Lesetipp Überleben im Bürowahnsinn

Der Kollege ist ein notorischer Lügner und der Chef ein kalter Kontrollfreak. Das Buch "Bin ich denn der einzige Normale hier?" verrät, wie man Probleme im Joballtag löst.

Kommunikation verläuft nicht immer konfliktfrei

Kommunikation verläuft nicht immer konfliktfrei

Zugegeben, der Titel zieht. Bin ich denn der einzige Normale hier? und der Untertitel 101 Tipps, wie Sie den täglichen Bürowahnsinn überleben wecken Interesse. Es klingt nach einem Ratgeber, auf den die Arbeitswelt gewartet hat. Oder nach einem verheißungsvollen Satirebuch, das die üblichen Karriereratgeber persifliert. Auf Letzteres könnte man kommen, wenn man sich das Cover anschaut: ein Schaf hinter einem Schreibtisch.

Geschrieben wurden die 101-Tipps von Albert J. Bernstein, seines Zeichens amerikanischer Psychologe, Bestsellerautor und ein ausgewiesener Experte im Bereich der Konfliktlösung.

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Bernstein verspricht nichts weniger als die "ultimative Hilfe für Arbeitnehmer" – eine Anleitung für den Umgang mit einem Kollegenkreis, der "aus einer unerfreulichen Anzahl an Intriganten, Spinnern und Lügnern" besteht. Außerdem möchte Bernstein Antworten auf die Frage geben, wie man mit einer ständig deprimierten Kollegin umgeht oder Kritik am eigenen Unternehmen übt. Er will dabei helfen, Kritik vom Chef oder eine Kündigung zu verarbeiten ("Machen Sie's bloß nicht noch schlimmer!") oder wie man selbst bei starker Belastung nicht in Zeitdruck gerät.

Bernsteins Hauptthese: Im Büro ist alles Wahnsinn, nur man selbst sei normal. Haben wir es nicht schon immer geahnt? Das gibt Sicherheit. Bernstein scheint offenbar Antworten auf alle Probleme und Problemchen im Arbeitsleben zu haben und kann diese sogar in ganz genauen 101 (und nicht etwa 1001) Überlebensszenarien aufteilen. Unterteilt hat der Psychologe die Probleme des Büro-Wahnsinns in fünf Kapitel. Kapitel 1 mit dem Titel "Lug und Trug" widmet sich den Lügnern und den Hochstaplern, den Faulen und den Schleimern. Das Ganze ist plakativ formuliert, aber wenigstens sind die Beispiele für unehrliches Verhalten am Arbeitsplatz halbwegs konkret. Zum Beispiel der Kollege aus der Kundenbetreuung, der vergessen hat, eine Bestellung zu stornieren. Statt seinen Fehler zuzugeben, behauptet er, von nichts gewusst zu haben – selbst wenn der Kunde eine Bestätigungsmail von ihm erhalten hat. ("Jemand anderes muss die Mail abgeschickt haben.") Okay, diese Situation kann man sich vorstellen oder man hat eine ähnliche selbst schon mal erlebt. Und wie löst man die Situation? "Hören Sie auf Ihren Bauch", empfiehlt der Autor und appelliert an den gesunden Menschenverstand. Man müsse abwägen, ob konkreter Schaden fürs Unternehmen entstanden ist. Falls dies nicht der Fall sei, solle man die Lüge missachten statt zu konfrontieren. Aha. Und dann erst der Vorgesetzte, der Beförderung und Gehaltserhöhung verspricht. Hat man auch schon mal gehört. "Glauben Sie nichts, außer Sie haben es schriftlich. Tun Sie, was Sie ohnehin tun würden", schreibt Bernstein. Ach was.

Wer bis Kapitel 2 und 3 ("Wahnsinn verstehen" und "Die Regeln") weiter liest, erfährt schließlich doch noch Erhellendes. Hier steigt der Autor nämlich in die Organisationspsychologie und -philosophie ein und prompt hält man ein anderes Buch in der Hand. "Die irrsinnigen Arbeitssituationen folgen ähnlich vorhersagbaren Mustern", schreibt Bernstein da. Jedes Unternehmen sei in sich zerrüttet, denn Menschen seien ihrem Wesen nach widersprüchlich und in Gruppen vervielfachen sich solche Widersprüche. So gibt es in jeder Firma Probleme, die niemand anspricht, in jeder Firma gibt es eigene Spielregeln und eigene Legenden – und sie erfüllen eine bestimmte Funktion. Wer diese verstehe, lerne auch mit diesen Regeln umzugehen oder diese je nach hierarchischer Position, Dauer der Betriebszugehörigkeit und Berufserfahrung konstruktiv anzusprechen und zu verändern. 

Dann driftet der Autor leider völlig ab und versucht in einem Aufwasch hilfreiche Tipps für den Verlust des Arbeitsplatzes und andere "Worst-Case-Szenarien" zu geben. Darunter fasst er Zurechtweisungen, das sogenannte "Überlebens-Syndrom" unter dem Mitarbeiter leiden, die mehrere Kündigungswellen in ihrem Unternehmen erlebt haben, Zeitdruck , geringes Selbstwertgefühl oder die Angst, vor einer Gruppe zu sprechen. Über Binsenweisheiten wie "Kritik nicht persönlich nehmen" oder "Bedenken Sie vorsichtig, was Sie tun" kommt Bernstein allerdings kaum hinaus. Es gibt eben nicht für alle erdenklichen Probleme am Arbeitsplatz Patentrezepte. Auch die Probleme von den Problemchen zu trennen und eine ernsthafte Gewichtung vorzunehmen, wäre hier angemessen gewesen. So steht aber der Jobverlust neben der Frage, wie man frei redet.

Im letzten Kapitel rundet schließlich Überlebensszenario 82 den negativen Eindruck vollends ab. "Eine gute Einstellung ist wie Pornographie: Sie kann nicht definiert werden, aber die Menschen erkennen sie, wenn sie sie sehen". Ach so. Das ist das Geheimrezept der inneren Ruhe? Daneben erfährt der geduldige Leser, dass man kein Schleimer sein muss, um voranzukommen oder wie man sich angemessen auf einer Weihnachtsfeier im Büro verhält.

Fazit: Schöner Titel, aber das war es dann auch schon. Ansonsten weiß das Buch überhaupt nicht, was es sein will, aber es weiß sehr wohl, was man alles richtig machen soll. Die Aufmachung als Satirebuch lockt den Leser auf die falsche Fährte, als ernsthafter Ratgeber taugt die thematische Überfrachtung allerdings nicht – auch wenn man berücksichtigen muss, dass das Buch für die amerikanische Arbeitswelt mit ihrer Hire-and-Fire-Kultur geschrieben wurde. Bin ich denn der einzige Normale hier? ist unfreiwillig komisch. Albert J. Bernstein hätte vielleicht lieber den gesunden Menschenverstand, den er im Arbeitsalltag doch sehr bewahren möchte, beim Schreiben benutzt und sich festgelegt, ob er einen ernsthaften Ratgeber für ernsthafte Probleme schreiben will oder ein launiges Lifestyle-Büchlein, das unterhalten soll. 

Bin ich denn der einzige Normale hier? von Albert J. Bernstein ist im Redline-Verlag erschienen und kostet 19.90 Euro. ISBN: 978-3-86881-212-1

 
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