Mittelschicht : Zwischen Karriere und Tradition in Indien

Die jungen Inder aus der Mittelschicht wollen ein westliches Leben führen und hängen gleichzeitig an den Traditionen. Der Spagat ist schwer.
Hell erleuchtet: Der Tempel Gurudwara Bangla Sahib in Delhi. Die indische Jugend versucht, Tradition und Moderne zu vereinen © Anindito Mukherjee/dpa

Sein letzter Flug ging von New York nach Delhi . Jetzt freut sich Manjeet Singh auf drei freie Tage. Der 25-Jährige arbeitet als Flugbegleiter bei einer indischen Airline. Er ist stolz auf seinen Job; Singh mag das Luxusleben und das Wandeln zwischen den Welten. Mehrsprachige Flugbegleiter mit akademischem Abschluss wie er werden in Indien gut bezahlt. Fast eine Million Rupies verdient der 25-Jährige im Jahr mit dem Fliegen, das sind über 16.000 Euro. Zuvor hat der studierte Hotelmanager in einem Luxushotel gearbeitet.

Ein angesehener Job und ein hohes Einkommen sind wichtig, will man in der neuen indischen Mittelschicht etwas gelten. Der durchschnittliche Monatslohn liegt bei rund 200 Euro. Wer wie Manjeet Singh deutlich darüber liegt, gilt als erfolgreich – und zeigt dies auch gern. Ein großes Auto, ein schickes Apartment in der Stadt, ein neues Handy und zum Essen ausgehen in die besten Restaurants der Stadt. Nachdem die Crew ausgecheckt hat, steigt der junge Inder in seinen weißen Honda und saust in Richtung Gurgaon, dem Upper-Class-Stadtteil von Delhi. Hier bewohnt der Flugbegleiter eine kleine Wohnung.  

Manjeet Singh

Manjeet Singh, 25, Flugbegleiter und Buchautor. Er steht beispielhaft für die neue indische Mittelschicht: jung, gut ausgebildet und westlich orientiert.

Die Hälfte der indischen Bevölkerung ist unter 25 Jahren alt. Das hohe Wirtschaftswachstum in Indien hat eine konsumfreudige Mittelschicht hervorgebracht. Rund 300 Millionen Inder haben inzwischen genügend Geld, um sich einen gewissen Wohlstand zu leisten. Zudem ist das Land gut durch die Krise gekommen. Die Immobilienblase hat Indien nur wenig berührt – und so fühlt man sich hier als Gewinner. Während Europa und USA eine schwere Rezession erleben, legt Indiens Wirtschaft weiter zu. Inzwischen wachsen die Nettoeinkommen jährlich um mehr als zehn Prozent.

"Ich muss mir über Geld keine Sorgen machen", sagt Manjeet Singh selbstbewusst. Sein Vater ist ein hochrangiger Offizier beim Militär, seine ältere Schwester ist mit einem Unternehmer verheiratet, der jüngere Bruder hat ein Dienstleistungsunternehmen. Eigentlich sei der Job als Flugbegleiter sowieso nur ein Zubrot, mit dem Manjeet Singh seine Buchprojekte finanziert. Denn Singh ist Autor. Gerade ist sein erstes Buch The Journey of a Boy to a Man erschienen, in dem er sich mit der Situation der jungen Inder auseinandersetzt. "Wir sind zwischen all den Möglichkeiten, die uns offen stehen, dem Wunsch, ein westliches Leben zu führen, und den strengen Traditionen unseres Landes und unseres Glaubens hin und her gerissen. Ich glaube, wir sind eigentlich eine verwirrte Generation", sagt er.

Sein Buch erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der wie Manjeets Vater, aus einem kleinen, unterentwickelten Dorf in Rajasthan stammt. Für das Buch ist der Autor einige Wochen lang durch die Region gereist und hat zahlreiche Interviews geführt. Sein Protagonist wächst mit den strengen Traditionen auf. Im Dorf gibt es keine Elektrizität, keine medizinische Versorgung und außer Brunnen keine Wasserversorgung. Als Toilette benutzen die Dorfbewohner ein nahegelegenes Feld, das die Frauen nur in der Nacht aufsuchen dürfen. Die Geburt eines Mädchens wird als Last für die Familie empfunden. Liebesheiraten sind verpönt, stattdessen arrangieren die Eltern eine Ehe und das Mädchen ist verpflichtet, eine hohe Mitgift zu zahlen. Der Glaube hilft über das arme Leben hinweg. Manjeets Romanheld hat Glück, er darf zur Schule gehen und die Bildung öffnet ihm den Zugang zu einem anderen Leben.

Als junger Erwachsener kommt er nach Delhi, er erhält ein Stipendium und kann studieren. In der Millionenmetropole lernt der Dorfjunge ein ganz anderes Leben kennen. Kommerz und Konsum, Freiheit und Abenteuer. Hier tragen die Frauen Jeans und T-Shirt statt Sari, Beziehungen sind vor der Ehe möglich. Die Frauen sind unabhängig und aufregend, das Geschäftsleben international und tough. Der Romanheld schafft es, sich zu einem erfolgreichen IT-Unternehmer hochzuarbeiten und ein angesehener Mann zu werden. Doch er macht sich auch Vorwürfe, die Tradition und seine Familie verraten zu haben. Schließlich kehrt er zurück in sein Dorf, um Entwicklungshilfsprojekte zu realisieren – und nach seinen Wurzeln zu suchen. Er findet spirituelle Erleuchtung und führt ein glückliches Leben zwischen alten Traditionen und westlicher Moderne. 

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Kommentare

5 Kommentare Kommentieren

Begrüßenswert zuhöchst,von Indien zu hören

Ich begrüße diesen Beitrag aus dem heutigen Indien zuhöchst und gerne.Schon immer schaute ich (seit meiner Jugendzeit;ich werde bald fünfzig)gerne und auch bevorzugt nach Indien,würdige so die Reportage.Was mich frappiert,ist,daß manche junge Inder den Westen für so dekadent halten,daß hier freier(also etwa vorehelicher) Sex etwa praktiziert würde.Dem ist nicht so in den weitesten Teilen.Daß der Westen einen derart schlechten Ruf wider alle Familien-Tradition erhielt,-geschieht ihm dies zu Recht?Selbst die Debatte zwischen Liebes-Ehe und Vernunft-Ehe ist auch in Europa alt.Liebe verlanget irgendwann nach Treue,-gerade weil etwa das Blühen der Rose sehr schnell zum Verwelken wird:Wo Liebe war,jetzt verwelkte Blätter.Auch der Westen besitzt Moral.Den Verfall sittlicher Werte im Westen einzugestehen,zögere ich nicht.Aus deratigen Verwirrungen frei zu kommen,oblieget allen.Besonders die traditionellen Werte der Familie zu fördern,stehet dem Westen an.Ich jedenfalls danke für den Bericht aus Indien -gerade von einem Boheme-sehr.Wie die Menschen auf der Welt all dies erfahren,brachte die Reportage mir sehr nahe.

Kein repräsentativer Aritkel

Gurgaon ist kein Vorort von Delhi. Es ist eine eigenständige Stadt, die sogar in einen anderen Bundesstaat fällt und somit anderen Gesetzen obliegt. Es handelt sich um ein altes Dorf (Gur = Zucker, Gaon = Dorf), welches auf Grund seiner Proximität zu Delhi bruchstückhafter Entwicklung zum Opfer gefallen ist, mit dem alten, nicht entwickelten, vernachlässigten und schmutzigen Teil Gurgaons westlich des NH8 und dem neuen, von Wolkenkratzern und Einkaufszentren durchsetzten Gurgaon östlich des Highways.

Zudem ist Manjeets Leben m.E. in keinster Weise repräsentativ für die indische Mittelschicht, weder mit seinem an der obersten Einkommensgrenze kratzenden Gehalt, noch auf Grund seiner Lebensweise, die eine weitaus breitere Schicht der Mittelklasse kopfschüttelnd zurücklassen würde.

Re: Daniela

Ich muss Daniela zustimmen. Dieser Artikel ist unglaublich oberflaechlich recherchiert. Gurgaon, eine Stadt in Haryana, als Teil von Delhi zu bezeichnen ist ein grober Fehler. Upper-Class Stadtteile von Delhi sind klar andere Viertel.

Es ist ausserdem Unsinn, das Scheidung und alleinerziehende Muetter mittlerweile akzeptiert werden. Es ist machbar, ja. Aber von der Gesellschaft akzeptiert? Nein!

Das Thema Liebesheirat ist auch nur oberflaechlich angeschnitten worden. Vielleicht haette er mal gefragt werden sollen, aus welcher community seine Freundin ist. Indische Eltern haben sehr, sehr oft ein Problem, wenn nicht wenigstens die "Community" miteinander harmoniert, plus Horoskop!

Man sollte ausserdem darauf hinweisen, dass er ein "Singh" ist, somit ergeben sich klar deutliche Unterschiede zu anderen "communities"!

Alles in allem sehr enttaeuschender Artikel, der ein sehr verzerrtes Bild des Autors von (Nord!) Indien zeigt.

Re: Tomas

Inder denken einfach, dass eine arrangierte Heirat meist besser ist, da Liebe irgendwann verfliegt. Wenn man jemanden heiratet, der gut gebildet ist, fuer eine gute Firma arbeitet, aus der gleichen Kaste/Community kommt - die unterscheiden sich teilweise stark in ihrer Religionsansicht und Tradition - und die gleichwertig ist, Sprache/Ursprungsort der Familie und was Stand in der Gesellschaft betrifft, dann klappt es einfach besser. Eltern moechten, dass Ihre Kinder gut verheiratet werden und sehen ein gut abgesichertes Leben als ein glueckliches Leben an. Zwangsheiraten sind selten und doch eher in Doerfern in Haryana zu finden als in vielen anderen Staaten. Inder glauben meist auch, dass Liebe mit Vertrauen und Respekt kommt und dann waechst. Und damit kann man eben auch mit einer arrangierten Heirat tun. Oft glauben “Kinder” im Alter von 25 oder juenger auch, dass ihre Eltern es einfach besser wissen und es vor allen Dingen gut meinen. Und so ist es auch – indische Eltern wollen, dass es ihren Kindern gut geht und verkaufen sie nicht einfach. Die Tochter/der Sohn stimmt in 90% der Faellen schliesslich auch zu oder eben nicht.

Wenn dich Indien sehr interessiert, empfehle ich einfach Buecher zu lesen. Leider sind die meisten Dokumentationen in Europa unglaublich oberflaechlich.

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