Die Sorge, nicht richtig verstanden zu werden, schwingt immer mit. "Ach, jetzt habe ich Sie mit einem Redeschwall zugedonnert, konnten Sie überhaupt noch folgen?", fragt Berater Heinz-Detlef Scheer am Ende des Telefonats. Auch Unternehmer Volker Schatz unterbricht sich selbst: "Jetzt erkläre ich wieder viel zu viel auf einmal, jetzt bin ich wieder auf einer ganz anderen Ebene." Scheer und Schatz sind Hochbegabte, Menschen mit einem Intelligenzquotienten von 130 oder höher. Sie haben im Berufsleben erfahren, dass schlauer zu sein, als die anderen, nicht immer ein Vorteil ist. Sie wissen, dass sie leicht anecken oder unverstanden bleiben, wenn sie sich nicht an das Niveau ihrer Umwelt anpassen.

Wie ticken Hochbegabte? Personalmanager und Unternehmensberater entdecken das Thema bestenfalls gerade erst. Selbst den Betroffenen fehlt meist noch das Bewusstsein für die eigenen Stärken und Schwächen: Sie merken allenfalls nur, dass sie irgendwie anders sind.

Rund zwei Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung sind hochbegabt, können Intelligenztests deutlich schneller lösen als der Rest. Das sind etwa 1,6 Millionen Deutsche. Sie können Firmenchefs sein, Handwerker oder auch Hartz IV-Empfänger. Ein kluger Kopf garantiert noch lange nicht den raschen Aufstieg. "Gut die Hälfte aller Hochbegabten fällt überhaupt nicht auf", sagt Hochbegabten-Coach Scheer. Und er schätzt, dass 80 Prozent der Betroffenen nichts über ihren hohen Intelligenzquotienten wissen.

Sie wundern sich häufig nur. Wenn es schlecht läuft, haben Sie zwar mehrere Doktortitel, landen aber trotzdem beruflich im Abseits. Sie verärgern ihre Kollegen, wenn sie Problemlösungen vorschlagen, weil sich die anderen von ihrem Tempo überfahren fühlen. Sie sind gekränkt oder genervt, wenn sie der andere nicht versteht. "In hierarchisch organisierten Unternehmen büßen sie ein großes Maß an Freiheit ein", sagt der hochbegabte Ex-Banker Claudio Seipel, der sich inzwischen als Unternehmensberater selbstständig gemacht hat. "Da kommt rasch Frust auf, dass man nichts bewegen kann."

Coach Scheer, der auch Ex-Musiker, Kaufmann, Diplom-Psychologe und Buchhändler ist, macht mehrere Muster bei seinen Klienten aus: Erstens: Sie steigen rasch auf, fallen aber häufig auch tief, weil sie rasch an ihre Grenzen stoßen. Zweitens: Sie legen sich mit ihren Chefs und Untergebenen an und machen sich unbeliebt. Und drittens besteht die Gefahr, dass sie sich verzetteln.

"Sie entdecken permanent neue Interessengebiete und haben keine Strategie, welches sie verfolgen sollen und welches nicht", beobachtet Scheer. Häufig fangen sie fünf oder sechs Ausbildungen an, zwei bringen sie vielleicht zu Ende. Kaum hätten Hochbegabte ein wenig Ahnung in einem Gebiet, werde es ihnen schon langweilig. "Aber zum beruflichen Erfolg gehört, dass man sein Handwerk konsequent einübt und beherrscht", meint Ex-Banker Seipel. Richtig lernen hätten Hochbegabte aber oft nie gelernt. Die Schule haben sie schließlich auch meist ohne Lernen geschafft.

Volker Schatz, der geradlinig die Messgeräte-Technik-Firma seines Vaters übernommen hat und leitet, hat seine Begabung nie als Nachteil empfunden. Schließlich kann er als Chef schalten und walten, wie er will. Damit es ja nicht langweilig wird, hat er nebenbei noch einen Doktortitel hingelegt, zwei Bücher geschrieben, als Gehbehinderter mit dem Reiten angefangen und eine Kabarettistenlehrgang absolviert. Die erste Aufführung findet Ende Mai statt.