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg.
ZEIT ONLINE: Was war die schwerste Zeit?
Schreiber: Zum Problem wurde die strukturelle Unvereinbarkeit von Arbeit und Familie, als meine Behörde umstrukturiert und ich versetzt wurde. Da waren die Kleinsten gerade 6 Jahre alt, die Älteste 12. Ich hatte einen Chef, der wenig Verständnis für die familiäre Situation der Mitarbeiter hatte. Ob diese Kinder hatten oder nicht spielte für ihn keine Rolle, hauptsache war, dass man 10, manchmal 12 Stunden lang im Büro war. Er hat das gleiche zeitliche Engagement von seinen Mitarbeitern verlangt, das er sich selbst abforderte. Das war für mich nicht zu schaffen. Die Belastung war sehr groß, ich erkrankte. Irgendwann wurde ich früh verrentet – mit Anfang 40.
ZEIT ONLINE: Es klingt, als hätten Sie das nicht als Entlastung empfunden?
Schreiber: Nein, der Verlust meiner Arbeit war sehr hart für mich. Auch wenn ich jetzt Zeit für meine Kinder hatte und durch die Rente auch unsere finanzielle Situation gesichert war. Doch die Rolle als Hausmann und Vater war mir zu wenig. Es tritt, wenn man nicht mehr berufstätig ist, ja auch eine Isolation ein. In meinem Beruf bin ich häufig zu Besprechungen in das Ministerium gefahren, das fiel jetzt alles weg. Ich habe dann sehr schnell begonnen, mich politisch zu engagieren, und habe im Alleinerziehenden-Verband mitgewirkt. Dort wurde ich bald zum Vorsitzenden des Ortsvereins, später zum stellvertretenden Vorsitzenden im Landesverband gewählt. Und so habe ich die Familienpolitik für mich entdeckt. Ich mischte mich in die Stadtpolitik ein und habe mir über das Engagement Schritt für Schritt ein ähnliches Tätigkeitsprofil geschaffen wie in meinem Beruf. Und das Beste war: Ich konnte diese Arbeit flexibel mit der Erziehung meiner vier Töchter verbinden. Ich bin später auch Vorsitzender der Familienverbände der Stadt Freiburg geworden.
ZEIT ONLINE: Sie sind aber nie wieder in den Beruf zurückgekehrt?
Schreiber: Nein, ich war irgendwann viel zu lange raus. Da wollte mich niemand mehr einstellen, an eine Rückkehr in den Beruf war also nicht zu denken. Im Grunde habe ich das erlebt, was sonst die Frauen erleben. Ich hatte es in den Verbänden auch überwiegend mit Frauen zu tun.
ZEIT ONLINE: Profitieren Ihre Töchter heute davon, dass sie diesen Rollentausch an ihrem Vater erlebt haben?
Schreiber: Meine Töchter haben alle studiert, zwei sind schon selbst Mutter – aber sie leben nicht völlig andere als die gesellschaftlich verbreiteten Rollenaufteilungen, nur weil es in Ihrer Kindheit nur einen Vater zu Hause gab. Meine Schwiegersöhne haben zwar die zwei Monate Elternzeit genommen, und kümmern sich dadurch um ihr Kind auch später noch, soweit der Beruf es erlaubt, aber es sind doch meine Töchter, die für die Erziehung ihrer Kinder überwiegend zuständig sind und die Karriere etwas zurückstellen, während die Schwiegersöhne den größeren Teil des Familieneinkommens durch weitgehend ununterbrochene Vollzeiterwerbstätigkeit beisteuern. Ich habe auch den Eindruck, dass die meisten jungen Väter durch die Elternzeit so gut es geht hindurchkommen. Der Stil, mit den Aufgaben in der Betreuung der Kinder umzugehen, ist ein anderer. Es ist eine Aufgabe, eine Herausforderung, aber keine neue Rolle. Immerhin gibt es jetzt diese zwei Monate, das ist ein Anfang. Es darf aber allein nicht dabei bleiben. Ich sehe das eher realistisch: Nach meiner Beobachtung ist die klassische Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern in der Gesellschaft sehr fest verankert. Es dauert lange, bis man gesellschaftliche Veränderungen erwirkt hat. Und ich muss ehrlicherweise auch sagen: Wenn ich noch einmal Familie gründen würde und mir würde dieser Schicksalsschlag nicht noch einmal passieren, ich würde und müsste mich wohl auch für die klassische Männerrolle entscheiden. Auch wenn das heißt, auf viele schöne, intensive Stunden mit seinen Kindern zu verzichten.
ZEIT ONLINE: Was würden Sie jungen Männern raten, die gerne den Rollenwechsel ausprobieren möchten?
Schreiber: Es zu wagen. Und nicht alleine sondern gemeinsam mit anderen dafür kämpfen. Noch immer dominiert auch von der Gesellschaft die Erwartung an die jungen Männer, dass sie die Ernährer der Familie sein müssen. Wer es andersrum probiert, hat es schwer. Gerade dort, wo Arbeitsplätze hart umkämpft und die Konkurrenz groß ist, kann man sich Familienarbeit, manchmal sogar Familie gar nicht leisten. Dabei wäre eine Gesellschaft, in der die Arbeit zwischen den Geschlechtern gleicher verteilt wäre, sicher eine schönere. Ich hoffe, dass die nachfolgenden Generationen über eine Umstrukturierung der Arbeitsgesellschaft und einen besseren Ausgleich mit der Familienwelt nachdenken. Doch dafür müssen wir noch viel kämpfen – politisch und ganz individuell.
Manfred Schreiber war leitender Beamter in der Baubehörde in einer Stadt in Baden-Württemberg. 1981 verlor er im Alter von 37 Jahren seine Frau und war plötzlich mit vier Kindern alleinerziehend. Viele Jahre lang versuchte er, Beruf und Kindererziehung miteinander zu vereinbaren. Später engagierte sich in der Familienpolitik. Er berät alleinerziehende Mütter und Väter. Wer Kontakt aufnehmen möchte, kann sich hier bei ihm melden.
Die Fragen stellte Tina Groll.
- Datum 05.02.2010 - 10:13 Uhr
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In der Tat sind die meisten Männer sehr karrierefixiert. Allerdings gibt es wie ich aus meiner Bekanntschaft berichten kann auch Ausnahmen. Ein Freund dessen Frau gut verdient hat seinen Beruf komplett aufgegeben und kümmert sich jetzt um Haus und Kinder. Es ist sozusagen ein Zwischending zwischen Hausfrau und Heimwerke und kommt damit wie ich unseren Gesprächen entnehme gut zurecht. Allerdings musste er dafür Anfangs auch über seinen Schatten und die Konventionen der Gesellschaft springen.
Persönlich könnte ich mir das für mich auch vorstellen, allerdings war dieses Denken für mich auch ein langer Weg da auch ich dahingehend stark von der Gesellschaft und ihren normalen Familienbild sowie Geschlechterrollen geprägt war.
ja und nun? Für Fachkräfte gibt es Firmen-Kinderbetreuung. Welche Konventionen? Mittelalter? Bayern BW?
Was möchten Sie uns sagen? Ironisch? Ernst?
SPO um verstanden zu werden...
Was möchten Sie uns sagen? Ironisch? Ernst?
SPO um verstanden zu werden...
Was möchten Sie uns sagen? Ironisch? Ernst?
SPO um verstanden zu werden...
Ich verstehe allen Ernstes diese Karrierefixiertheit bei Männern nicht, obwohl ich selbst einer bin....
Was wäre denn mein Lebenswerk im Laufe einer Karriere in der freien Wirtschaft?
Den Gewinn einer Firma von 14% auf sagenhafte 15% Prozent steigern (und dafür 500 Leute entlassen)? Wow, da weinen die Götter, welch Lebensinhalt! Das muss umbedingt auf dem Grabstein verewigt werden!
Und das Beste kommt noch: Dieses verdiente Geld dient zum Schluss hauptsächlich der Bank, ... Schuldendienst. Und diese Bank hat die Scheinchen per Kredit von der Zentralbank, ... die wiederum die Geldscheine ja überhaupt erst gedruckt hat!!
Wenn ich nicht gerade Derjenige bin der, gesetzlich abgesichert, Papier bedrucken und es Geld nennen darf, ... um anschließend die Zinsen für das Verleihen dieser bunten Papierschnipsel zu kassieren ... wozu das Ganze?
Dem Kunden durch ausgefeilte Produkte dienen? Jedes einzelne Stück Technik in einer Durchschnittswohnung könnte so konstruiert werden, dass es 50 Jahre durchhält. Wird es aber nicht. Es geht schließlich nicht um das Produkt.
Karriere? Das Leben der Firma widmen? Die Mafia hat mehr Loyalität ihren Angestellten gegenüber als die meisten Firmen in denen man Karriere machen kann. Wozu für jemanden Arbeiten dem ich egal bin?
Wenn man sich dieses Kasperletheater wirklich antun möchte, sollte man es für die Familie tun. Und wenn einem die Kumpelrunden im Büro lieber sind, dann bitte gar nicht erst eine Familie gründen.
Nach wie vor ist die ganze Diskussion über das Vereinbaren von Beruf & Elterndasein doch eine Farce. Pardon, aber wieviele Frauen können denn wirklich in ihren Beruf zurück? Ja, wir haben die Elternzeit, die durch monatliche Zahlungen den Eintieg in die Welt des Elterndaseins einfacher gestaltet. Aber nach wie vor hängen Unternehmen doch noch an ihren alten Strukturen fest. Will man arbeiten, muss man von min. von 8-17 Uhr am Arbeitsplatz sein, je nach Anstellung natürlich noch länger. Frauen die vor ihrer Schwangerschaft einen, sagen wir relativ verantwortungsvollen Posten im mittleren Management bekleidet haben, werden danach höchstens noch als Sachbearbeitung zur Ablage eingesetzt. Mit dem Argument: Sie sind ja jetzt Mutter. Welch ein Hohn. Und das, obwohl wir heute dank IPhone/Blackberry, WLAN etc. rund um die Uhr erreichbar sind. Wenn man dann auch noch sein Kind erst mit 35 bekommt, rückt der Wiedereinstieg in nicht erreichbare Ferne. Natürlich kann man sein verdientes Geld auch komplett in die Kinderbetreuung stecken; man denkt ja langfristig. Aber die Frage muss nach wie vor gestattet sein, warum es in der heutigen Zeit, bei der heutigen verfügbaren Technologie den Unternehmen nicht möglich ist, andere Wege zu beschreiten. Ich bin mir sicher, die Eltern würden es mit entsprechendem Engagement danken.
Was möchten Sie uns sagen? Ironisch? Ernst?
SPO um verstanden zu werden
ich sehe noch das Gesicht von Rudi S. vor mir, als ich ihm eröffnete, dass ich den Erziehungsurlaub nehmen
würde. (Ich habe nur zweimal eine solche Verblüffung auf dem Gesicht eines Vorgesetzten gesehen: das erstemal war, als ich eröffnete, die Stelle wechseln zu wollen.)
Es eine Entscheidung, die "atomar", also ohne Kosten-Nutzen Analyse von mir getroffen und die gemeinsam getragen wurde. (Um falschen Vermutungen vorzubeugen: mein eigenes Gehalt war das höhere.)
Die Reaktionen der Mitarbeiter waren erstaunlich positiv (bis hin zu ganz moderaten Neidgefühlen), und das Unternehmen? "Machte eine Limonade daraus" (vermarktete die Situation).
Eine singuläre Situation? Nicht wirklich. Die gelebte Firmenphilosophie begünstigten den Entschluss aber sie war keine conditio sine qua non.
Kann der Staat helfen? Ja. Der Einsatz zusätzlicher Haushaltshilfen müsste unbedingt und in voller Höhe steuerlich geltend gemacht werden können.
Ein Modell für jeden? Nein. Es sollte ja niemand gezwungen werden.
Würde ich es wieder tun? Ich hatte es (abgeschwächt im Teilzeitmodus) wieder getan.
Ich habe es nicht getan für den Staat, nicht für irgendwelche Genderpolitik, schon gar nicht um als Vorbild durchzugehen. Ich habe es getan für uns und für mich - atomar eben.
Herzlichst Crest
Habe auch zwei Kinder großgezogen. Meine Frau starb, als die Kinder gut 7 und 9 Jahre waren.
Meine Frau starb nicht plötzlich. Ihre Krebserkrankung trat vier Jahre vorher auf. Damit konnte ich langsam in die Rolle des Alleinerziehenden hineinwachsen.
Eine riesige Hilfe war die Unterbringung meiner Kinder in einem katholischen Kindergarten und später der Schule, wo sie sich auch später noch nachmittags in der angeschlossenen Kindertagestätte aufhielten und ihr Mittagessen bekamen udn die Schularbeiten machten. Meinen Beruf habe ich nicht augegeben, ich hatte an der Universtät große Freiheit, mir die Arbeit und Arbeitszeiten einzuteilen.
Beide Kinder haben ihr Abitur gemacht. Der Sohn studiert, die Tochter wird wohl demnächst ein Studium aufnehmen. Derzeit macht sie ein soziales Jahr im Ausland.
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