Behinderte Fußballkarriere im Rollstuhl
Frank Reinel ist der einzige deutsche Schiedsrichter, der aus dem Rollstuhl heraus offizielle Fußballspiele pfeift – in der Jugendliga.
Das Wetter hat es gut gemeint mit Frank Reinel an diesem wechselhaften Fußballabend, und der rollende Schiedsrichter scheint sich mit einem pünktlichen Abpfiff bedanken zu wollen. Es ist der Moment, in dem Frank Reinel ein letztes Mal Größe zeigt in seinem Rollstuhl, sich aufbäumt und dreimal impulsiv in seine Pfeife prustet. Sekunden später prasseln die ersten Regentropfen auf den idyllischen Regensburger Fußballplatz.
Spieler laufen taumelnd umher, Trainer jubeln und schimpfen, Eltern blicken ihren Kindern kopfschüttelnd hinterher. Die Tropfen tauchen langsam in den Regen ein, jenen Fluss, der am Rasenplatz des Sportvereins Sallern entlang fließt und irgendwann in die Donau
mündet. Frank Reinel fährt in neongelbem Trikot und seinem Elektro-Rollstuhl zum Mittelkreis, den Ball hält er fest in beiden Händen. Er hat einen Elfmeter gegeben und vier Gelbe Karten, das A-Junioren-Spiel auf dem Platz des Sportvereins Sallern endet 6:3 für die Gästemannschaft. Es hat Diskussionen über seine Entscheidungen gegeben, zumindest aber keinen Regen bis jetzt. Das war das Wichtigste.
Auf beständiges Wetter ist Frank Reinel angewiesen, wenn er neunzig Minuten lang in seinem Rollstuhl den Rasen umpflügt. Regnet es zu stark, wird es schwierig für ihn. Frank Reinel ist der einzige Schiedsrichter in Deutschland, der aus dem Rollstuhl heraus Meisterschaftsspiele auf dem Großfeld leiten darf.
"Ich kann ein Spiel lesen und die Laufwege der Spieler erahnen", sagt er. Auf dem Platz bewegt sich der 28-Jährige so gleichmäßig wie auf einem jener Aufsitz-Rasenmäher, die man aus Filmen über amerikanische Mustervorstädte kennt, wo die Rasenkanten im Vorgarten millimetergenau getrimmt sind und das Leben vollkommen erscheint. Das Spielfeld des Sportvereins Sallern aber ist übersät mit diversen Unebenheiten, die sich Frank Reinel in den Weg stellen.
Manchmal kommt er dem Spielgeschehen gefährlich nahe, duckt sich weg vor dem Ball und den Zweikämpfen, in den meisten Fällen aber ist er auf seine guten Augen angewiesen. Er hat Übersicht und sieht ein kurzes Trikothalten aus 40 Metern Entfernung. "Die Arme weglassen", ruft er. Er gibt Freistoß, später dann für ein Foul Elfmeter. "Das war doch nur der Ball", ruft einer. Reinel schüttelt den Kopf. "Mit gestrecktem Bein so reinzugehen, das geht gar nicht."
Frank Reinel hat sich früh angekündigt beim Gastgeber. In der Vorwoche schrieb er dem Sportverein Sallern eine E-Mail. "Hallo, ich bin der berühmte Schiri im Rollstuhl." Er hat um Strom gebeten, damit er den Akku seines Untersatzes in der Halbzeit aufladen kann. Aus einem gekippten Fenster des Vereinsheims hängt nun eine orangefarbene Verlängerungsschnur heraus. Sie verläuft quer über den Gehweg bis zur Einzäunung am Spielfeldrand, wo Frank Reinel in der Pause sitzt und wartet.
Die Spieler marschieren aus der Kabine an ihm vorbei, sie nehmen den Schiedsrichter offenkundig wahr und blenden ihn doch aus ihrer Wahrnehmung aus. "Anfangs sagen die meisten gar nichts. Nach dem Spiel kommen dann oft nette Unterhaltungen zustande", sagt er. Die Spieler befragen ihn dann zum Beispiel über Akzeptanzprobleme, die es ja geben müsse, natürlich. Und darüber, wie man das überhaupt mache, so als Schiedsrichter im Rollstuhl. "Für einige ist das schwer vorstellbar. Dabei ist es ganz einfach: Ich pflüge mit dem Rolli schlichtweg den Acker um. Und auf dem Platz hat der mit der Pfeife sowieso immer die Autorität, ganz egal wer es ist."
Frank Reinel hat Jura studiert, er betreibt zu Hause eine eigene Anwaltskanzlei und hat eine Internetseite, auf der schlaue Sätze stehen. "Wir sind an das Gesetz gefesselt, um frei zu sein", heißt es da. Frank Reinel leidet seit seiner Geburt an einer Gelenkversteifung in mittlerer Ausprägung. Die Behinderung macht ihm das Gehen unmöglich. Sie hat ihn aber nicht davon abgehalten, Schiedsrichter zu werden. Er ist ein Idealist mit Handicap, obwohl sein Handicap dem eigenen Ideal immer im Weg stehen wird. Er kann nicht laufen, sondern muss sitzen; kann nicht sprinten, bewegt sich beständig langsam.
Sechs Stundenkilometer fährt sein Rollstuhl, mit dem er die im Schnitt 7000 Quadratmeter großen Plätze abfahren muss. Es ist eine Erfahrungssache, sagt er. Frank Reinel hat rasch gelernt, schnelle Kurven zu nehmen und vorausschauend zu fahren. Es gäbe schnellere Rollstuhl-Modelle, aber dafür fehlt das Geld. Er kommt aus mit dem, was er hat, um das zu tun, was er liebt. Fußballbegeistert war er schon immer, aber anstatt als Kind die Namen der Spieler auswendig zu lernen, konzentrierte er sich auf die Schiedsrichter. "Die haben mich schon immer fasziniert."
Zur Halbzeit blickt er nach oben, wo sich die ersten Wolken formiert haben, für den späteren Abend ist ein starkes Gewitter angekündigt. In zehn Minuten beginnt die zweite Hälfte, Frank Reinel hat eine wichtige Rolle in diesem Spiel. Eine Aufgabe. So viele Gedanken im Kopf, sie drehen sich um Dinge wie Gerechtigkeit. Er sagt, dass es Menschen mit Gelenkversteifungen gebe, die nur ein paar Probleme mit dem kleinen Finger hätten. Ihn hat es härter erwischt, nahezu alle Gelenke sind verformt und zu klein. Aber er fand sich früh mit seinem Schicksal ab. "Was hätte ich auch tun sollen?"
- Datum 18.05.2010 - 14:29 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, dpa
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Guten Tag Herr Reinel,
zum Glück stimmt es nicht, dass Sie einen schnelleren Rolli selbst finanzieren müssten, wie es dem Artikel heisst - es sind nur die Zusatzkosten, die sie tragen müssten. Bei dem Modell, das ich gerade für mich erstritten habe, sind das € 333,00für die Aufrüstung von sechs km/h auf 12 km/h.
Die Kassen leisten war Widerstand aber es ist gesetzlich verbrieftes Recht, das Hilfsmittel auszuwählen (und eben die Mehrkosten tragen). Selbst die Beteiligung an den Folgekosten (Wartung etc.) kann man abwehren, wenn der Hersteller bescheinigt, dass die höhere Geschwindigkeit keinen höheren Verschleiss usw. zur Folge hat.
Sie können gerne Kontakt mit der Fördergemeinschaft der Querschnittsgelähmten aufnehmen (sie unterstützt Mitglieder gerade auch in solchen Auseinandersetzungen - und sie können durchaus Mitglied dort werden). Mithilfe der Fördergemeinschaft habe ich mich gegen den Kostenträger durchgesetzt ........
Mit freundlichen Grüssen
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