Da stehen sie nun, nur getrennt durch eine Glasscheibe und zwei Prozent ihres Erbguts. Auf der einen Seite Sepp-Toni aus Liberia, gut einen Meter groß und am ganzen Körper schwarz behaart. Auf der anderen Seite Christian Dolif aus Düsseldorf, 1,90 Meter groß und blond. Sepp-Toni ist Oberaffe im Schimpansenrudel des Gelsenkirchener Zoos. Christian Dolif ist Bereichsleiter Kreditrisiko bei einer Düsseldorfer Bank. Die beiden Primaten mustern sich gegenseitig, doch nur einer von beiden trägt eine Brille auf der Nase und Block und Bleistift in der Hand.

Über zwanzig Menschen mit den unterschiedlichsten Berufen sind diesmal zum "Apemanagement"-Seminar in die Gelsenkirchener Zoom Erlebniswelt gekommen, um unter Anleitung des holländischen Biologen Patrick van Veen den Affen in sich kennen zu lernen. Das Wissen um die tierischen Wurzeln – immerhin sind über 98 Prozent des Genmaterials von Menschen und Schimpansen identisch – kann, so van Veen, den Umgang mit Kollegen und die Führung von Mitarbeitern erheblich erleichtern. Per Power-Point-Vortrag, Videoaufnahmen und Beobachtungen im Affenstall möchte er Managern und Angestellten seine Sicht der sozialen Dynamik innerhalb von Unternehmen aufzeigen.

Auf die Idee kam Patrick van Veen während seiner Zeit als Projektmanager in einem Versicherungskonzern. Schon nach kurzer Zeit fühlte sich der Biologe ständig an Inhalte aus seinem Studium erinnert: "Das Verhalten, was ich dort im Unternehmen sah, war das gleiche wie in einem Affenrudel." Der Vorgesetzte, der laut redend durch die Flure polterte unterschied sich kaum vom Schimpansenboss der versucht seine Herde zu beeindrucken: Beide stellen ihre Macht zur Schau. Die Rangniedrigeren hingegen ordneten sich scheinbar unter, um dann aber bei jeder sich bietenden Gelegenheit am Chefsessel zu sägen. Zwei Jahre beobachtete van Veen im Unternehmen, dann stand seine Diagnose fest: "Hilfe, mein Chef ist ein Affe!". So nannte er dann auch sein Buch, das er wenig später in Holland veröffentlichte.

Genau das, was Patrick van Veen für seine Buchrecherche gemacht hat, versucht jetzt Christian Dolif im Gelsenkirchener Schimpansengehege: Er beobachtet. Er sieht wie das jüngere Weibchen Vila die ältere Xandra um Essen anbettelt. Oder wie der kleine Dongo wild herum tobt und die älteren Familienmitglieder am Fell zieht, ohne bestraft zu werden. In einer Firma könnte das der neue Mitarbeiter sein, der – wie Vila – zunächst auf die Gunst der Älteren angewiesen ist. Gleichzeitig darf er in der Eingewöhnungszeit, wie Dongo, auch mal Fehler machen und seine Grenzen testen.

Christian Dolif hat auch beobachtet, wie sich der Chef Sepp-Toni auf die Salatköpfe gestürzt hat, die ein Pfleger ins Gehege geworfen hat. Jetzt hängt Sepp-Toni von der Käfigdecke, eine Hand greift um die Gitterstäbe, in der anderen Hand, in beiden Füßen und zwischen den Zähnen hält er jeweils einen Salatkopf fest. "Überall verteilt der Chef die Suppe", sagt Patrick van Veen. Und egal, ob es sich dabei um einen Salatkopf im Affenhaus oder die Beförderung zum Abteilungsleiter im Unternehmen handelt - wer ein Stück vom Kuchen ab haben will, muss sich gut mit dem Oberaffen stellen.