TrauerbegleiterHelfer in bitteren Stunden

Trauerbegleiter helfen Menschen, mit dem Verlust eines Angehörigen fertig zu werden. Immer mehr arbeiten freiberuflich auf Honorarbasis – wie Annette Meißner. von Ulrike Schnabel

Die Frauen, die an diesem Morgen gemeinsam im Kreis sitzen, sind so vielfältig wie ihre Geschichten. Eine Altenpflegerin ist dabei, eine Friedhofsmeisterin und eine verwaiste Mutter, die um ihre Tochter trauert. Sie alle wollen das Gleiche: Mitmenschen durch die Zeiten der Trauer begleiten, Hilfe anbieten und zuhören. Sie wollen Trauerbegleiter werden und beginnen deshalb eine zweijährige Weiterbildung.

"Viele Trauerbegleiter haben bereits mit dem Tod zu tun, sie arbeiten im Hospiz, im Krankenhaus, in der Lebensberatung oder als Seelsorger. Diese Menschen fühlen sich trotz des engen Kontakts mit Trauernden unsicher. Indem sie lernen, was Trauer bedeutet und in welchen Prozessen sie abläuft, werden sie in ihrer Arbeit sicherer", sagt Annette Meißner, die Seminarleiterin. Sie arbeitet seit vielen Jahren als freiberufliche Trauerbegleiterin.

Anzeige

Irina Hradký will erst eine werden. Sie hat sich gerade mit der Trauerarbeit selbstständig gemacht, hat davor aber fast 20 Jahre einen Friedhof betreut. Sie sprach mit Hinterbliebenen Beisetzungen ab, suchte einen schönen Platz für das Grab, hat auch oft nur reine Trauerarbeit geleistet. Jetzt will sie ihre Erfahrung in der Weiterbildung verfestigen. "Ich wohnte neun Jahre direkt am Friedhof", erzählt die Friedhofsmeisterin. "Ich war ein Gerüst für die Leute und das will ich auch jetzt noch sein."

Genau das vermissen Trauernde. Angehörige, Freunde, Nachbarn sind überfordert mit ihnen und ihren Gefühlen. Aus Unsicherheit, aus Angst etwas Falsches zu sagen, sagen sie lieber gar nichts und lassen die Trauernden mit ihrem Schmerz allein.  "In einer Welt, in der alles möglich scheint, fällt es uns schwer zu akzeptieren, dass wir begrenzt sind", sagt Lebensberaterin Annette Meißner. "Tod und Trauer werden deshalb zu etwas Bedrohlichem."

Mit jedem Trauernden geht Annette Meißner unterschiedlich um, erzählt sie. Manchmal gibt sie konkrete Tipps, meistens hört sie zu oder schweigt einfach. "Es gibt da keine fertigen Rezepte", sagt sie. Entsprechend vielseitig und herausfordernd ist ihr Beruf. Das Ziel ist dabei immer, die Hinterbliebenen an die eigenen Kräfte und das eigene Netzwerk zu erinnern. "Ich gehe davon aus, dass die Menschen genau wissen, was sie brauchen." Die Trauerbegleiterin bestärkt die Hinterbliebenen so in ihrem Erleben und zeigt ihnen, dass ihre Situation völlig normal ist. "Ich stabilisiere die Menschen, sodass meine Arbeit für sie mit der Zeit überflüssig wird", sagt Meißner.

Ihr eigenes Interesse an der Begleitung von Trauernden weckten persönliche Erlebnisse. Ihr Mann ist Witwer und durch ihre Arbeit als Lebens- und Paarberaterin wurde sie immer wieder mit Trauer konfrontiert. "Menschen trauern nicht nur, wenn jemand gestorben ist. Wenn sie etwas Altes zurücklassen, um etwas Neues anzufangen, ohne zu wissen, ob ihnen das gut tut. All das sind auch Trauerprozesse", sagt sie. Gerade weil der Tod und Verluste aus dem Leben ausgeklammert würden und alte Rituale verloren gegangen seien, hätten die meisten Menschen kein Konzept, um mit den Schicksalsschlägen fertig zu werden. In der Betreuung mit der Trauerbegleiterin lernen die Hinterbliebenen, den Verlust zu überwinden.

Für ihre Dienste nimmt Annette Meißner ein Honorar. Die meisten Trauerbegleiter arbeiten allerdings ehrenamtlich, oftmals im Krankenhaus, Altenheim oder Hospiz. Es gibt auch eine Reihe von Psychologen mit einer entsprechenden Zusatzqualifikation. Dann übernimmt die Krankenkasse die Therapie.

"Trauernde sollten sich vorher erkundigen, wie viel Zeit sich die Trauerbegleiter nehmen können, und weil der Beruf als Trauerbegleiter nicht geschützt ist, sollten sie auch nach der Ausbildung des Begleiters fragen", rät Annette. Mindestens 150 Stunden sollte die Ausbildung ihrer Meinung nach gedauert haben.

Eine lange Zeit. In der Weiterbildung, an der Irina Hradký und die anderen teilnehmen, sind diese Stunden über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren verteilt. Danach hoffen die Kursteilnehmerinnen, sichere und verlässliche Helfer in bitteren Stunden zu sein.

Zur Startseite
 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte Krankenhaus | Weiterbildung | Arbeit | Ausbildung | Krankenkasse | Schmerz
    Service