Arbeitspsychologie "Der Rücktritt kann eine Befreiung sein"

Führungskräfte werfen nur scheinbar plötzlich hin. Der Entscheidung ist immer ein langer innerer Prozess vorausgegangen, sagt der Arbeitspsychologe Michael Kastner im Interview.

Gehen oder bleiben? Selten wirft eine Führungskraft einfach so hin. Oft geht der Entscheidung ein langer innerer Kampf voraus

Gehen oder bleiben? Selten wirft eine Führungskraft einfach so hin. Oft geht der Entscheidung ein langer innerer Kampf voraus

ZEIT ONLINE: Erst kürzlich stellte der Business-Monitor im Auftrag des Handelsblatt fest, dass Manager immer öfter an ihre Belastungsgrenzen kommen . Was geht in einem Menschen vor, der eine Machtposition hat, von heute auf morgen hinzuwerfen?

Michael Kastner: Eine solche weitreichende Entscheidung ist nur vermeintlich abrupt, tatsächlich geht ihr eine Inkubationszeit voraus. Das ist ein langer, innerer Prozess, der für die Außenwelt nicht erkennbar ist. Die Entscheidung, eine Führungsposition aufzugeben, wird nicht über Nacht gefällt und hat auch selten einen einzigen Grund. Vielmehr ist sie der Schlusspunkt eines langen Prozesses, in dem Druck, Stress und Negativerlebnisse das Selbstwertgefühl massiv verletzt haben.

Anzeige

ZEIT ONLINE: Irgendwann hat man einfach keine Lust mehr?

Kastner: Sie können die Situation mit einer Scheidung vergleichen: Derjenige, der sich trennt, hat schon lange vorher die Trennung durchgespielt. Man muss dabei auch die Psychodynamik berücksichtigen. Alles wird immer hektischer, dynamischer und komplexer. An Menschen in Führungspositionen wird aber der Anspruch gestellt, den Überblick zu bewahren. Es gibt aber auch zahlreiche Vorstände von großen Konzernen, die sich überfordert und einer Dynamik ausgeliefert fühlen, die sie nicht kontrollieren können.

ZEIT ONLINE: Aber ist dies nicht das Eingeständnis, die falsche Person für eine Führungsposition zu sein?

Michael Kastner
Michael Kastner

Michael Kastner ist Arzt und Psychologe. Er leitet das Institut für Arbeitspsychologie und Arbeitsmedizin (IAPAM) in Herdecke und hat den Lehrstuhl für Organisationspsychologie an der Universität Dortmund inne.

Kastner: Die moderne Arbeitsgesellschaft hat Positionen hervorgebracht, in denen die Menschen permanent Entscheidungen treffen müssen und eine sehr hohe Verantwortung tragen, in der ein Rückzug in die Nische kaum möglich ist. Denken wir an globale Konzerne, in denen Vorstände für Zehntausende von Mitarbeitern verantwortlich sind. Diese Menschen stehen unter einem extremen Erwartungsdruck. Sie werden zu Entscheidungsmaschinen und bei Kritik werden sie auch dünnhäutig.

ZEIT ONLINE: Kann es nicht sein, dass der Erwartungsdruck motivierend sein kann?

Kastner: Das ist zu Beginn auch der Fall. Nehmen wir zum Beispiel jemanden, der Vorstandsvorsitzender eines Konzerns wird. Der tritt natürlich mit dem Vorhaben an, alles besser zu machen. Er trifft Entscheidungen, die Auswirkungen haben. Und irgendwann wird er auch Entscheidungen in schwierigen Situationen treffen, die kritisiert werden. Wenn die Kritik immer schärfer wird, hat derjenige irgendwann das Gefühl, dass sein Einsatz nicht ausreichend geschätzt wird. Dann fehlt die Anerkennung, und die innere Balance ist gestört.

ZEIT ONLINE: Nun könnte man einwerfen, dass die Anerkennung eines Vorstandsvorsitzenden über ein entsprechendes Gehalt erfolgt.

Kastner: Anerkennung und Wertschätzung lassen sich nicht mit Geld ausdrücken. Besonders stark karriereambitionierte Menschen neigen dazu, wie Getriebene zu agieren. Mit dem Aufstieg auf der Karriereleiter wächst die Tendenz, immer mehr und mehr zu arbeiten. Mit der Verantwortung steigt auch die Zahl der Entscheidungen – und mit diesen natürlich die Kritik daran. Hinzukommen interne Machtkämpfe. Das kann zermürben. Das hat dann Spätfolgen und Nebenwirkungen. Nicht umsonst steigen die Zahlen der Burn-out-Erkrankungen und Depressionen.

Leser-Kommentare
  1. 1. Coach

    Letztendlich geht es um zerreißende Seilschaften im Zusammenspielt mit dem Peter-Prinzip. Jemand kommt nach oben, gefördert von einen Gönner, eine Seilschaft etabliert sich, es läuft so weit gut.

    Irgendwann strauchelt der Gönner oder der andere Seilpartner an falschen Zielen oder Gesundheitlichen Gründen. Der meist ohnehin schon große Stress wird durch aggressives Auftreten und schnellere Befindlichekeitsstörungen immer deutlich. Wer sich dann nicht nach einem neuen Job umsieht, hat schon verloren. Die Dynamik steigert sich zu weiteren Impulsentscheidungen, welche das personelle Umfeld noch mehr zerstören usw. usf.

    Coaches und Psychologen verdienen vorher und nachher eh, handeln kann man nur selber.

  2. ...darauf habe ich schon gewartet. Diese Ratschläge brauchte Köhler nicht - sonst hätte er sie sich längst besorgt. Politik und Volk brauchen diese Lebenshilfe - und Köhler hat sie ihnen gegeben durch seinen Rücktritt. Regierung und Volk turnen an Trapezen in der Gegend umher und wissen nicht mehr wann sie loslassen oder zupacken sollen - Köhler nicht. Der turnte nie auf dem Trapez!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • lepkeb
    • 02.06.2010 um 13:58 Uhr

    eigentlich nichts mehr hinzufügen.

    • lepkeb
    • 02.06.2010 um 13:58 Uhr

    eigentlich nichts mehr hinzufügen.

  3. Oftmals liegt Karrieren ein handfester Minderwertigkeitskomplex zu Grunde; reduziert damit die von außen so schön anzuschauende Biderbuchkarrierre zu einer kompensatorischen Leistung.

    Das Fatale an diesem kompensatorischen Prozess ist, dass mit fortschreitendem äußeren Erfolg das Minderwertigkeitsgefühl weiterhin als treibende Kraft vorhanden bleibt.

    Am Ende eines solchen Prozesses kann ein Burn-Out bzw. eine Ich- Im- oder Explosion stehen.

    Wenn der Betroffene sich persönlich weiter entwickelt, ist Kompensation auf der Karriereleiter vielleicht gar nicht mehr nötig.

    • lepkeb
    • 02.06.2010 um 13:58 Uhr

    eigentlich nichts mehr hinzufügen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Da stimme ich Ihnen vorbehaltlos zu.

    Da stimme ich Ihnen vorbehaltlos zu.

  4. Da stimme ich Ihnen vorbehaltlos zu.

    Antwort auf "Dem kann man "
  5. Nicht selten ist vorgegebene Anlass des Rücktritts eine bloße Lappalie. Jahrelange Ärgernisse, mangelnde politische Kooperation und Frust sind zweifellos vorausgegangen. Köhler war sportlich und intellektuell fit, und er plante seinen Abgang so sorgfältig wie jede Handlung in seiner Karriere. Am letzten Tag des Monats punkt 12:00 Uhr Anruf bei der Kanzlerin, 120 Minuten Kündigungsfrist, und punkt 14:00 Uhr die Kündigung vor den Mikrophonen der Presse. Das ist kein Fall von "Burnout".

  6. Man kann natürlich Köhlers Handlung interpretieren.

    Dann würde ich mal sagen: Der hat es Frau Merkel und Herrn Westerwelle mal so richtig gezeigt. Er hat ihnen sozusagen den blanken Hintern hingehalten. Er hält von denen wohl gar nichts.

    Das ist zwar auch eine Interpretation, in diesem Fall halt meine und wohl auch die der Mehrheit der Bevölkerung. Einen schöneren Stinkefinger haben wir in den letzten Jahren also wohl kaum gesehen.

  7. Mit Verlaub, ich halte von den Antworten von Herrn Kastner nicht besonders viel.
    Die generelle Aussage, dass einer Entscheidung ein Prozess vorausgegangen ist, trage ich noch mit.

    Welche genauen Beweggründe die einzelne Führungsperson für ihren Rücktritt hat, lässt sich nicht pauschalisieren. Ich bezweifle, dass die Gründe sich auch nur annähernd gleichen.

    Der eine mag überarbeitet sein, der andere wird wegen Fehlentscheidungen stark kritisiert, der nächste hat Probleme in der Zusammenarbeit mit anderen Personen im Unternehmen, der nächste wird gemobbt, der nächste hat persönliche und familiäre Probleme, der nächste merkt, dass ihm keine persönliche Freizeit mehr bleibt, der nächste hat genug Geld gescheffelt und will es ausgeben, der nächste...

    Ich halte es für eine Anmaßung, wenn sich ein Arzt und Psychologe in der hier vorgenommenen Art und Weise äußert. Es ist schon erstaunlich, dass manche Leute denken, dass sie in die Köpfe anderer schauen können.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service