Arbeitskampf Streikende Ärzte stellen Patienten auf Geduldsprobe
Etwa 15.000 Ärzte an kommunalen Kliniken streiken – für eine unbefristete Zeit. Sie wollen notfalls "alle Register ziehen", um ihre Forderungen durchzusetzen.
Sie fordern mehr Gehalt und eine bessere Bezahlung der Bereitschaftsdienste: An den kommunalen Kliniken in Deutschland haben rund 15.000 Ärzte die Arbeit niedergelegt. Mehr als 200 der rund 700 Krankenhäuser in kommunaler Trägerschaft seien von dem unbefristeten Streik betroffen, sagte der Bundesvorsitzende des Marburger Bundes, Rudolf Henke, in München. Zur Zeit würden dort nur so viele Ärzte eingesetzt wie am Wochenende oder an Feiertagen. Die Notfallversorgung sei aber gesichert, planbare Operationen wurden hingegen verschoben. Patienten müssen mit Wartezeiten rechnen oder auf kirchliche oder private Hospitäler sowie auf Universitätskliniken ausweichen.
Spürbar waren die Auswirkungen des Ärztestreiks fast überall. In Nordrhein-Westfalen wurden 36 und damit fast die Hälfte der 83 Krankenhäuser in kommunaler Trägerschaft bestreikt. In Bayern rechnete die Gewerkschaft damit, dass nur rund ein Drittel der Ärzte an kommunalen Kliniken weiter arbeitet. In Hessen sprach der Marburger Bund von rund 700 streikenden Medizinern. In Baden- Württemberg waren 40 von 80 kommunalen Kliniken betroffen.
Nicht gestreikt wird hingegen in Hamburg und Berlin, wo es gesonderte Tarifverträge gibt. Nicht betroffen ist auch Brandenburg – an den zwei betroffenen Kliniken seien die Ärzte zufrieden, hieß es.
Der Streik soll nach Angaben der Gewerkschaft voraussichtlich die ganze Woche andauern. Am Freitag werde man dann entscheiden, ob der Ausstand fortgesetzt wird. Solange kein "konstruktiver, verhandlungsfähiger Vorschlag" der Arbeitgeber auf dem Tisch liege, mache eine Rückkehr an den Verhandlungstisch keinen Sinn, teilte sie mit.
Der Marburger Bund will neben fünf Prozent mehr Gehalt für die rund 55.000 Ärzte an den 800 kommunalen Kliniken auch eine deutlich bessere Bezahlung von Bereitschaftsdiensten, vor allem in der Nacht, an Wochenenden und Feiertagen erreichen. Das Angebot der Arbeitgeber von zuletzt 2,9 Prozent mehr Einkommen mit einer Laufzeit über 33 Monate hatte die Gewerkschaft als völlig unzureichend abgelehnt.
Ärzte-Funktionär Henke hatte angekündigt, die Ärzte würden wie schon bei den Streiks im Jahr 2006 notfalls "alle Register ziehen, bis die Arbeitgeber uns ein zustimmungsfähiges Angebot machen". Die Arbeitgeber müssten dafür sorgen, dass die Arbeitsbedingungen für die Mediziner wieder attraktiver würden. Ansonsten drohten – bei weniger Ärzten – irgendwann "schwere Versorgungsengpässe". Schon jetzt seien 5000 Stellen unbesetzt.
Die Arbeitgeber warfen dem Marburger Bund hingegen vor, er erwecke fälschlicherweise den Eindruck, für bessere Arbeitsbedingungen zu streiken. Dabei gehe es nur um mehr Geld. Diesen Vorwurf wiesen die Ärzte-Vertreter zurück und präsentierten ihre eigene Rechnung. Demnach sparen die Krankenhäusern durch die offenen Arztstellen rund 350 Millionen Euro – ihre Forderungen beliefen sich allerdings nur auf rund 90 Millionen Euro.
Druck bekommen die Streikenden auch vom Deutschen Städtetag, der Interessenvertretung der Städte und Gemeinden in Deutschland, sprich den Arbeitgebern der Ärzte. Die Organisation forderte den Marburger Bund zur Rückkehr an den Verhandlungstisch auf. Die Streiks seien unnötig, da ein unterschriftsreifes Angebot längst vorliege. "Ich appelliere an die Kompromissbereitschaft der Gewerkschaft", sagte der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Städtetages, Stephan Articus. "Der Tarifkonflikt darf nicht auf dem Rücken der Patienten ausgetragen werden."
Preise für Krankenhausleistungen seien fest vorgegeben und könnten nicht einfach angehoben werden, um höhere Personalkosten auszugleichen, sagte Articus. Die Preise dürfen in diesem Jahr nur um 1,54 Prozent steigen. Außerdem hätten die städtischen Krankenhäuser in der Vergangenheit bereits bis an ihre Grenzen die Kosten deutlich gesenkt. "Überdurchschnittliche Tariferhöhungen für die Ärzte dürfen nicht dadurch erkauft werden, das an anderer Stelle, wie der Pflege für die Patienten, noch mehr gespart werden muss oder notwendige Investitionen aufgeschoben werden", sage Articus.
Auch die Gewerkschaft Verdi warnte vor den Folgen eines hohen Tarifabschlusses für Ärzte an kommunalen Kliniken. Das könnte den Betriebsfrieden zwischen den verschiedenen Berufsgruppen in Krankenhäusern gefährden, sagte der Verdi-Fachbereichsleiter für Gesundheit, Günter Busch. "Dann wäre Feuer in der Bude." Im März hatte Verdi einen Tarifabschluss für Krankenpfleger und Klinik-Assistenten von 2,3 Prozent bis 2012 und Einmalzahlungen abgeschlossen.
- Datum 17.05.2010 - 18:07 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, dpa, AFP
- Kommentare 10
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Jetzt wird uns mal wieder vorgeführt wie effizient berufsständische Gewerkschaften vollkommen überzogene Egoismen ihrer Klientel erpresserisch durchpeitschen können.
Das übrige Krankenhauspersonal wird die Zeche dafür zahlen müssen. Würde das übrige Krankenhauspersonal streiken und die Ärzte nicht, so könnten die Ärzte ihren Job auch nicht mehr machen, also nicht nur Ärzte haben Schlüsselpositionen. Aber Ärzte haben keine Verdi, die sich dem "Gemeinwohl" mehr verplichtet fühlt als dem Wohl ihrer Klientel.
Ärzte haben ja auch im Gegensatz zu den Lokführern keine Einheitspresse gegen sich.
Ärzte, Fluglotsen, Piloten, warum sind altenglische Verhältnisse nur gut für die, die am oberen Rande der Einkommensskala liegen? Warum kann sich Verdi zum Frommen ihrer Mitglieder nicht auch mal asozial verhalten? Eigentlich ist dieses Gewerkschaftsmodell durch die Entwicklung zu neokonservativliberalen Gesellschaft wirkungslos geworden. Die Branchengewerkschaften sind zu Manipulationswerkzeugen in den Händen der Neos verkommen.
Wir benötigen in allen Berufsfeldern berufsständische Gewerkschaften! Sonst geht die Umverteilung von unten nach oben immer schneller immer weiter.
Die Ärzte sind deshalb aus Verdi ausgeschert, weil Verdi sich einen Dreck (!!!) um den Klassenfeind gekümmert hat. Das ideologische Ziel der verringerten Lohnspreizung führt nunmal dazu, dass in D ein Arzt weniger verdient als im umliegenden Ausland. Ferner wurde auf gewerkschaftliches Engagement die Arbeitszeitverordnung nur beim Pflegepersonal umgesetzt, während von Ärzten noch heute manchenorts verlangt wird Tag-Nacht-Tag zu arbeiten (da sieht man dann fünf Schichten Pflegepersonal kommen und gehen).
Gewerkschaften (so auch z.B. die IGM bei Siemens oder SAP) haben ihren alleinigen Fokus auf die unteren Lohngruppen und ignorieren die oberen - die scheren dann eben aus - in der Industrie in selbstverhandelte AT Verträge beim Staat in Einzelgewerkschaften. Ausgelöst hat diesen Machtverlust auf breiter Front das ideologische Agieren der Gewerkschaften - zu ihrem eigenen Leidwesen (oder wie hoch ist heute der Anteil an tariflich gebundenen Arbeitnehmern?)
(Nur als Ergänzung: Ich profitiere nicht von den Lohnerhöhungen der Ärzte, sondern zahle nur mehr KV-Beiträge)
sicherlich auch sehr hilfreich, dass eine der ersten Maßnahmen der Regierung Schröder die Halbierung der Anzahl Medizinstudienplätze war. Liege ich da richtig?
Beim Pflegepersonal verfährt man anders, damit die Gehälter des Pflegepersonals nicht in den Himmel wachsen, erhalten sie ab 2011 Unterstützung aus den neuen Ost - Eu -Ländern. Die scharren schon mit den Hufen.
Bei denen, die schon haben wird das Angebot an Arbeit systematisch verringert. Der Arbeitsmarkt der Pflegefachkräfte wird künstlich unter Druck gesetzt. Lohndumping! Das durch Lohndumping eingesparte Geld wird dann den Ärzten gegeben.
Eigentlich geht es den Ärzten auch nicht um eine Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen, sondern um die bessere Bezahlung der Bereitschaftsdienste.
Ich habe eigentlich auch noch nie gehört, dass Ärzte irgendwann genug gehabt hätten.
sicherlich auch sehr hilfreich, dass eine der ersten Maßnahmen der Regierung Schröder die Halbierung der Anzahl Medizinstudienplätze war. Liege ich da richtig?
Beim Pflegepersonal verfährt man anders, damit die Gehälter des Pflegepersonals nicht in den Himmel wachsen, erhalten sie ab 2011 Unterstützung aus den neuen Ost - Eu -Ländern. Die scharren schon mit den Hufen.
Bei denen, die schon haben wird das Angebot an Arbeit systematisch verringert. Der Arbeitsmarkt der Pflegefachkräfte wird künstlich unter Druck gesetzt. Lohndumping! Das durch Lohndumping eingesparte Geld wird dann den Ärzten gegeben.
Eigentlich geht es den Ärzten auch nicht um eine Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen, sondern um die bessere Bezahlung der Bereitschaftsdienste.
Ich habe eigentlich auch noch nie gehört, dass Ärzte irgendwann genug gehabt hätten.
sicherlich auch sehr hilfreich, dass eine der ersten Maßnahmen der Regierung Schröder die Halbierung der Anzahl Medizinstudienplätze war. Liege ich da richtig?
Beim Pflegepersonal verfährt man anders, damit die Gehälter des Pflegepersonals nicht in den Himmel wachsen, erhalten sie ab 2011 Unterstützung aus den neuen Ost - Eu -Ländern. Die scharren schon mit den Hufen.
Bei denen, die schon haben wird das Angebot an Arbeit systematisch verringert. Der Arbeitsmarkt der Pflegefachkräfte wird künstlich unter Druck gesetzt. Lohndumping! Das durch Lohndumping eingesparte Geld wird dann den Ärzten gegeben.
Eigentlich geht es den Ärzten auch nicht um eine Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen, sondern um die bessere Bezahlung der Bereitschaftsdienste.
Ich habe eigentlich auch noch nie gehört, dass Ärzte irgendwann genug gehabt hätten.
Ärzte verdienen sehr gut; alles andere ist Propaganda...
Ich bezweifle stark, dass die "Regierung Schröder" die Zahl der Medizinstudenten halbiert hat.
An meinem Studienort sind die Kapazitäten für Medizinstudenten komplett ausgeschöpft. Da passt kein zusätzlicher Mann mehr in einen Hörsaal oder in ein Seminar.
Soweit ich weiss wurden auch keine Fakultäten geschlossen ;-)
Wo sollte denn die angebl. doppelt so hohe Studentenzahl Ihrer Meinung nach studiert haben?
Oh Wunder.
In dem mit einem staatlichen Gesundheitssystem gesegneten Kanada gab es Ende der 80ger, Anfang der 90ger Jahre des letzten Jahrhunderts einen landesweiten Aerztestreik mit zum Teil verblueffenden Resultaten.
Nachdem der Streik einige Zeit angedauert hatte, leider ist mir der genaue Zeitrahmen nicht mehr im Gedaechtnis, stand eines Tages auf der ersten Seite der groessten ueberregionalen Zeitung die Schlagzeile:
“Sterberate seit Beginn des Aerztestreiks ruecklaeufig”
Am naechsten Tag war der Streik beendet.
Oh Wunder?!?
DAT
Ein Assistenzarzt macht einen Nachtdienst. Das ist etwas ziemlich schreckliches, denn letztlich lernt er noch, ist aber nun alleine und voll verantwortlich für die Kranken im Krankenhaus und auch die herein kommenden Notfälle.
Für diese Arbeitsbelastung bekommt er je nach Dienststufe einen Abschlag von 20 bis 70% auf den Stundenlohn. Nach Arbeitszeitverordnung muss er am nächsten Morgen frei nehmen. Dafür werden ihm die entsprechenden Stunden im Tagdienst, die voll bezahlt werden, obwohl sie sehr viel einfacher abzuleisten sind, abgezogen. Er muss aber trotzdem arbeiten, sozusagen ohne Wissen seiner Vorgesetzten (haha) und der Verwaltung (haha), da sonst die Patientenversorgung auf seiner Station auf den Nullpunkt zusammenfällt.
Im Ergebnis wird ein Nachtdienst geleistet, dafür gibt es einen Lohnabschlag und als Dreingabe einen Tagdienst, der nicht bezahlt wird.
Das ist die Realität.
Den oben agierenden Sozialneidern sei ins Buch geschrieben: Ihr macht den Ärztestand mit kaputt. Damit beschädigt Ihr das medizinische System. Ärzte sind doch schon massenweise auf der Flucht aus den Krankenhäusern und Praxen. Wollt Ihr denn dann die Medizin machen?
Ersatz aus Polen etc. zieht nicht. Der Versuch vor einigen Jahren polnische und ukrainische Ärzte in Brandenburg anzusiedeln scheiterte: Durchschnittlich Verweildauer 3 Woche - wegen zu schlechter Arbeitsbedingungen - Dann waren sie unterwegs nach England, Holland, Schweden, USA usw.
Vielleicht mal weniger naschen, soll helfen...
Vielleicht mal weniger naschen, soll helfen...
Die Entscheidende Frage ist warum geht es immer um das Gehalt als um die Arbeitszeiten? Klar ist Geld zu bekommen wohl einfacher wenn man sich mal überlegt wie lange und erbittert für die 37,5h Woche durch Verdi gekämpft wurde.
Jedenfalls gab es in der tz online eine Tabelle wo u.a ein Facharzt im 7.Jahr mit einem Chemiker im 7.Berufsjahr verglichen wurde. Der Chemiker kommt im Schnitt auf knapp 4400 Euro im Monat und der Arzt auf 5600 Euro PLUS 1800 Euro Bereitschaftsdienst macht zusammen ca 7400 Euro.
Ohhh zu wenig =/
Jetzt der WITZ: Eine Klinik wollte mal den Bereitschaftsdienst abschaffen und mehr Ärzte einstellen um das auf zu fangen (Modell Norwegen wo Ärzte nie mehr als 45h/Woche arbeiten dürfen). So hätten die Ärzte eben weniger arbeiten müssen aber eben auch auf die steuerlich sehr gut gestellten 1800 Euro verzichten müssen. Was ist passiert? Die Ärzte haben durchgesetzt das dieses Modell NICHT eingeführt wurde aus dem Grund weil das ja ihr Gehalt schmälern würde. WORUM geht es also den Ärzten? Arbeitszeit oder um das Gehalt???? Man kann eben nicht beides haben.
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