Bore-OutKrank vor Langeweile

Burn-Out ist bekannt und als Krankheitsbild akzeptiert. Das Bore-Out-Syndrom wird dagegen nicht ernst genommen und belächelt, sagt der Psychotherapeut Wolfgang Merkle. von dpa

Das Burn-Out-Syndrom ist zurzeit in aller Munde. Weit weniger bekannt und oft noch belächelt ist dagegen das sogenannte Bore-Out : wenn jemand aus Langeweile ( boredom ) oder Unterforderung im Job krank wird. "Das Burn-Out ist sehr viel angesehener, als darüber zu klagen, dass man nicht genug zu tun hat, falsch eingesetzt ist oder kein Interesse an seiner Arbeit hat", sagt der Frankfurter Psychotherapeut Wolfgang Merkle. Aber: ob Stress durch Unter- oder Überforderung, die Symptome können Merkle zufolge die gleichen sein. Dazu zählen Schlafstörungen, Depressionen oder psychosomatische Erkrankungen wie Magendarmbeschwerden oder Anfälligkeit für Infekte.

Nach Merkles Auffassung werden die Themen Burn- und Bore-Out immer relevanter. "Insgesamt gibt es die Tendenz in der Gesellschaft, auf die qualifizierten Leute immer mehr abzuladen, und andererseits leiden die Leute, die gar nichts oder zu wenig zu tun haben, immer häufiger unter dem Stress durch Minderanforderung."

Anzeige
Leiden Sie an Bore-out?
  • Erledigen Sie private Dinge während der Arbeit?
  • Fühlen Sie sich unterfordert oder gelangweilt?
  • Tun Sie ab und zu so, als ob Sie arbeiten würden ­– haben tatsächlich aber gar nichts zu tun?
  • Sind Sie am Abend müde und erschöpft – obwohl Sie gar keinen Stress hatten?
  • Sind Sie mit Ihrer Arbeit eher unglücklich?
  • Vermissen Sie den Sinn in Ihrer Arbeit, die tiefere Bedeutung?
  • Könnten Sie Ihre Arbeit eigentlich schneller erledigen, als Sie dies tun?
  • Würden Sie gerne etwas anderes arbeiten, scheuen sich aber vor dem Wechsel, weil Sie dabei zu wenig verdienen würden?
  • Verschicken Sie während der Arbeit private E-Mails an Kollegen?
  • Interessiert Sie Ihre Arbeit nicht oder wenig?

Auswertung: "Wenn Sie mehr als viermal ein Ja eingesetzt haben, leiden Sie am Bore-out oder sind auf dem Weg dorthin."

(Quelle: Philippe Rothlin / Peter R. Werder: Diagnose Bore-out: Warum Unterforderung im Job krank macht, 2007: Redline Wirtschaft Heidelberg, 126 Seiten, 17,90 Euro)

Literatur zum Thema

Philippe Rothlin / Peter R. Werder: Diagnose Bore-out: Warum Unterforderung im Job krank macht, 2007: Redline Wirtschaft Heidelberg, 126 Seiten, 17,90 Euro

Philippe Rothlin / Peter R. Werder: Die Bore-out-Falle: Wie Unternehmen Langeweile und Leerlauf vermeiden, 2008: Redline Wirtschaft Heidelberg, 160 Seiten, 19,90 Euro

Daniel Beye: Innere Kündigung durch Bore-out?: Untersuchung des Zusammenhangs von Unterforderung und Leistungsbereitschaft am Arbeitsplatz, Grin Verlag: 2009, 76 Seiten, 24,99 Euro

Markus H. Kipfer: Bore-out: Ein neues Konzept oder längst in der Psychologie etabliert? VDM Verlag Dr. Müller: 2009, 160 Seiten, 59 Euro
 

Klassischerweise sei das Bore-Out-Syndrom in jenen Bereichen der Arbeitswelt verbreitet, in denen durch Rationalisierung und Software- Fortschritte Aufgaben wegfallen, insbesondere in der Verwaltung und im Dienstleistungssektor. Allerdings kämen in der Wirtschaftskrise, in der viele Firmen unter Auftragsflaute leiden, Bore-Outs verstärkt auch in anderen Branchen, etwa im Bankgewerbe, vor. In diesen Zeiten, in denen auch Arbeitsplätze wegrationalisiert werden, sei der Druck außerdem groß, die "Notwendigkeit seines Arbeitsplatzes unter Beweis zu stellen" und trotz Langeweile sogar noch Überstunden zu machen. Selbstständige dagegen litten seltener unter Bore-Out.

Erstmals beschrieben wurde das Bore-Out nicht in der Medizin, sondern in der Wirtschaft: 2007 veröffentlichten die Schweizer Unternehmensberater Philippe Rothlin und Peter R. Werder das Buch Diagnose Bore-Out . Ebensowenig wie das Burn-Out ist das Bore-Out bisher als Krankheitsbild definiert , wie Merkle sagt. "Es ist eher umgangssprachlich zum Krankheitsbild geworden. Es handelt sich um eine Konstellation, die zu Krankheitsanfälligkeiten führt."

Merkle ist Chefarzt der Psychosomatischen Klinik am Frankfurter Hospital zum heiligen Geist. Er schätzt, dass von jährlich 300 aufgenommenen Patienten seiner Klinik rund 30 an Unterforderung im Job leiden. Auswege seien, sich um Weiterbildungen zu bemühen, versetzen zu lassen oder zu trauen, sich woanders zu bewerben. Den Patienten werde mit psychotherapeutischen Gesprächen geholfen, teils auch mit Körper-, Kunst- oder Musiktherapie sowie mit Entspannungsverfahren.

Sind Männer oder Frauen öfter betroffen? Für Stress-Phänomene seien Männer insgesamt anfälliger, beim Bore-Out sieht Merkle aber ein "leichtes Übergewicht" bei Frauen. "Das kann aber auch daran liegen, dass sich Frauen bei seelischen Beschwerden eher um Hilfe bemühen, während Männer das eher mit Suchtmitteln oder Gewalt abreagieren."

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Bis auf
    "Sind Sie am Abend müde und erschöpft – obwohl Sie gar keinen Stress hatten?"
    trifft alles bei mir zu.
    Zum Glück habe ich zwei Tage die Woche Homeoffice, sonst würde ich verrückt werden.
    Meine Gedanken dazu: http://faustjucken.a60.us...

    • SYD07
    • 26. Juni 2010 16:10 Uhr

    Natürlich ist es eine Lektüre zwischendurch, die mal eben halbwegs 'süffisant' lächeln lässt.. und ich bin ja auch zur Zustimmung geneigt, bei so ziemlich allen Punkten ; )
    Deshalb bedarf es aber keinen neuen F-Klassifikation für ein vermeintliches Bore-Out, die 'Folgeerkrankungen', wie die angerissenen, bleiben ja die gleichen Erfassten.

    Spontan wäre ich eher dafür, die Sanktionen für zugegebene Unterforderung zu reduzieren - ich möchte mir nur für 5 Minuten vorstellen, wie mein Arbeitsalltag aussähe, würde ich ohne Überheblichkeit gestehen meine Arbeit innerhalb von 2 Stunden anstelle der angesetzten 8 machen zu können, wäre ich nicht irgendwie durch andere zeitliche Abläufe gezwungen anwesend zu sein.. Meine eh cholerische Chefin würde mich wohl häuten. Und so wirds bleiben, bis zur Umorientierung oder dem inneren Frieden mit diesem Zustand bei gleichzeitiger Forderung im Privaten. Es steht mir ja frei 8 Stunden kognitive Schwachströme zu erdulden, um mich dann nach Feierabend anders zu beschäftigen ; ) Mit dieser Einsicht wirds hoffentlich auch weniger anstrengend, ich übe dann mal ab Montag.

  2. neue Krankheit oder könnte man auch fragen "Haben sie überhaupt schon richtig gearbeitet?
    Jetzt auch noch denen,die durch Faulheit andere ausnutzen und dafür Tariflohn erhalten , das kann doch nur ein Witz sein oder? Bei uns gibt es wirklich nichts, was es nicht gibt!

    • SYD07
    • 26. Juni 2010 18:03 Uhr
    4. Zu 3.

    Warum man hier auch so schnell ungehalten vorwürfig werden muss, beleibt mir Zeit meiner Anmeldung ein Rätsel.

    Da hätte ich von Ihnen doch gern erst mal einen Abriss, was 'richtiges' Arbeiten ist und dann mache ich mich gern an die Beantwortung.

    Im Voraus möchte ich allerdings schon mal Brief und Siegel (unfreundlich unfundierte Unterstellung übrigens) darauf geben weder faul zu sein, noch einen Tariflohn zu erhalten. Wäre der Artikel nicht nur überflogen sondern bei der Lektüre durchdacht worden, wäre aufgefallen: nigens geht es darum, dass jemand das unterfordernde Arbeitspensum nicht schafft und die Last seiner Untätigkeit andere Geld und Arbeitszeit kostet.

  3. "Wenn Sie mehr als viermal ein Ja eingesetzt haben, sind Sie Beamter oder auf dem Weg dorthin."

    Den konnte (wollte) ich mir nicht verkneifen (wg. Bore-out);-)

    • multix
    • 26. Juni 2010 20:27 Uhr

    Das im Artikel beschriebene Krankheitsbild ist schon etwas älter, es wird seit den 50/60 Jahren als sog. "Hausfrauen-Syndrom" bezeichnet und ist auch auf betriebl. Ebene bzw. i.d. Arbeitswissenschaften / Betriebssoziologie als Variante "innerer Kündigungen" bekannt.
    Aus letztgenannter Ecke stammen Ansätze dem Bore-Syndrom und damit verbundenem Sinken produktiver und / oder als sinnvoll bewerteter Tätigkeiten durch job-enrich/enlargement entgegen zu wirken.
    Seitdem aber - gegen Ende der 90er - die betriebl. Bildung i.d.R. outgesourct / ausgelagert bzw. der privaten Initiative der AN überlassen wurde, ist die Thematik individualisiert und z.B. von (Arbeits u.a.) Marktradikalen und selbsternannten Leistungsträgern in die Lächerlichkeit - nahe den o.g. Nur-Hausfrauen - getrieben worden.
    Es soll bloß keine/r merken, dass die Jobs auf breiter Front nicht interessanter sondern öder geworden sind, aber:
    Hauptsache Arbeit!
    Warum sollte man an inhalts/sinnleerer bezahlter Tätigkeit was ändern, solange mensch in diesem Hamsterrad mitlaufen muß um den Lebensunterhalt als im Betrieb Vereinzelter zu sichern?
    Es ist nicht nur Langeweile, es ist auch betriebl. produzierte Kontakt & Kommunikationsarmut die eine Leere herstellt, die irgendwann krank macht.
    Aus meiner Sicht haben sich dahingehend die Arbeitsbedingungen in den letzten 20 Jahren massiv verschlechtert - viele ackern nur wie die Karnickel im Wettlauf um den Erhalt ihres Arbeitsplatzes - da bleibt einiges a.d. Strecke.
    Weiter so?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Warum sollte man an inhalts/sinnleerer bezahlter Tätigkeit was ändern, solange mensch in diesem Hamsterrad mitlaufen muß um den Lebensunterhalt als im Betrieb Vereinzelter zu sichern?"

    Wer ist denn hier man?
    Der Arbeitgeber? Der Chef?
    Warum immer über andere klagen?

    Wie wäre es stattdessen mit "ICH"?
    Ich bin unzufrieden.
    Ich bin nicht bereit, diese Situation zu ertragen.
    Ich werde für mich etwas ändern!

    Oder, weil das anstrengend ist und Mut erfordert doch besser Ihr bequemes "weiter so im Hamsterrad"?

    Diese Entscheidung treffen doch ausschließlich Sie selbst.
    Also dann bitte auch nicht über die Konsequenzen jammern.

    • Spez
    • 27. Juni 2010 9:35 Uhr

    Mir kam das alles so bekannt vor und auch die anderen Teile ihres Kommentars kann ich nur bestätigen. Mich wundert sowieso, dass die Psychotherapeuten in diesem Gebiet rumstreunern, da es Teil der Arbeitspsychologie ist und wie sie schon sagen auf Unternehmensseite gelöst werden sollte. Aber es ist eine Entwicklung in unserer Gesellschaft Probleme zu individualisieren und somit zu marginalisieren. Siehe die Antwort auf ihren Kommentar:)

  4. "Warum sollte man an inhalts/sinnleerer bezahlter Tätigkeit was ändern, solange mensch in diesem Hamsterrad mitlaufen muß um den Lebensunterhalt als im Betrieb Vereinzelter zu sichern?"

    Wer ist denn hier man?
    Der Arbeitgeber? Der Chef?
    Warum immer über andere klagen?

    Wie wäre es stattdessen mit "ICH"?
    Ich bin unzufrieden.
    Ich bin nicht bereit, diese Situation zu ertragen.
    Ich werde für mich etwas ändern!

    Oder, weil das anstrengend ist und Mut erfordert doch besser Ihr bequemes "weiter so im Hamsterrad"?

    Diese Entscheidung treffen doch ausschließlich Sie selbst.
    Also dann bitte auch nicht über die Konsequenzen jammern.

    Antwort auf "bored to be alive"
    • Spez
    • 27. Juni 2010 9:35 Uhr

    Mir kam das alles so bekannt vor und auch die anderen Teile ihres Kommentars kann ich nur bestätigen. Mich wundert sowieso, dass die Psychotherapeuten in diesem Gebiet rumstreunern, da es Teil der Arbeitspsychologie ist und wie sie schon sagen auf Unternehmensseite gelöst werden sollte. Aber es ist eine Entwicklung in unserer Gesellschaft Probleme zu individualisieren und somit zu marginalisieren. Siehe die Antwort auf ihren Kommentar:)

    Antwort auf "bored to be alive"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle dpa
  • Schlagworte Stress | Übergewicht | Depression | Medizin | Rationalisierung | Verwaltung
Service