Familie und Beruf "Ich brauche keine Karriere mehr, ich habe jetzt ein Kind"

Als der Architekt Jürgen Rausch Vater wurde, gab er seine Karriere auf und folgte der Familie nach Neuseeland. Statt dem Job widmet er sich heute seinem Sohn.

Die ersten Lebensjahre mit dem Kind intensiv genießen: Nur wenige Väter nehmen sich die Zeit dafür

Die ersten Lebensjahre mit dem Kind intensiv genießen: Nur wenige Väter nehmen sich die Zeit dafür

Wie lassen sich Karriere und Kinder gut miteinander vereinbaren? ZEIT ONLINE stellt Menschen vor, die neue Wege ausprobieren. Diesmal erzählt der Architekt Jürgen Rausch, wie er erst Karriere machte, dann ausstieg und seiner Familie nach Neuseeland folgte. Kennen Sie ähnliche Geschichten? Die Redaktion freut sich über Hinweise!

ZEIT ONLINE: Herr Rausch, Sie waren in Deutschland ein erfolgreicher Architekt und lebten allein in einer 220 Quadratmeter großen Wohnung. Heute leben Sie in einer Einzimmerwohnung in Neuseeland und haben einen Sohn, der die Hälfte des Monats bei ihnen ist. Welches Leben macht sie glücklicher, das als Karrieremensch in Deutschland oder das als Aussteiger und Vater in Neuseeland?

Jürgen Rausch: Definitiv mein jetziges Leben. Ich brauche keine Karriere mehr, ich habe ein Kind und finde es wichtig, es in seinen ersten Lebensjahren intensiv zu begleiten. Die Zeit mit meinem Kind ist unbezahlbar. In einigen Jahren, wenn mein Sohn älter sein wird, werde ich dann wieder mehr Zeit für den Beruf haben.

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ZEIT ONLINE: Werden Sie dann wieder 80 Stunden in der Woche arbeiten, so wie Sie es in Deutschland taten?

Rausch: Ganz sicher nicht. Dieses Karriereleben hat mich ausgebrannt. Ich hatte irgendwann das Gefühl, ich verliere mich selbst. Also bin ich den Jakobsweg gewandert. Dabei habe ich die Mutter meines Sohnes kennen gelernt, eine Neuseeländerin. Wir verliebten uns. Einige Zeit später habe ich sie in Neuseeland besucht. Und noch etwas später wurde unser Kind geboren. Das war ein Wendepunkt in meinem Leben. Ich war Ende 40, als ich Vater wurde. Ich hatte vorher viel Zeit, mein Leben nach meinen Vorstellungen zu leben. Ich hatte früher immer wenig Verständnis für Freunde, die Eltern waren. Das änderte sich schlagartig. Kinder bereichern das Leben so stark, dass ich bereit war, mein ganzes Leben umzukrempeln.

ZEIT ONLINE: Sie haben Ihre berufliche Existenz in Deutschland aufgegeben, alles verkauft und sind nach Neuseeland ausgewandert.

Rausch: Das erste Lebensjahr meines Sohnes haben wir noch in Deutschland verbracht – dann wollte seine Mutter zurück nach Neuseeland. Sie hatte viele Jahre in Europa gelebt. Also habe ich sie begleitet. Ich wollte ja nah bei meinem Kind sein. Und mir ist in Neuseeland aufgefallen, dass das Land kinderfreundlicher ist als Deutschland. Ich habe zum Beispiel in einem Kaufhaus in Köln eine Stunde lang verzweifelt einen Wickeltisch gesucht. In Neuseeland gibt es beispielsweise in den Cafés Spielzeug. Man hat im Berufsleben die Freiheit, zu gehen, wenn es nötig ist, ohne dass man sich gleich Sorgen um seinen Arbeitsplatz machen muss. Der gesellschaftliche Druck ist in Deutschland viel stärker. Die Frage für mich ist: Lohnt es sich für ein Kind Opfer zu bringen, wie lässt sich der eigene Lebensplan ändern und neu gewichten? Das versuche ich nun unter all den Widrigkeiten und Hindernissen weit weg von meiner Heimat, aber auch mit der Chance, manche Dinge neu zu bewerten und zu reflektieren. Neuseeland ist aber nicht schlechter oder besser als Deutschland, nur halt sehr anders.  Deutschland hat Familien auf eine andere Art und Weise sehr viel zu bieten.

ZEIT ONLINE: Sie haben Ihren Job aber nicht ganz aufgegeben?

Rausch: Nein, zunächst habe ich als angestellter Architekt gearbeitet, dann habe ich ein neues Büro aufgebaut. Aber ich arbeite nur so viel, dass es zum Leben reicht. Meine Zeit gehört jetzt vor allem meinem Kind. Wenn mich Bekannte aus Deutschland besuchen, können sie nicht fassen, wie einfach ich hier lebe. Aber sie sehen, wie viel Zeit ich für meinen Sohn habe, und dass es uns gut geht.

Leser-Kommentare
  1. Freiberufler mit Aufträgen an verschiedenen Orten der Welt, scheinbar etwas Geld über, um z.B. den Wohnort ans andere Ende der Welt zu verlegen und Flüge zu Besuchen zu finanzieren, gute Elternbeziehung trotz Trennung, zwei Häuser mit ähnlicher Ausstattung fürs Kind und die Möglichkeit, eine Wahl mit Blick auf das Kind zu treffen, wie viel gearbeitet wird.

    Die geschilderte Situation ist das, was man gemeinhin Luxus nennt und dürfte die meisten Menschen kaum betreffen.

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    • kascho
    • 15.03.2010 um 13:46 Uhr

    Luxus? Der Mann lebt in einer 1-Zimmer-Wohnung. Auch eine freundschaftliche Trennung hat nichts mit Luxus zu tun, sondern ist das Resultat des Verhaltens der Partner. Zudem ist es meist leichter als Angestellter in ein anderes Land ziehen.

    Der Artikel soll uns auch nicht alle zum Umzug nach Neuseeland ermuntern, sondern dazu anregen, zu überlegen, ob einiges von dort nachahmenswert wäre.

    Leider wird hier erneut der Mythos kolportiert, Männer seien in fortgeschrittenem Alter genauso fruchtbar wie in jungen Jahren. Da kann man nur raten, sich mal die Fehlgeburtenrate bei 25jährigen und bei 40jährigen Vätern anzusehen oder zB die Autismusrate bei Kindern von über 40jährigen Vätern. Sie werden ins Staunen kommen.

    • kascho
    • 15.03.2010 um 13:46 Uhr

    Luxus? Der Mann lebt in einer 1-Zimmer-Wohnung. Auch eine freundschaftliche Trennung hat nichts mit Luxus zu tun, sondern ist das Resultat des Verhaltens der Partner. Zudem ist es meist leichter als Angestellter in ein anderes Land ziehen.

    Der Artikel soll uns auch nicht alle zum Umzug nach Neuseeland ermuntern, sondern dazu anregen, zu überlegen, ob einiges von dort nachahmenswert wäre.

    Leider wird hier erneut der Mythos kolportiert, Männer seien in fortgeschrittenem Alter genauso fruchtbar wie in jungen Jahren. Da kann man nur raten, sich mal die Fehlgeburtenrate bei 25jährigen und bei 40jährigen Vätern anzusehen oder zB die Autismusrate bei Kindern von über 40jährigen Vätern. Sie werden ins Staunen kommen.

  2. haben frauen vor a.s. das nicht genau so gemacht?

    demnächst kommt ein herr olibert weißer und bemängelt, daß männer doch gefälligst karriere machen sollen.

    übrigens hätte ich keine probleme, mich um meine kinder auch zu kümmern. nur kann ich das nicht mit meinem job vereinbaren. hier heißt es tatsächlich entweder - oder.

    oh, wenn das olibert weißer hört!

  3. na, das ist ja eine sehr prasxisnahe, repräsentativ Situation. Ok, unter der Einschränkung, dass es für Männer durchaus vorteilhaft ist, erst Ende 40, wenn man schon Karriere und etwas Geld hat, Erstvater zu werden. Aber, ob dies nachahmenswert ist?

  4. ... ganz offensichtlich leistet sich Neuseeland als Staat, was Deutschland sich nicht leisten will. Echte Wahlmoeglichkeiten durch erschwingliche und ausreichende Kinderbetreuung (mit gutem Betreuungsschluessel!) fuer Maenner und Frauen.

    • tinaha
    • 11.03.2010 um 12:28 Uhr

    es ist eben doch eine frage der einstellung. vieles was hier gesagt wurde finde ich zutreffend. zum einen nämlich, dass man sich in den ersten 3 jahren dem kind ausführlicher widmen sollte als vielleicht später, da diese phase sehr entscheidend für die weitere entwicklung ist. das heisst nicht zuhause bleiben. ich präferiere aus verschiedensten gründen die eingewöhnung in den kindergarten um das vollendete 1.lebensjahr herum, aber man sollte in dieser zeit ein so kleines kind nicht 10 stunden in der kita lassen, sondern höchstens 6 und es allmählich steigern und vor allem auf die bedürfnisse des kindes eingehen und diese auch gegenüber dem arbeitgeber vertreten. leider sind viele leute nicht in der lage dies einzufordern und wollen stattdessen am besten noch die übernachtbetreuung, wenn der chef klingelt. wenn viel mehr menschen dies einfordern und nicht nur frauen, müssten sich die chefs darauf einstellen und würden es auch, aber sobald es alle immer "einrichten" und nachgeben wird dies wohl nichts. ich kann nur sagen, dass es mich natürlich auch immer überwindung gekostet hat zu sagen, dass ich jetzt mein kind abholen werde, egal wieviel arbeit noch anfällt und ob sie ein anderer erledigt oder nicht und wenn man das durchhält,wird man erfolgt haben und die kinder werden es einem danken. man muss es nur wollen! mir ist es mein kind wert und ich bin kein schlechterer arbeiter, aber vermutlich ein schnellerer!:)

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    "man sollte" kann man nur in Deutschland erleben. Ich habe selten so viele, immer wieder gern formulierte Vorgaben zum Umgang mit Kindern und so viel Besserwisserei erlebt, wie sie uns hier exemplarisch entgegen schallte. Diese am Schluss noch von einer mit moralischem Zeigefinger verbrämten Erfolgsaussage im Falle der Anwendung der Verhaltensregeln zu krönen, erscheint mir als eine einzige Bösartigkeit.

    Das ist soweit wir es mit Kindern in Neuseeland und einigen anderen Ländern der Erde erlebten bzw. von Freunden oder Kollegen erfuhren, ein entscheidender Standortvorteil: sehr viel weniger Besserwisser, die sich einmischen und Strukturen, die ein Leben wie das geschilderte möglich machen.

    Bei einem Betreeungsschluessel von 1:3, wie hier geschildert, ist die Situation in der Kita doch auch nicht schlechter als in einer Familie (nur mit dem Unterschied, dass nebenher keine Hausarbeit erledigt werden muss).

    "man sollte" kann man nur in Deutschland erleben. Ich habe selten so viele, immer wieder gern formulierte Vorgaben zum Umgang mit Kindern und so viel Besserwisserei erlebt, wie sie uns hier exemplarisch entgegen schallte. Diese am Schluss noch von einer mit moralischem Zeigefinger verbrämten Erfolgsaussage im Falle der Anwendung der Verhaltensregeln zu krönen, erscheint mir als eine einzige Bösartigkeit.

    Das ist soweit wir es mit Kindern in Neuseeland und einigen anderen Ländern der Erde erlebten bzw. von Freunden oder Kollegen erfuhren, ein entscheidender Standortvorteil: sehr viel weniger Besserwisser, die sich einmischen und Strukturen, die ein Leben wie das geschilderte möglich machen.

    Bei einem Betreeungsschluessel von 1:3, wie hier geschildert, ist die Situation in der Kita doch auch nicht schlechter als in einer Familie (nur mit dem Unterschied, dass nebenher keine Hausarbeit erledigt werden muss).

  5. "man sollte" kann man nur in Deutschland erleben. Ich habe selten so viele, immer wieder gern formulierte Vorgaben zum Umgang mit Kindern und so viel Besserwisserei erlebt, wie sie uns hier exemplarisch entgegen schallte. Diese am Schluss noch von einer mit moralischem Zeigefinger verbrämten Erfolgsaussage im Falle der Anwendung der Verhaltensregeln zu krönen, erscheint mir als eine einzige Bösartigkeit.

    Das ist soweit wir es mit Kindern in Neuseeland und einigen anderen Ländern der Erde erlebten bzw. von Freunden oder Kollegen erfuhren, ein entscheidender Standortvorteil: sehr viel weniger Besserwisser, die sich einmischen und Strukturen, die ein Leben wie das geschilderte möglich machen.

    Antwort auf "EINSTELLUNG"
  6. 7. Wieso?

    Bei einem Betreeungsschluessel von 1:3, wie hier geschildert, ist die Situation in der Kita doch auch nicht schlechter als in einer Familie (nur mit dem Unterschied, dass nebenher keine Hausarbeit erledigt werden muss).

    Antwort auf "EINSTELLUNG"
  7. 8. Luxus

    je reicher man ist, desto mehr entscheidungsfreiheit hat man. kommt mir ungefähr so vor wie jene bankiers- und königssöhne, die IM LUXUS auf die mit dessen erwerb verbundenen arbeitszwänge verzichteten. ihre namen sind bekannt (ihre herkunftsverhälrtnisse werden meist gerne verschwiegen): diogenes, buddha, franziskus von assisi etc. das prinzip funktioniert immer noch: wer genug hat, braucht nicht zu schuften und kann sich denen, die dies müssen, auch noch als das moralisch bessere beispiel überordnen.

    zum kontrast sei der bei erhöhter erwerbsobliegenheit auf selbstbehalt gestellten väter gedacht. widmet DIE ZEIT denen auch mal etwas aufmerksamkeit?

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